Monatsarchiv: März 2013

Kunsthandwerker des Jahres 2013

Der 23.März, Frühling, 15 Grad Kälte und Nordwind. Wir haben uns zu früh vom Winter verabschiedet und, wahrscheinlich, nicht so tüchtig, nicht genug Blinis gegessen.

Was macht man, wenn draußen kalt ist? Jemand bleibt zu Hause und macht sich gemütlich vor dem Fernseher. Jemand freut sich auf einen Schiausflug oder eine andere Winterattraktion in der frischen, frostigen Luft. Ich begab mich ins Museum.

Zur Zeit findet in Syktywkar die Ausstellung “Kunsthandwerker des Jahres 2013” statt. Die Meister aus der ganzen Republik treten in Wettbewerb und zeigen ihr Können in allen Zweigen des national geprägten Kunsthandwerks: Weberei, Holzmalerei, kunsthandwerkliches Walken, Birkenrindeflechten, Wurzelflechten, Töpferei, Stoffpuppen, ornamentales Striken, Patchwork und Klöppeln. Ich war müde vom Fotografieren. Jedes Autorenprodukt ist ein kleines Kunstwerk, das in der traditionellen handwerklichen Technik gefertigt wird, und jedoch ein Unikat.

Einige Erzeugnisse erfreuen das Auge durch ihre meisterhafte Ausführung. Die anderen Ausstellungsstücke sind einfach und naiv wie die Voklskunst der Komi, doch auch sie zeigen sich ansprechend und stehen den Designerwaren in Ästhetik nicht nach. Die Wahrnehmung des Schönes ist immer subjektiv. Von Zeit zu Zeit lauschte ich den Gesprächen, die im Flüsterton geführt wurden. Die Kunsthandwerker standen bescheiden und verlgen neben ihren Kunstprodukten. Von diesen Gesprächen wird es abhängen, wer von den Meistern den Ehrentitel bekommt. Und die Künstlernaturen sind empfindlich und verletzbar! Ich hörte Begeisterung, Lob und Kritik, fachmännische Bemerkungen und die ungekünstelte Zuschaueranerkennung der Geschicklichkeit der Meister.

Sehr schnell hat sich aber die Zuschauerwelle, flüchtige Blicke geworfen, mit der Ästhetik des Kunsthandwerks gesättigt und ich konnte alles in Ruhe betrachten. Nach einer halben Stunde war der Saal fast leer.

Ich meine, dass jedes Ausstellungsstück genaueres Betrachten verdient, und ich mache meine Leser mit der Ausstellung und auch meinen absoluten Favoriten bekannt. Also los!

Die gestriсkten warmen Sachen waren sehr aktuell bei dem Frühlingsfrost. Viele wollten grelle Stulpen, Socken oder Fäustlinge mit nach Hause nehmen.

Fotos: Stulpen, Socken und Fäustlinge gefertigt von Politowa Agnija, Kasarinowa Nadeshda, Jeremejewa Kapitolina, Palkina Jelena, Gilewa Tamara, Ronojewa Nadeshda.

Besonders eindrucksvoll waren die gestriсkten Frauenanzüge von Ogorodnikowa Galina.

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Ethnodesigne von der Studentin der Fachschule für Künste Kratz Polina.

Fotos: Schamanentrommel von Polina Kratz

Hübsche Holzmalerei, farben- und musterreich.

Fotos: Tische und Stühle in Technik der Mesener Malerei (die Mesen – ein Fluss im Westen der Republik, mündet in die Norddwina) gefertigt von Sidorowa Antonina und Kisseljow Wladimir; blaue Truhe für Spielzeug von Schamanowa Maria; Schaukelelch von Bassarewa Darja (einer von meinen Favoriten).

Nicht weniger farbenprächtig – Patchworkdecken und – bilder.

Fotos: Patchwork gefertigt von Kolegowa Jelena, Bobyrenko Swetlana, Barankina Walentina

Nummer eins unter meinen Favoriten ist die weiβ-rote Decke mit dem Wologda-Spitzenschmuck „Der russische Norden“.

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Die Puppen in Nationaltrachten erfreuten das Auge.

Fotos: Die Puppen gefertigt von Roshin Wladimir, Wolkowa Maja, Redkina Jelena

Puppenamulette und Stoffpuppen gefertigt in Technik des Zusammendrehens.

Fotos: Die Puppen von Meleschewa Natalja, Wetoschkina Jelena, Kriwoscheina Arina

Doch die schönste war für mich „Mutter Natur“ von Titowa Nadeshda. Die Puppe symbolisiert die nördliche Natur, aufs Engste mit der komi Mythologie verflochten.

