Rot, herb und schmackhaft…

… sind Preiselbeeren.

Die Komi schätzen diese Wildbeere für ihre gute Haltbarkeit und ihren bitter-süßen Geschmack, der sehr gut zu Backwaren passt. Ich mag Preiselbeeren für ihre intensive rote Farbe und dafür, wie sie lustig aus dem weißen Moosteppich gucken. Das macht den düsteren Wald freundlich.

Wenn ich lange im Wald nach den Pilzen suche, schnappe ich von Zeit zu Zeit nach einem Handvoll der Beeren – Hunger und Durst sind bald vorbei.

Sehr oft beschäftigt mich auch der Gedanke, wie reich unsere Wälder sind und wie sehr das die Mentalität der Komi geprägt hat. Seit alters her hat das Volk Komi gelernt in Eintracht mit der Natur leben. Das war (und bleibt auch heute) ein friedliches Volk, das keine Kriege führte und Streite vermieden hat. In diesem Sinnzusammenhang fällt mir eine Redensart ein: j-m Blut abzapfen. Die Komi sagen stattdessen – j-m Preiselbeerensaft abzapfen – die bildhafte Sprache der Komi-Natur!

(Mein Lieblingsfoto)

Bis heute prägen diese Bilder im Volksglauben und Bauernregeln die Vorstellungen der Menschen über die Macht der Natur. „Bura ko puw woe, i njanyd lesjida woas“ bedeutet: „Wenn es die Preiselbeerenernte reich ist, so gedeiht auch das Brot gut“.

Es gibt auch ein Zeichen, das darauf hinweist, ob die Preiselbeeren reich geerntet werden: „Wasileij woi ses’ – puw da tsched una loe“ – „Wenn die Nacht auf den Tag des Hl. Basilius des Großen klar ist, so erwartet man eine reiche Ernte an Preisel- und Heidelbeeren“ (Wassilej – aus der Komi-Sprache: Basilius der Große). Von der orthodoxen Kirche wurde Basilius der Große früher am 1.Januar (nach dem neuen Stil – am 14.Januar) verehrt. Für die Komi war dieser Tag von großer Bedeutung – man feierte den Beginn des neuen Jahres. So hieß der erste Tag des Jahres bei den Komi Wassilei lun (lun – komi: Tag). In der Nacht auf den Basiliustag gab es sehr viele Orakelbräuche. Außerdem machte man Prognosen auf die Ernte, denn diese Nacht hatte eine große magische Kraft, besonders, wenn sie sternklar war.

 

(Der Eimer fiel plötzlich auf den Boden und die Beeren lagen so schön im Moos. Ich griff sofort nach den Fotoapparat.)

Der heutige Sammler freut sich, wenn es Preiselbeeren in Fülle gibt. Das bedeutet, dass man sich im Winter nicht nur mit der leckeren Konfitüre verwöhnt, sondern auch Blechkuchen mit Beeren zubereitet, oder sogar Preiselbeerenbrei (Puwja Jum, Puw – komi:Preiselbeeren, JumBrei)– die Nationalspeise der Komi. Hier ist das Rezept.

Ein Glas Roggenmehl, warmes Wasser und etwas Zucker in einem Tongefäß* zum Teig (bis zu Sauerrahmkonsistenz) kneten, danach in den sich langsam abkühlenden russischen Offen für einen Tag stellen. Nach 7 Stunden ist der Teig vergärt und geschäumt. Diese Masse richtig zerreiben und zweieinhalb Glas frische Preiselbeeren dazugeben. Der Brei muss sauersüß schmecken und dick sein. Kalt servieren.

Weit bekannt ist auch Puw WaPreiselbeerenwasser  (Wa – komi: Wasser). Diese Wildbeere wird gut im Wasser aufbewahrt. Das haben auch unsere Vorfahren gemacht, als es noch keine Kühlschränke gab und man keine Konfitüre kannte. Bis das Wasser richtig nach Preiselbeeren schmeckt, also etwas herb und säuerlich, muss man es in kühler dunkler Stelle für zwei Wochen ziehen lassen. Meine Schwiegermutter stellt die gefüllten Behälter in den Hausflur, wo es auch im heißen Sommer ziemlich kühl ist. Wenn sich das Wasser rosa färbt, ist das Getränk bereit. Man kann die Beeren mehrmals mit Wasser aufgießen, bis sie endlich ihre Farbe verlieren und weiß geworden sind. Mmm… ich mag Puw Wa nach der heißen Banja im Winter. Es ist erfrischend und Durst stillend.

(Foto: http://adaly.org/2010-06-08-brusnika-v-sirope.html)

Doch viel mehr freue ich mich auf den Blechkuchen, den ich selbst für meine Familie backe. Wenn das Gebackene nach aromatischen Beeren duftet, ist es so angenehm gemütlich im Winter zu Hause zu sitzen und Tee zu trinken.

*Tongefäß (russ.: krynka) – ein Topf aus gebranntem Ton, wo traditionell Teig geknetet wurde. Tongefäße dienten auch für die Zubereitung der Speisen im russischen Ofen.

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