Die Gorka von Ust-Zilma

Ust-Zilma ist ein Dorf und das Zentrum der gleichnamigen administrativen Einheit der Republik Komi. Es befindet sich im Norden der Republik im Niederlauf der mächtigen Petschora. Das ist ein eigenartiges Gebiet der Republik mit reichen Traditionen. Eine davon ist die Gorka von Ust-Zilma.

Darüber ist mein heutiger Bericht.

Das Gebiet bietet seinen Entdeckern eine Reihe der unvergesslichen Erlebnisse. Hier kommen nicht nur Folkloristen und Ethnographen, sondern auch Touristen auf ihre Kosten. Ust-Zilma überrascht mit seinen uralten Traditionen der Altgläubigen, die über Generationen fortbestehen und weiter sorgfältig gepflegt werden. Die Hochburg aller sommerlichen Feierlichkeiten bildet Die Gorka von Ust-Zilma – ein viertägiges Volksfest. Die Zuschauer geraten in die Atmosphäre der heidnischen slawischen Bräuche und Ritualien des XV. Jahrhunderts und haben eine gute Möglichkeit ein Stück uriges Russland zu erleben.

Die Bedeutung des Festes geht auf das alte Brauchtum der Verehrung der slawischen Gottheit Jarilo (Sonne) zurück. Damals versammelte man sich auf einem Hügel und begrüßte die Sonne mit Liedern und Reigen. Danach begann die Heuernte. Heutzutage werden Reigen nur am 7. Juli (Tag Johannes des Täufers, russ. Iwan-Kupala-Tag) und am 12. Juli (Tag des Heiligen Petrus, in Ust-Zilma als „Petrowschtschina“ bekannt) geführt, dabei werden Lieder gesungen. Die Petrowschtschina ist für die Ust-Zilmaer von großer Bedeutung. In der Nacht gedenkt man der verstorbenen Verwandten. Man meint, dass in dieser Nacht die Grenzen zwischen dem Irdischen und Unterirdischem durchsichtig sind. Es wurde früher unbedingt jenseits des Flusses gegessen, eine Art des Leichenmahles. Die Leute fuhren zum anderen Ufer des Flusses, denn in der Folklore bedeutet die Flussfahrt die Fahrt in das Land der Toten. Es wird meistens Weizenbrei gekocht – das traditionelle Gericht am Petrustag. Nach altem Glauben zieht die Seele des Toten in einen Vogel hinein, deshalb muss man an diesem Tag das verzehren, womit die Vögel gefüttert werden – Grütze. Die Vögel gelten als Vermittler zwischen zwei Welten, der Fluss verbindet diese Welten und das Wasser wird dabei zum Symbol der abgelaufenen Zeit.

Am Abend strömt das ganze Dorf dem Ufer der mächtigen Petschora zu. Es werden die so genannten Familienfeuer angezündet. Jede Familie sitzt an ihrem eigenen Feuer. Überall herrscht die fröhliche Stimmung. Das Feuer beleuchtet die Gesichter, der Brei schmeckt, Familien und die ganzen Sippen unterhalten sich, singen Lieder und erinnern sich an die Traditionen aus den guten alten Zeiten. Ust-Zilmaer saugen die alten Sitten mit der Muttermilch ein – manche kennen ihre Vorfahren bis ins siebente Geschlecht.

Am Tage wird „Krasnaja Gorka“ gefeiert. Das ist das wichtigste Dorffest. Die Folkloristen sind der Meinung, dass die festlichen Ritualien nur in Ust-Zilma in ihrer ursprünglichen Form erhalten sind. Überall sieht man Frauen in prachtvoller Nationaltracht aus Brokat.

Festlich angetan scheinen Mädchen und Frauen aus dem Mittelalter aufgetaucht zu sein, denn das ganze Gewand wird nach Schnittmustern des XV.-XVII. Jahrhunderts genäht. Die Tracht aus Rips, Brokat, Seide und Damast wird seit Jahrhunderten sorgfältig in den Familien aufbewahrt und an die Töchter vererbt.

Die Kleider rascheln und schimmern in Himmelblau, Rosa, Rot und Orange. Die bunten Trachtkapellen bewegen sich in bestimmten Reigenfiguren. „Säulen“ symbolisieren die mächtige Petschora, wohin mehrere Flüsse münden. Die „Führleine“ widerspiegelt die Petschora, die sich auf ihrem Weg zum Weißen Meer schlängelt. Der „Flechtzaun“ zeugt davon, dass sich alles wiederholt und das Leben wie ein Gewebe ist. „Kreis“ und „Quadrat“ stehen für die Sonne. Zwei Reihen der Teilnehmer „Seite gegen Seite“ verkörpern Himmel und Erde, das Männliche und das Weibliche, und ihre Gegenüberstellung ist das Streben nach Vereinigung. Jede Figur wird von einem bestimmten Lied begleitet. Die Eingesessenen sagen, dass die Gorka diesen Figuren streng folgen soll, denn die geometrische Symbolik vereint den Menschen und das Universum zu einem Ganzen. Der zweite Teil der Gorka wird in Tanzweise ausgeführt.

In Ust-Zilma zählt man 75 kultur-historische Denkmäler, 6 davon stehen unter dem Schutz des Staates. Das ist der eigenartige Winkel uriger Kultur. Die Gorka, die nationale Frauentracht, Ust-Zilmaer Sagen und Legenden und eigenartige Handwerkkunst ziehen hunderte von Ethnographen, Folkloristen, Künstlern und Touristen, diese riesige Schatzkammer der Kultur zu erforschen. Zahlreiche Tanz- und Liedkapellen bieten eigenartige Programme, wo man die Ritualien der Ust-Zilmaer hautnah erleben kann. Interessant ist die „Ust-Zilmaer Hochzeit“. Die Touristen beteiligen sich daran als Braut und Bräutigam. Es werden traditionelle Klagelieder gesungen. Handwerkkünstler präsentieren ihre Erzeugnisse: geschnitztes Holzgeschirr, verzierte Pyshmaer Löffel, gestrickte Handschuhe und Socken mit dem Ust-Zilmaer Volkskunstornament und Puppe im traditionellen Sarafan – ausgezeichnete Trophäen für einen Ethnotouristen.

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