Foto: „Mutter Natur“ von Titowa Nadeshda

Auch ein hübsches „Waldmännlein“ von Iljaschewitsch Wera fesselte meine Aufmerksamkeit.

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Foto: „Waldmännlein“ von Iljaschewitsch Wera

Die Komposition „Mein kleines Dörflein“ von Olga Tomilowa erinnerte mich an meine verstorbene Groβmutter, wie sie am Abend unsere Kuh gemolken hat. Ich wartete immer an der Tür zum Kuhstall auf die frische Milch. So vertiefte ich mich, vor diesem Ausstellungsstück stehend,  in meine schönsten Kindheiterinnerungen.

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Foto: „Mein kleines Dörflein“ von Olga Tomilowa

Kunsthanwerkliches Walken zeigte die gut bekannten Realien des Norden in der originellen Ausführung.

Fotos: Die Tasche von Chomenko Jekaterina; zwei nette Igelchen und die Eule von Terentjewa Maria; die Walenki von Kukuschkina Oksana (sehr modisch)

Die traditionelle Weberei überraschte mit Mustern und Farben.

Fotos: Die Komposition „Mokosch“ (Frauengottheit steht für Hausarbeit); Gürtel mit dem finno-ugrischen Muster von Chosjainowa Tatjana.

Die Töpferei war mit dem dekorativen Tongeschirr vertreten.

Fotos: das erste links oben – der dekorative Teller „Solaris“ von Kotschewa Tatjana; zwei Fotos unten – Teegeschirr und Teller-Wimpernmilchlinge von Butorina Tatjana.

Mir hat das Ölbehälter von Plissowa Larissa besonders gefallen.

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Foto: Das  Ölbehälter von Plissowa Larissa

Erzeugnisse aus Birkenrinde und Kiefernwurzeln waren auch vertreten, jedoch blieben sie in Minderheit.

Fotos: links oben – Schatullen aus Kiefernwurzeln von Kokorona Jelena; links unten – das Schweinchen aus Birkenrinde von Toropow Walerij; rechts – Jägeroberkleidung aus Birkenrinde von Kinew Dmitrij.

In meinem Bericht fehlen noch einige Ausstellungsstücke, die ich besonders schön finde. Die Eule-Mutter und das Eule-Kind aus Holzspan – so niedlich für mein Mutterherz.

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Wunderbar! Nicht wahr?

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Fotos: Die Eulenfamilie von Schepetew Nikolaj

Die Komposition aus Stofftieren und -vögeln machte auf mich einen unauslöschlichen Eindruck. Sie muss an die traditionelle Malerei und woodblock printing auf dem Stoff erinnern.

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Fotos: Die Komposition von Sosinowa Jelena

Hoffentlich hat meinen Lesern diese virtuelle Exkursion gefallen. Ich war begeistert!

In Komi vertreibt man den Winter

der aber will nicht vertrieben werden. Syktywkar feierte am 16.März die Maslenitza (zu Deutsch “Butterwoche”) mit niedrigen Temperaturen, Wind und Schnee. Doch der Stefanov-Platz im Zentrum der Hauptstadt war mit fröhlichen Menschen überfüllt. Es wurde gesungen und getanzt. Alles drehte sich um die runde Sache – Blinis – das Symbol der Sonne.

Sogar die Strohppupen, welche es in der Fülle gab, hatten etwas Rundes in ihrem Designe – einen runden Kopf, runde Schmucksachen, runde Amulette. Etwa 40 üppige und schlanke Stoffgestalten erfreuten Jung und Alt. Schulen und Fachschulen beteiligten sich an dem Wettbewerb um die schönste Strohpuppe. Hier wurden der Phantasie keine Grenzen gesetzt. Doch der Preis ist gefährlich – die öffentliche Verbrennung. So verabschiedet man sich symbolisch von dem Winter.

Ich habe nicht gesehen, wie die Strohpuppen verbrannt wurden. Ich war bis ins Mark gefroren und ging nach Hause. Bis meine Hände und Füße vor Kälte ertarrt worden waren, fotografierte ich alles tüchtig. Natürlich dazu, um meinen Lesern alles bildhaft zu beschreiben.

Also die Puppen. Einige Exemplare waren originell. Drei von ihnen haben mir sehr gefallen – hübsche Damen in grellen Trachten. Ich musste eine lange Schlange stehen, um sie zu fotografieren.

Es gab ganz junge zarte Gestalten, frühlinghaft und frisch. Auch die Weiber in “reifem” Alter mit üppigen Formen und auffalendem Make-up prangten mit ihren Rundungen.

