Das groβe Waschen des Geistes

nach Gennadij Michejew: übersetzt mit Genehmigung des Autors

Im Dorf Kriwoj Nawolok, das tief in der Taiga verloren liegt, ist bis heute der wunderbare Brauch der Ikonenwaschung im Fluss Ker-Ju erhalten geblieben.

Die Ikonen werden aus der Dorfkapelle in einem Kreuzgang zum Fluss gebracht und… dort gewaschen. Im Laufe von mehreren Jahrhunderten hat das Wasser die heiligen Antlitze von den hölzernen Ikonen abgewaschen. Die Gläubigen sind aber fest daran überzeugt, dass das Ritual den umliegenden Dörfern das Leben schenkt.

An der Waschka herrscht Matriarchat. An der Spitze jeder dörflichen Siedlung stehen Frauen. Es ist historisch bedingt, dass die Frauen hier immer aktiv und unabhängig waren. Die Männer beschäftigten sich mit Jagd und Fischfang und waren weit weg vom Haus für längere Zeit. Die Frauen machten die schwere Arbeit allein. Heutzutage sprechen die Männer allzu sehr dem Alkohol zu, der ihnen nicht nur den Wille, sondern auch den Verstand raubt. Die Taiga prägt das Leben der Menschen weit von der Zivilisation und Fortschritt: Einige haben sich den harten Bedingungen angepasst, die anderen geben auf.

Die Frauen haben nicht aufgegeben. Der Sowchos im Dorf Washgort bringt keinen großen Gewinn, stirbt aber nicht. In Kriwoje (komi:Kuodsh) gibt es auch eine kleine Farm. Doch die bedeutendste Sehenswürdigkeit des Dorfes ist die Kapelle der Großmärtyrerin Paraskewa (Pjatnitza), die als das älteste Denkmal der Holzarchitektur in der Republik Komi gilt.

Die Kapelle wurde einige Male umgebaut. Auch die Restauratoren haben bei der Erhaltung der heiligen Stelle ihren Beitrag geleistet. Laut Überlieferung wurde die Kapelle bereits Anfang des 13.Jahrhunderts errichtet. Sie war die erste am Fluss Waschka. Traditionell wurden die sakralen Bauten im Land der Komi am Zusammenfluss der Wasserwege gebaut. Die Kapelle erhebt sich an der Stelle, wo die Ker-Ju in die Waschka mündet (Aus der Komi-Sprache bedeutet Ker so gut wie Balken, Ju – Fluss).

In Sowjetzeiten versuchten die Gottlosen die Kapelle zu zerstören, glücklicherweise (oder auch mit Gottes Hilfe) – erfolglos. Die alten Frauen können sich noch gut an den schrecklichen Tod eines Mannes erinnern, der die Glocke von der Kapelle werfen ließ. Sein Körper wurde geschwürig und er hat verblutet. In den 1930-er Jahren flüchteten die Komsomolzen in den Wald, nachdem sie Order erhalten hatten, die Kapelle zu Brennholz zu zersägen. Solch eine große Achtung vor dem Heiligtum haben ihnen die Alten eingeimpft. In den 1960-er Jahren wurde die Kapelle von dem Kolchose-Vorsitzender A.Ostapow gerettet.

Nebenbei gesagt gilt die Heilige Paraskewa (in Kriwoje wird sie Paraskewja genannt) von alters her als Patronin der Frauen und der Frauenarbeit und Beschützerin von häuslichem Wohlstand und Familie. Doch sie ist auch zuständig die Frauen zu bestrafen, die gegen den Freitags-Brauch verstoßen: An diesem Tag dürfen die Frauen nicht arbeiten. Am Freitag erholen sich die Waschka-Frauen. Wenn die Frau kinderlos ist oder ihre Kinder sterben, meint man, dass Paraskewa die Sünderin bestraft hat. Die Frau soll dann nach Kriwoje pilgern und an dem Ritual der Ikonenwaschung teilnehmen. Nur dann kann die Sünde gesühnt werden. Die Kapelle der Großmärtyrerin Paraskewa liegt ausschließlich in Frauenhand und die Ikonenwaschung ist somit ein Frauenfest.

