Wimpernmilchlinge. Spurensuche

Nach fünf Jahren Missernte beginnt in der Republik (insbesondere in ihrem südlichsten Rayon Prilusje) die Saison der Wimpernmilchlinge. Ja, die vorigen Sommer waren zu heiß für diesen launischen Pilz. In diesem Sommer regnet es oft und die Pilze fühlen sich wohl. Die Pilzjäger strömen in den Wald und jeder wird mit reichen Trophäen belohnt. Aber Vorsicht! Wimpernmilchlinge wachsen in dichten und feuchten Mischwäldern und man kann sich in solch einem Wald sehr schnell verirren.

Am vorigen Augustwochenende habe ich auch gelernt Wimpernmilchlinge sammeln. Zum ersten Mal in meinem Leben. Mein Schwiegervater hat es mir einst versprochen und sein Wort gehalten. Für mich war das ein ganzes Erlebnis. Ich erwartete eine undurchdringliche Dickicht, in der Tat aber… der Brei ist nicht so heiß gegessen, wie es gekocht wird))) Ich habe nur eins festgestellt: Der Wald ist nicht dicht, aber es ist schwer, sich hier zu orientieren. Ich musste mich jede fünf Minuten melden. Sonst ist es eine gewöhnliche stille Jagd… mit Spurensuchen))) Wimpernmilchlinge sind nicht leicht zu finden.

Früher habe ich mir darüber Gedanken gemacht, warum der Pilz solch einen Namen trägt (ich meine die deutsche Variante, russisch: Grusd’, komi: Jel’dog). Erst nachdem ich selbst Wimpernmilchlinge gesammelt hatte, konnte ich den Grund für sich selbst erklären. Junge Pilze haben einen eingerollten Hutrand mit kurzen „Wimpern“ (zottigen, bis zu 3 mm langen Haaren). Solche Pilze sind die besten für das Salzen. Die Oberfläche der Huthaut muss feucht und etwas klebrig sein. „Trockene“ Pilze (also mit rauer Huthaut) taugen nicht zum Salzen.

Die Hutmitte des Pilzes ist trichterförmig vertieft. Am Morgen sammeln sich im Trichter Tautropfen und sie blinken unter den spärlichen Sonnenstrahlen, die sich durch den dichten Laub- und Nadelwald den Weg bahnen. Manchmal ist es ein Zeichen für den Pilzsammler: „Ich bin da! Nimm mich! Ich will in deinen Korb.“ Doch meistens verstecken sie sich. Man kann sie als Meister der Tarnung bezeichnen. Die alten Pilze zeigen sich in voller Pracht, aber nur ein erfahrener Pilzjäger weiß, irgendwo daneben wachsen junge Sprösslinge in einem sicheren Versteck aus verwelktem Laub. Manchmal sieht man nur ein Stück von weißem Pilzfleisch. Für mich war es ziemlich anstrengend. Doch ich habe das geschafft – zwei Eimer und Schwiegervaters Lob. Er lehrte mich geduldig (was aber nicht immer sein Fall ist) Wimpernmilchlinge zu erkennen und zu sammeln.

Er sagte, sie bilden kleine Gruppen und man muss immer, wenn man einen Pilz merkt, im Umkreis von 5m nach den anderen suchen, also, sich wie ein Kreisel drehen – eine schwere Arbeit muss ich sagen. Als ich dann zu Hause einen festen Boden unter meinen Füßen hatte, taumelte ich für einpaar Minuten.

Auf dem Rückweg zum Auto sammelte ich noch hübsche Rotkappen.

Als wir die Autostraße wieder erreicht hatten, saß schon eine Frau am Straßenrand und verkaufte gesalzene Pilze.

In Europa gelten Milchlinge als ungenießbar. In Russland (und auch in Komi) gehört der Pilz zu den beliebtesten (und auch teuersten) Speisepilzen und begehrten Trophäen des Pilzsammlers. Besonders schmackhaft sind Wimpernmilchlinge in eigenem Saft gesalzt.

Wie beim Sammeln muss man auch beim Salzen geduldig sein. Zuerst werden die Pilze geputzt und dann ins Wasser für einpaar Tage gelegt. Dabei muss das Wasser mehrere Male gewechselt werden, um die Pilze richtig zu entbittern. Meine Schwiegermutter macht das in einer alten Badewanne neben der Banja.

Nach dem Entbittern müssen sie schnell beschwert werden. Als Beschwerung wählt man gewöhnlich einen großen Stein. Die Pilze werden in einem Eimer in Schichten gelegt, dabei wird jede Schicht mit Salz bestreut. Sie bleiben dort so lange, bis sie richtig Saft abgeben. Je mehr Saft, desto besser. Einige Hausfrauen geben noch Lorbeerblätter, Knoblauch, Dill und Johannis- und/oder Preiselbeerenblätter zu. Meine Schwiegermutter gebraucht nur Salz. Sie sagt, die Pilze sind aromatisch genug. Wenn es ausreichend Saft gibt, werden die Pilze ganz dicht in Einmachglas gelegt. Bis sie auf den Tisch kommen, muss noch 40 Tage gewartet werden. Und dann wünscht man einander ‚Guten Appetit!’

Richtig abgelagerte Pilze bekommen eine blau-grüne Farbe, sind fleischig und saftig. Ihr Geschmack kann man als nussartig und etwas bitter-würzig charakterisieren. Für die Nase eines Feinschmeckers ist es ein begehrtes Aroma.

 

Nach 5 Jahren Missernte hätte ich diesen einzigartigen Geschmack fast vergessen. Nur Geduld haben! 40 Tage vergehen wie im Flüge))))

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