Die gutmütige Baba Jaga (zu Komi: Baba Joma, zu Deutsch: Hexe) war der Mittelpunkt der Aufmerksamkeit und das beliebteste Modell für ein gemeinsames Foto. Die Jdee dieser Strohpuppe gehört den Studenten der Syktywkarer Fachoberschule für Künste.

Die zweite Attraktion des Festes war das Preiserklimmen des Rüstbaumes. Hoch oben waren die Schilder befestigt.

Jeder, der den Rüstbaum bewältigt hat, nahm das Schild und bekam den Preis – Haushaltsgeräte oder Gutscheine. Zur Belustigung des Publikums waren die Draufgänger nur in Unterwäschen, sonst würde es ihnen schwer fallen, die Spitze zu erreichen.

Die Show wurde witzig kommentiert. Von oben wurden die Teilnehmer mit einem Steiger transportiert. Solch eine Probe kann nicht jedermann aushalten.

Auf dem Platz herrschte eine heitere Atmosphäre, für welche Tanz- und Sängergruppen sorgten.

Man sang russische und komi Volkslieder.

Die Hauptfigur des Festes – die Maslenitza – war auch auf der Bühne zusammen mit einem Skomoroch. Von alters her ist der Skomoroch der bekannteste Volksunterhalter auf allen russischen Volksfesten.

Von Zeit zu Zeit zeigte sich den Schaulustigen ein Tanzbär – wie viele Ausländer meinen, eine Attraktion, die auf jedem Fest in Russland angesagt ist. Heute ist es eher eine Seltenheit einen lebendigen Tanzbähren geführt werden zu sehen. Unser Bär war ein Verkleideter).

In fröhlicher Stimmung war das Fest mit der Verbrennung der Strohpuppe beendet.

Das Foto: komiinform.ru

Ich war aber zu Hause, trank heißen Tee und aß Blinis mit Kaviar- und Lachsfüllung. Das war lecker!

Blinis mit Kaviar sind eine ziemlich teuere Köstlichkeit, die sich ein durchschnittlicher Russe nur an Festen erlauben kann.

In manchen Quellen schreibt man jedoch, dass es das typische russische Gericht ist. So entstehen Stereotype und Vorurteile, die ich mit meinem Blog abbauen möchte.

Das Foto: Doch ohne den Samowar geht es nicht.

Die Maslenitza ist ein Fest, welches auch der Magen feiert. Vor der strengsten Fastenzeit, die bald darauf beginnt und 40 Tage bis zu Ostern dauert, will man besonders reichhaltig essen. Die ganze Woche werden die Blinis verzehrt. Sie sind in Cafés, Kantinen und Mensen zu kaufen. Auf dem Stadtfest wurden sie auf den Pfannen draußen gebraten und in Stapeln gelegt.

Ein aromatischer Rauch stieg davon. In der frischen Luft schmecken sie besonders, auch wenn man dazu heißen Kräutertee trinkt. Der Duft der Blinis vermischte sich mit dem von Schaschlyk. Diese Tatsache zeigt anschaulich, wie ein uraltes Fest mit neuen Inhalten gefüllt wird.

Ich habe bis jetzt über die modernen Bräuche zum Fest geschrieben, die russlnadweit gelten, doch die Komi hatten etwa andere Weise, das Fest zu feiern. Den Nachhall der alten Komi-Traditionen kann man heute oft nur in kleineren Dörfern beobachten und erleben.

Auf Komi heißt das Fest einfach maslenitscha (was der russischen Bezeichnung ähnlich ist) oder jow weshalun, was so gut wie Milchsonntag bedeutet. Wo es Milch gibt, gibt es auch Butter. Und Butter war im Komi-Land eines der teuersten Nahrungsmittel. Über einen reichen Mann sagte man “er taucht in Butter”. Butter wurde nur an den Festtagen in Brei zugegeben und auch zu Maslenitza wurden die Blinis mit Butter bestrichen gegessen.

Die traditionellen Bräuche der Komi waren Rodelberge, Schaukeln und Pferdegespannfahren. Gerodelt wurde in den Schlitten zu zweit (ein Junge und ein Mädchen). Schaukeln wurden hauptsächlich für die Kinder gedacht. Pferdegespannfahren war besonders spektakulär. Die Schlitten waren bemalt und mit teurem Tuch bedeckt. Auf der Duga (der hohe aus Holz gefertigter Bogen) wurden kleine Glocken, farbige Bände und Papierblumen befestigt. Die ganze Anspannung wirkte prachtvoll. Vor allem die jungen Leute hatten den meisten Spaß beim Fahren.

Eine Maslenitza auf Komi-Art haben wir mit meinem Mann heute erlebt, auf dem Fest Gasha Waʹlaj im Dorf Wisinga. Darüber ist mein nächster Bericht.

