In Komi vertreibt man den Winter

der aber will nicht vertrieben werden. Syktywkar feierte am 16.März die Maslenitza (zu Deutsch “Butterwoche”) mit niedrigen Temperaturen, Wind und Schnee. Doch der Stefanov-Platz im Zentrum der Hauptstadt war mit fröhlichen Menschen überfüllt. Es wurde gesungen und getanzt. Alles drehte sich um die runde Sache – Blinis – das Symbol der Sonne.

Sogar die Strohppupen, welche es in der Fülle gab, hatten etwas Rundes in ihrem Designe – einen runden Kopf, runde Schmucksachen, runde Amulette. Etwa 40 üppige und schlanke Stoffgestalten erfreuten Jung und Alt. Schulen und Fachschulen beteiligten sich an dem Wettbewerb um die schönste Strohpuppe. Hier wurden der Phantasie keine Grenzen gesetzt. Doch der Preis ist gefährlich – die öffentliche Verbrennung. So verabschiedet man sich symbolisch von dem Winter.

Ich habe nicht gesehen, wie die Strohpuppen verbrannt wurden. Ich war bis ins Mark gefroren und ging nach Hause. Bis meine Hände und Füße vor Kälte ertarrt worden waren, fotografierte ich alles tüchtig. Natürlich dazu, um meinen Lesern alles bildhaft zu beschreiben.

Also die Puppen. Einige Exemplare waren originell. Drei von ihnen haben mir sehr gefallen – hübsche Damen in grellen Trachten. Ich musste eine lange Schlange stehen, um sie zu fotografieren.

Es gab ganz junge zarte Gestalten, frühlinghaft und frisch. Auch die Weiber in “reifem” Alter mit üppigen Formen und auffalendem Make-up prangten mit ihren Rundungen.

Die gutmütige Baba Jaga (zu Komi: Baba Joma, zu Deutsch: Hexe) war der Mittelpunkt der Aufmerksamkeit und das beliebteste Modell für ein gemeinsames Foto. Die Jdee dieser Strohpuppe gehört den Studenten der Syktywkarer Fachoberschule für Künste.

Die zweite Attraktion des Festes war das Preiserklimmen des Rüstbaumes. Hoch oben waren die Schilder befestigt.

Jeder, der den Rüstbaum bewältigt hat, nahm das Schild und bekam den Preis – Haushaltsgeräte oder Gutscheine. Zur Belustigung des Publikums waren die Draufgänger nur in Unterwäschen, sonst würde es ihnen schwer fallen, die Spitze zu erreichen.

Die Show wurde witzig kommentiert. Von oben wurden die Teilnehmer mit einem Steiger transportiert. Solch eine Probe kann nicht jedermann aushalten.

Auf dem Platz herrschte eine heitere Atmosphäre, für welche Tanz- und Sängergruppen sorgten.

Man sang russische und komi Volkslieder.

Die Hauptfigur des Festes – die Maslenitza – war auch auf der Bühne zusammen mit einem Skomoroch. Von alters her ist der Skomoroch der bekannteste Volksunterhalter auf allen russischen Volksfesten.

Von Zeit zu Zeit zeigte sich den Schaulustigen ein Tanzbär – wie viele Ausländer meinen, eine Attraktion, die auf jedem Fest in Russland angesagt ist. Heute ist es eher eine Seltenheit einen lebendigen Tanzbähren geführt werden zu sehen. Unser Bär war ein Verkleideter).

In fröhlicher Stimmung war das Fest mit der Verbrennung der Strohpuppe beendet.

Das Foto: komiinform.ru

Ich war aber zu Hause, trank heißen Tee und aß Blinis mit Kaviar- und Lachsfüllung. Das war lecker!

Blinis mit Kaviar sind eine ziemlich teuere Köstlichkeit, die sich ein durchschnittlicher Russe nur an Festen erlauben kann.

In manchen Quellen schreibt man jedoch, dass es das typische russische Gericht ist. So entstehen Stereotype und Vorurteile, die ich mit meinem Blog abbauen möchte.

Das Foto: Doch ohne den Samowar geht es nicht.

Die Maslenitza ist ein Fest, welches auch der Magen feiert. Vor der strengsten Fastenzeit, die bald darauf beginnt und 40 Tage bis zu Ostern dauert, will man besonders reichhaltig essen. Die ganze Woche werden die Blinis verzehrt. Sie sind in Cafés, Kantinen und Mensen zu kaufen. Auf dem Stadtfest wurden sie auf den Pfannen draußen gebraten und in Stapeln gelegt.

Ein aromatischer Rauch stieg davon. In der frischen Luft schmecken sie besonders, auch wenn man dazu heißen Kräutertee trinkt. Der Duft der Blinis vermischte sich mit dem von Schaschlyk. Diese Tatsache zeigt anschaulich, wie ein uraltes Fest mit neuen Inhalten gefüllt wird.

Ich habe bis jetzt über die modernen Bräuche zum Fest geschrieben, die russlnadweit gelten, doch die Komi hatten etwa andere Weise, das Fest zu feiern. Den Nachhall der alten Komi-Traditionen kann man heute oft nur in kleineren Dörfern beobachten und erleben.

Auf Komi heißt das Fest einfach maslenitscha (was der russischen Bezeichnung ähnlich ist) oder jow weshalun, was so gut wie Milchsonntag bedeutet. Wo es Milch gibt, gibt es auch Butter. Und Butter war im Komi-Land eines der teuersten Nahrungsmittel. Über einen reichen Mann sagte man “er taucht in Butter”. Butter wurde nur an den Festtagen in Brei zugegeben und auch zu Maslenitza wurden die Blinis mit Butter bestrichen gegessen.

Die traditionellen Bräuche der Komi waren Rodelberge, Schaukeln und Pferdegespannfahren. Gerodelt wurde in den Schlitten zu zweit (ein Junge und ein Mädchen). Schaukeln wurden hauptsächlich für die Kinder gedacht. Pferdegespannfahren war besonders spektakulär. Die Schlitten waren bemalt und mit teurem Tuch bedeckt. Auf der Duga (der hohe aus Holz gefertigter Bogen) wurden kleine Glocken, farbige Bände und Papierblumen befestigt. Die ganze Anspannung wirkte prachtvoll. Vor allem die jungen Leute hatten den meisten Spaß beim Fahren.

Eine Maslenitza auf Komi-Art haben wir mit meinem Mann heute erlebt, auf dem Fest Gasha Waʹlaj im Dorf Wisinga. Darüber ist mein nächster Bericht.

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Eine Antwort zu “In Komi vertreibt man den Winter

  1. In Komi vertreibt man den Winter, der will aber nicht vertrieben werden. Mir ist auch klar warum: Er will sich das alles mitansehen können! All die fröhlichen, bunten, überaus geschmackvollen Gestalten, die vielversprechenden „jungen Frauen“ und jene „im besten Alter“.

    Ich ahne heute: Wenn ihr noch ein paar solcher Highlights wie Maslenitza
    auf Lager habt, dann geht der Winter nie! Geht ihm ja keine Blinis zu essen ))! Oder in Deinem Bild: Mit Maslenitza taucht ihr den Winter in Butter, warum soll er also gehen?

    Liebe Ludmilla, herzlichen Dank für diese schöne Reportage, die auch den Anwohnenden der wärmeren Regionen sehr gut tut!

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