Den Männern wird es keinesfalls erlaubt, die Ikonen zu tragen. Früher wurde hier auch ein Männerfest gefeiert – der Tag von Prokop von Ustjug. Die Ikone des Heiligen Prokop wurde im Kreuzgang nur von dem starken Geschlecht getragen. Doch die Stärke ging mit der Zeit durch Alkohol verloren, auch der Brauch. Dasselbe Schicksal widerfuhr der Ikone von Prokop, einer der größten unter den „gewaschenen“ Heiligenbildern.

Früher gab es mehr gewaschene Ikonen. Obwohl die alten Tafeln nur fragmentarisch Farbe und Grundierung haben, erkennen die Frauen gut, auf welchen von denen der Erlöser, die Gottesmutter oder Paraskewa einst dargestellt worden sind.

Die heutige Wärterin der Kapelle ist Kapitolina Kalinina – eine bescheidene Frau, die sich nicht gut in Wertgegenständen auskennt. Einmal kamen nach Kriwoje Leute, die sich als Restauratoren ausgaben. Sie sagten, sie restaurieren die Ikonen, weil sie schon ganz alt sind. Man glaubte den Menschen, denn Fremde sind hier selten zu sehen. Als Ersatz haben sie Ikonen aus Papier geschenkt. Viel später, nachdem die Kapelle von den echten Restauratoren wiederhergestellt worden war, haben die Fachleute aus Syktywkar eine neugemalte Ikone der Heiligen Paraskewa geschickt. Beim genauen Betrachten konnte man erkennen, dass das Heiligenbild auf einer alten Tafel gemalt worden war. So kann man annehmen, dass eine Ikone wirklich restauriert worden war. Man hofft auf den Rückkehr in Waschka der anderen Ikonen.

Die Geschichte der Waschka-Region ist interessant. Da das Gebiet von der Außenwelt durch hunderte Kilometer schlechter Autostraßen isoliert liegt, hat sich hier jahrhundertelang eine besondere Lebensweise herausgebildet. Seit alters her wird die Waschka von den Komi besiedelt und es wird nur komi gesprochen. Gebetet wird jedoch kirchenslawisch und nach dem altorthodoxen Kanon, wie es noch vor den Reformen des Patriarchen Nikon gemacht wurde.

Ende des 18.Jahhunderts flüchteten die Raskolniki (Abspalter) von der Dwina und Onega in die Wildnis der Waschka. Später haben sie sich in der einheimischen Umgebung assimiliert und die Komi-Sprache beherrscht. Sie haben den Komi auch die russische Liedtradition und kirchliche Bräuche beigebracht. Bis heute wird hier hauptsächlich auf Russisch gesungen.

An der Spitze der Abspalter stand nicht der hergelaufene, sondern von hier gebürtige Pjotr Bosow, deshalb nannten sich die Altritualisten als „Bosowye“. In der Tat aber gehörten die Priesterlosen (Bespopowzy) zu den „Philipper“. Sie waren die fanatischsten unter allen Altgläubigen, die die Heirat, das Gebet für den Zaren (somit auch die Zarenmacht) und das Kreuz mit Pontius Pilatus’ Tafelinschrift kategorisch ablehnten.

In Grunde genommen glich Bosowskoj tolk („tolk“ zu Lehre) dem dünn besiedelten, unzugänglichen und wilden Charakter der Gegend. Das war der nahrhafte Boden für die Verbreitung der Ideologie von den Beguny (Flüchtlinge) und Stranniki (Wanderer oder auch Getriebene), die später die Waschka besiedelten. An der Waschka wurden sie Skrytniki genannt (kommt von: sich verbergen, entschwinden).

Diese Menschen lehnten kategorisch die Welt ab, in der die Rettung der Seele unmöglich war, weil der Antichrist schon auf der Erde herrschte. Die Adepten der Sekte führten ein Eremitenleben in Klausen (russ: Kelja) inmitten der Taiga. Einige von ihnen fanden Obdach bei den Nachfolgern der Sekte unter Einheimischen –  die sogenannten Katechumenen.

Im Dorf Tschuprowo waren die Skrytniki sehr willkommen und waren fast auf jedem zweiten Bauernhof ins Quartier genommen worden. Wenn sich der Katechumene erkrankte, wurde er getauft. Im Falle der Genesung sollte er das Haus und die Familie verlassen und pilgern gehen. Man sagt, dass die Skrytniki 1938 ausgerottet worden waren. Sonderkommandos des NKWD (Volkskommissariat des Inneren) haben die „Lehrer der Frömmigkeit“ gefangen und erschossen.