Der samische Fußball und Ljampy-Langlauf

Diesen wunderschönen sonnigen Tag konnten die Bewohner der Republik Komi im Finno-ugrischen ethnographischen Park im Dorf Yb verbringen. Das Dorf liegt etwa 50 km südlicher der Stadt Syktywkar. Man sagt, dass es das längste Dorf der Republik mit dem kürzesten Namen ist. Ja, das Dorf dehnt sich am Ufer des Flusses Syssola etwa 15 km aus, liegt auf 7 Hügeln und besteht aus 13 kleineren Dörfern. Selbst der Name des Dorfes bedeutet „Hügel“. Hier gibt es gemütliche ländliche Häuser aus Rundholz, eine alte Kirche und ein Frauenkloster malerisch auf dem Hügel gelegen.

Gerade hier wurde seit 2011 ein Ethnopark errichtet, der unter anderem die Aufgabe hat, die finno-ugrischen Kulturen zu präsentieren und ihre Traditionen zu pflegen. Seit dieser Zeit ist der Ort zum beliebtesten Ausflugsziel der Stadtbewohner geworden. Außerdem findet hier das Multifestival “Ybitza”, das jedes Jahr seine Zuschauer mit einer großartigen Veranstaltung erfreut. Im Sommer wird Ethnomusik zum Höhepunkt und im Winter handelt es sich um Sportaktivitäten, die nationalen Sportarten.

Heute war ich auf der Ybitza. Mein Bericht ist also eine Sportreportage.

Der samische Fußball, von dem schon lange gesprochen wurde, ist ein spannendes Spiel. Ich bin zwar kein Fußball-Fan, aber ich konnte nicht gleichgültig bleiben, als ich Männer und Frauen gesehen habe, die in langen Röcken (Sarafanen) herumliefen. Eigentlich sollen nur Frauen samischen Fußball spielen. Doch der Wunsch war so groß, dass die Männer klaglos den Sarafan angezogen haben. Der Preis lohnte sich – den Final sollte der bekannteste Sportkommentator Russlands Viktor Gussev kommentieren. Er wurde zum Fest eingeladen. Auch die “russische Rakete” Pawel Bure wurde zu den Ehrengästen der “Ybitza”.

Also, die Mannschaft besteht aus fünf Spieler und die Halbzeit dauert 10 Minuten. Der richtige samische Fußball wird auf dem sumpfigen Boden gespielt, wo die Spielerinnen auf Mooshügeln hin und her zur Belüstigung der Zuschauer rennen. Die Samen haben das Spiel erfunden, um die Zeit zu vertreiben, während sie lange mit ihren Rentierherden auf Weiden waren. Besonders komisch sah es aus, wenn die Frauen den mit Rentierfell überzogenen Ball unter dem Rockzipfel versteckten. Statt Tore gibt es zwei Stöcke und der Ball soll ins Tor rollen.

Die Ybitza-Spieler haben nach allen Regeln gespielt und dabei Riesenspaß den Zuschauern gemacht.

Besonders die tollen Kommentaren über die Männer in Röcken! Ich habe auch gefiebert.

Die andere Veranstaltung war Ljampy-Langaluf.

Die Ljampy sind Jägerschi. Traditionell muss die Lauffläche mit Rentierfell bezogen werden, damit sie auf dem Schnee in der Taiga nicht zurückgleiten, wenn der Jäger auf einen Hügel hinaufkommt. Sie sind kurz und etwas breit.

Die Ljampy werden mit einem Streifen als Bindung an die Walenki befestigt. Früher hatten die Jäger Schuhe aus Leder und Fell oder Pimy.

Die heutigen Ljampy-Läufer sind nur fern den Jägern ähnlich. Doch einige trugen traditionelle Jägergürtel.

In Walenki ist es problematisch schnell Schi zu laufen. So sah es auch manchmal komisch aus. Wir versuchten die “Sportler” aufzumuntern, denn es gab auch ganz kleine.

Auf dem Fest wurde eine Menge Attraktionen angeboten – Snowtubing, Husky-Streicheln, Meisterkurse im Handwerk, Feldkochherd mit heißem Tee. Mir hat besonders das kleine Rentier gefallen, das ich gestreichelt und dabei Riesenfreude empfunden habe.

Wir haben mit meinem Mann noch eine Exursion ins Dorf gemacht. Und da das Dorf durch ihre Heilquellen bekannt ist, brachten wir noch Wasser nach Hause. Ich habe einen Kuchen mit Beeren gebacken und der Tee hat sehr gut geschmeckt. Es war ein wundervoller Tag!