Monatsarchiv: Dezember 2012

Die Pimy sind wieder in!

In Komi herrscht grimmige, eisige Kälte. Der Frost hat das Leben in der Stadt und all das menschliche Streben nach Aktivität für eine Woche lahmgelegt. Ehe man die Tür hinter sich schließt, bekommt man den eisigen Hauch ins Gesicht und die schneidende Kälte konserviert den Gesichtsausdruck, bis man wieder ein warmes, sicheres Versteck erreicht. Die Wendung „ein gefrorenes Lächeln“ ist jetzt direkt zu verstehen. Und der Satz „als wenn das Hirn ihm friere“ ist jetzt kein Schimpfausdruck, sondern ein Zeichen des Gefroren-Sein-Grades.

Frostgerötet und vom eigenen Atem bereift eilen sich die Menschen zu/von ihren alltäglichen Sorgen. Der Frost kneift in die Wangen und die Nase. Sie werden als die ersten von scharfem Wind getroffen. An den Haltestellen sieht man tanzende Gestalten. Sie springen, stampfen mit den Füßen. Das ist kein Flashmob. Das ist der strenge Frost, der die Menschen beißt und sich seltsam bewegen lässt.

Draußen, wo alles Stein und Bein friert, ist trotz des bedrohenden Stillstands des Lebens märchenhaft schön. Den Bäumen kann der Frost nicht anhaben. Ich bin heute etwas später aus dem Haus gekommen, um ein paar Fotos zu machen. Der Reif hat die Bäume in Gewänder aus feinstem Spitzengewebe gekleidet.

Sie stehen regungslos, als ob sie Angst haben, ihre prachtvollen Sarafane zu verlieren. Plötzlich weht ein leichter Wind und die Schneeschleppe wirbelt in der Luft im Sprühregen von winzigen Kristallen.

In allen unglaublichen Mustern hat Künstler Frost die Stadt ausgemalt. Die Tannen prahlen mit ihren üppigen bereiften Zweigen. Wer hat gesagt, dass sie ewig grün sind. Jetzt sind sie eher grauhaarig. Jede einzelne Nadel ist mit Silber verziert.

Die Birke – die Schönheit von Russland – steht in ihrem schicken mit Spitzen geschmückten Sarafan.  Ihre Zweige neigen sich pflanzenhaft unter dem Druck des Reifs. Vom Herbst vergessene Gräser erleben ihre zweite Blüte. Schade man kann sie als Blumenstrauß nicht nach Hause bringen.

Drähte, Autos, Denkmäler, Zwiebeltürme der Kirchen – alles ist bereift. Ich gehe langsam durch die Straßen und bewundere diese verschneite Galerie. Von Zeit zu Zeit mache ich Fotos. Ich muss stehen bleiben, um eine gute Perspektive zu finden. Ich fühle, wie die Kälte langsam an mir hochkriecht.

Meine Finger sind erstarrt, aber die kristallene Pracht zieht mich wie ein Magnet an. Die Sonne wirft die ersten Strahlen auf die vereiste Stadt. Der Schnee glitzert in der Sonne. Ein Bild aus Kinderträumen, wo der Väterchen Frost haust, wo er in Ruhe seine Geschenke bastelt. Sein eisiger Hauch verwandelt die Welt in Märchen.

… inzwischen friere ich mich bitterlich. Wenn ich nur die Pimy anhätte! Die Pimy sind die wärmsten Winterschuhe schlechthin.

Foto: Die Pimy – Winterschuhe auf Filzsohlen aus Rentierfell. Die moderne Variante.

Ursprünglich war das (und bleibt es auch heute) die frostsicherste Beinbekleidung der Rentierzüchter. Und sie verstanden es, gegen den Frost gewappnet zu sein. Die eisige Wüste der Tundra ist keine Promenade für die Modemenschen. Das Leben dort ist eine Überlebenssache.

Foto: Wenn man diese Winterschuhe sieht, so versteht man, dass die Rentierzüchter auch das Schöne verstanden. Diese Winterschuhe heiβen die Kissy. Sie werden von den Rentierzüchtern im Bezirk von Jamal-Nenzen getragen.

Die übrige Bevölkerung der Republik hat schnell alle Vorteile dieser Schuhe aus Rentierfell erkannt und heute sind sie aus dem Leben der Menschen im Norden nicht mehr wegzudenken. Die traditionellen Pimy sehen so aus.

Foto: Die traditionellen Pimy der Rentierzüchter.

Sie sind hüftenhoch und werden in den Knien mit dicken bunten Bändern umgebunden. Der obere Teil wird mit den Bändern am Gürtel befestigt. Die Frauenpimy werden aus dem weißen Fell gemacht, jedoch dunkel längsgestreift und mit dem dunklen „Pantoffelteil“. Das unterscheidet sie von den Männerpimy. Traditionell wird für die Pimy das von Beinen der Rentiere abgezogene Fell gebraucht. Es ist kurz und besonders fest. Die vordere Seite wird mit bunten Tuchstreifen geschmückt.