Das Dorf Washgort wurde zum Zentrum der Spaltung an der Waschka. Die Altgläubigen wurden überall verschieden empfangen. In einigen Dörfern wird es den Fremden auch heutzutage nicht erlaubt, das Geschirr der Wirte zu benutzen. Man hält für sie anderes Esszeug bereit. Auch Tabak ist untersagt. Seit kurzem bekommt man hier Pässe und Rente, aber nur weil das Leben ohne die Staatsunterstützung sehr schwer geworden ist. Die Dörfer, wo die Skrytniki nicht willkommen waren, wurden „weltlich“ genannt. Kriwoj Nawolok zählte zu den weltlichen Dörfern, aber nur hier ist der Brauch der Ikonenwaschung erhalten. In Kriwoje akzeptiert man orthodoxe Priester, doch Gottesdienste werden nach dem altorthodoxen Kanon gehalten und die Priester sind hier kaum zu finden.

Das Fest der Heiligen Paraskewa wird hier am zehnten Freitag nach Ostern gefeiert. Es wird auch der Tag der Kranken genannt. Einige Zeit bleibt das Wasser im Fluss nach der Waschung geweiht und hat deshalb eine besondere Heilkraft. Früher kamen nach Kriwoje Pilger nicht nur aus dem Gebiet der Waschka, sondern auch der Mesen’, der Petschora und der Pinega. Sie pilgerten zu Fuß hunderte Werst, weil der Weg zu der Ker-Ju ein Gelübdeweg war. Am Ufer des Flusses dem Friedhof gegenüber steht das Gelübdekreuz; gerade hier findet das Ritual statt.

Das Ritual beginnt am Morgen in der Kapelle. Vor den mit Gebeten aufgefüllten und auch neugemalten Ikonen werden Kerzen angezündet. Die Frauen lesen Kanone an Pantokrator, Mutter Jesu, Prokop von Ustjug, Großmärtyrer Georg und Paraskewa. Einige von den neugemalten Ikonen gehören dem hiesigen Meister aus dem Dorf Washgort. W.Jakowlew wird scherzhaft „Repin“ genannt. Die Ikonen sehen primitiv aus und sind nicht nach dem Kanon gemalt, doch die Alten achten diese unscheinbaren Heiligenbilder.

Dann beginnt die Kreuzprozession. Der Weg führt durch das Dorf und die Flussaue zum Fluss. An der Prozession beteiligen sich nur die Frauen. Einige Ikonen werden von den Mädchen getragen. Die Männer schließen sich dem Zug an, bleiben jedoch abseits.

Das Waschen der Heiligenbilder dauert nicht lange. Man schont sie, obwohl nur einpaar Ikonen wirklich wertvoll sind. Alle anderen werden von Zeit zu Zeit erneuert. Auch die Heilige Paraskewa gehört zu den neuen. Sie wird als letzte gewaschen, weil sie die Gefeierte ist.

Nach dem Ritual der Ikonenwaschung wird es allen Frauen erlaubt, ins Wasser zu treten. Man beginnt alle leeren Behälter mit Wasser zu füllen. Die Pilger nehmen sie immer mit, um das geweihte Wasser nach Hause zu bringen. Dann wird eine Andacht gehalten und die Heiligenbilder kehren in die Kapelle zurück.

Am Abend wird im Dorfklub ein Konzert organisiert und danach ein festlicher Tisch gedeckt. Die Speisen werden von den Frauen zubereitet. Auch das Sur soll auf dem Tisch nicht fehlen. Das ist das nationale Getränk der Komi (ein bierähnliches Getränk).

Da das Fest beweglich ist, so kann sein Datum auch auf den Tag fallen, wenn die Flussaue unter dem Wasser ist (bei frühem Ostern). Einmal, als sich das Hochwasser noch nicht verlaufen hatte, ging man zum Gelübdekreuz hüfthoch im Wasser. Man erinnert sich noch an den Fall, als die Ikonen im Teich im stehenden Wasser gewaschen wurden. Das stehende Wasser gilt hier als „tot“. In diesem Moment wurde es dunkel und heftiger Sturm brach los. So waren die Pilger gezwungen im kalten Wasser zu der Ker-Ju zu gehen und die Ikonen im „richtigen“ Wasser zu waschen.

Nach einem alten Volksglauben muss am Tag der Ikonenwaschung regnen und donnern. Ein warmer Regen ist Gottes Segen: Er sieht, wie fleißig die Waschka-Leute sind und liebt sie noch…

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