Was die modernen Pimy angeht, so heißen sie eigentlich die Burki (deutsch:  Filzschaftstiefel). Von Filzschaftstiefeln haben sie nur die Form, werden aber aus Rentierfell gemacht. Heutzutage gibt es die Pumy für jeden Geschmack. Oft werden sie mit komi nationalen Ornamenten geschmückt.

Foto: Der Muster mit dem komi nationalen Ornament.

Populär sind Muster mit Rentierköpfen. Es gibt auch richtige Kunststücke, die mit Glasperlen verziert sind. Sie sind die teuersten (bis zu 27000 Rubel).

Foto: Der Schmuck aus Glasperlen sieht schick aus. Diese Pimy werden von meiner Kollegin Natalja getragen. Sie kommt aus Sisjabsk (der Rayon Ishma, wo die Rentierzüchter der Republik Komi zu Hause sind). Ja… sie ist zu beneiden.

Foto: Auch Hausschuhe aus Rentierfell werden gern getragen.

Für die „bescheidenen“ kann der Republikbewohner etwa 12000 Rubel ausgeben. Aber sie sind kaufenswert. Wenn der Frost beißt geht es nicht um Mode und Geld, sondern um Wohlgefühl und Gesundheit. Manchmal sieht man draußen eine Frau im schicken Pelzmantel und… den Pimy. Die Pimy sind bei jung und alt beliebt und sind immer gefragt!

Foto: Grigorij Piel

Dieses Foto hat mir sehr gut gefallen. Die Braut (die ehemalige Studentin der Fakultät für Fremdsprachen Tatjana Wrublewskaja) trägt die Pimy. Sie hatte ihre Hochzeit gerade bei stärkstem Frost. Jedoch wollte sie auf die Tradition nicht verzichten, in die Umgebung der Stadt zu fahren, was die meisten Brautpaaren immer machen. Sie war gegen den Frost gewappnet!

Während ich den Artikel geschrieben habe, ist drauβen viel wärmer geworden. Man hofft auf einen angenehmen Spaziergang in der Neujahrsnacht. Und doch in den Pimy. Dann kann man die ganze Nacht hindurch feiern!

Einen guten Rutsch ins Neujahr!

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I love you Komi

So heiβt das Lied. Die vertrauten Bilder meiner Heimat.


Knips… und schnell in den Korb!

Vor kurzem habe ich in meinen Fotodateien gewühlt und meine Lieblingsfotos entdeckt – Naturimpressionen. In allen Jahreszeiten ist unsere Republik schön und farbenprächtig. Ich mag den Herbst und den Frühling – ihre Farben sind besonders intensiv. Im Frühling ist die Natur saftig grün und gelb. Lila und Rot  sind die Farben des Sommers. Der Herbst ist bunt und romantisch. Auch der Winter kann der schlafenden, öden Natur Farbe geben, man braucht nur eine besondere Stimmung und lässt das Schöne in sein Herz.

So habe ich beschlossen noch eine Kategorie in meinen Blog hinzuzufügen – „Farben des Nordens“. Hier versuche ich die farbenprächtige Palette unserer Natur zu zeigen. Sie kann freundlich sein. Aber ihre Schönheit ist bescheiden. Die Natur braucht Sonne und Wärme, an welchen es bei uns im Norden oft mangelt.

Also – die Farbe „Braun“. Braun sind Steinpilze – meine Lieblingmodellen. Mein Herz beginnt leidenschaftlich zu pochen, wenn ich die braunen Kappen im Moos sehe. Und ich greife nicht nach dem Messer, sondern nach dem Fotoapparat, mache mich im Moos bequem und vergesse alles in der Welt. Wenn ich nicht rechtzeitig vom Zauber erwache, kann ich mich leicht verirren. Meine Schwiegereltern fühlen sich im Wald wie zu Hause, ich aber wie Gast.

Mein erstes Pilzfoto:

Mein Lieblingsfoto – ein braver Kerl!.

Und dieser wollte sich von meinen Augen im weiβen Moosteppich verstecken. Hat sich was! Kinps:

Diese zwei haben sicher auf mich gewartet:

Du, Kleiner, zeige dich aus deinem Versteck! Nur ein Foto:

Eine prachtvolle Ernte!

Die stille Jägerin)

So was kann man auch im Wald beobachten. Wenn der Pilz madig ist, so lässt man ihn auf dem Baum für Eichhörnchen, wie mein Schwiegervater sagt) Das mache ich gern. Eichhörnchen müssen im langen Winter genug Futter haben:

Tschüβ der Wald!

Und das schmeckt lecker) „Pilzkaviar“ mit Schwarzbrot.