Christus ist auferstanden!

Morgen feiert man in Russland das orthodoxe Osterfest – Pascha. In unserer Familie steht schon alles essbereit auf dem Tisch – der Kulitsch (das Ostergebäck) und gefärbte Eier (in diesem Jahr habe ich Zwiebelschale als Farbstoff benutzt). Morgen stehen wir auf und begrüßen die Auferstehung von Jesus Christus. Doch wie wir das Fest weiter begehen, darüber schreibe ich nächstes Mal.

Heute möchte ich über die Pascha-Bräuche des Volkes Komi berichten. Ihr habt schon etwas über den Weidensonntag erfahren. Jetzt geht es um den Großen Donnerstag (oder den Sauberen Donnerstag). Dieser Tag war reich an Bräuche und wurde sehr stark vom Aberglauben geprägt.

Früh am Morgen, während die Krähen noch schliefen, machten die Hausfrauen die Ofentür auf und nannten laut alle ihre Kühe beim Namen. Man glaubte, dass die Kühe dann selbständig (ohne Hirt) von dem Weideplatz nach Hause kommen werden. Noch vieles wurde früh am Morgen gemacht. Vor dem Sonnenaufgang brachte man Bettwäsche auf den Hof und klopfte man sie ab. Das sollte Wanzen und Läuse wegjagen. Geld wurde auch vor dem Sonnenaufgang gezählt. Das macht man, um das ganze Jahr keine Not zu leiden. Ich habe meine Geldtasche auch “ausgeschüttet”))) und den Inhalt gründlich überprüft, doch wie man sagt “Hilf dir selbst, so hilft dir Gott!”

Die Jäger und Fischer von der Petschora brachten aus dem Wald einen Tannenbaumstumpf (von der Sibirischen Tanne) und Wacholderzweige. Ein Teil von den Zweigen wurde unter den Deckenbalken (zu russisch: Matiza) gelegt. Der andere Teil wurde in der Mitte des Zimmers angezündet. Man sprang über das Feuer. Die Männer glaubten, dass wenn sie alle diese Rituale richtig begehen, wird ihre Jagd- und Fischfangbeute immer reich.

Am Großen Donnerstag sollte man das Haus und den Bauernhof aufräumen, auch die Hausarbeit sollte an diesem Tag tüchtig und fleißig erledigt werden. So wird der Haushalt das ganze Jahr gepflegt und in Ordnung bleiben.

Am Morgen versuchte man sich auf der Mehlbank (wo gewöhnlich Mehl aufbewahrt wurde) zu beschuhen. Das brachte Glück. Wenn man sich beschuhte, wo gekocht wurde, so konnte der Jäger dann im Frühling die Stelle finden, wo Birkhähne balzen.

Dem Salz wurde an diesem Tag eine besondere Heilkraft zugesprochen, aber erst nachdem es im Ofen etwas angebraten worden war.

In Kuhställen wurde Heidekraut verbrannt. Der Rauch sollte die bösen Geister vertreiben und das Vieh vor Krankheiten schützen. Die übrige Heidekraut legte man unter den Deckenbalken. Auch Hechtzähne beschützten das Haus. Man legte sie oben auf den Türpfosten.

Man glaubte, dass am Großen Tag der Zugriff der bösen Geister und überirdischen Wesen bei Mensch und Tier besonders zu spüren war. Auch in der Nacht vor der Pascha kämpfte man mit der bösen Kraft. Die Jungen schossen aus allen Gewehren. Auf den hügeligen Stellen wurden große Feuer angezündet. Man glaubte, dass böse Zauberer in der Nacht an der Kirchenglocke knabbern. So stieg man am Morgen auf den Glockenturm und suchte nach Bissspuren.

Der Gottesdienst war am Morgen besonders prunkvoll. Überall brannten Kerzen und die Wände der Kirche wurden mit Tannenzweigen geschmückt. Die Menschen begrüßten einander mit den Worten: “Christus ist auferstanden!” Einige Jäger statt den Gruß mit den üblichen Worten zu erwidern “Er ist wahrhaftig auferstanden!” nannten besonders wertvolles Nutzwild oder Nutzfisch. Das sollte ihnen eine erfolgreiche Jagd versprechen.

Foto: Die groβen Schaukel wurden auf jedem Fest errichtet.

Nach dem Gottesdienst begannen die ausgiebigen Feierlichkeiten mit dem reichlichen Essen und Attraktionen. Besonders populär waren die großen Schaukel und Wippespringen (es wurde auf dem Brett gesprungen). Die Komi kannten auch Spiele mit Eiern.

Selbst der Brauch Eier zu färben wurde ursprünglich in Dokumenten aus dem 17.Jahrhundert erwähnt. Die Geflügelzucht war bei den Komi lange Zeit nicht verbreitet, so wurden die Eier durch trockene Quarkriegel ersetzt. Sie wurden aus Quark, Butter und Sahne zubereitet.

Foto: Eierrollen bringt den Kindern den meisten Spass

Foto: Dieses Spiel habe ich „Eihockey“ genannt.

Foto: Wer siegt?

Während ich den Artikel gemacht habe, ist der Groβe Tag gekommen. Es ist weit um Mitternacht. Der Nachtgottesdienst ist schon zu Ende und Millionen von Gläubigen schlafen in Frieden und Freude an dieses Ereignis ein.

Christus ist auferstanden!

Foto: Georgij Moisejenko

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2 Antworten zu “Christus ist auferstanden!

  1. Liebe Ludmilla, was für eine Arbeit von Dir wieder geleistet wurde! Noch in der Nacht zum Osterfest stellst Du uns die Pascha-Bräuche der Komi zusammen, gehst in die Vergangenheit, um zugleich anzukündigen, der Beitrag aus dem Hier und Jetzt käme dann am nächsten Tag! Und auch das hast Du eingelöst!

    Bei den von Dir beschriebenen Pascha-Bräuchen der Komi möchte ich Dich fragen, wie weit Du in Deiner Schilderung kultur- oder ethnographiegeschichtlich zurückgegangen bist? Sind das Bräuche vor der sogenannten Christianisierung? Oder Bräuche, die aus der Zeit vor der Christianisierung stammen und die dann zusätzlich zur christlichen Liturgie gefeiert wurden? — Ich frage dies, weil einige Schilderungen kulturgeschichtlich sehr gut verknüpfbar sind mit sogenannten indogermanischen oder auch römischen „Herdfeuerreligionen“ oder mit archaischen Riten.

    Herzlich, Konstantin

  2. Lieber Konstantin!
    Vielen Dank fuer Deinen Kommentar und Gruesse zum russischen Pascha-Fest!!! Du bist wie immer ein aufmerksamer Leser, davon zeugen die Fragen.
    So, ich muss sagen, dass die Christianisierung des Volkes Komi im 14.Jahrhundert erfolgte. Und der Prozess vollzog sich ziemlich schwierig, weil die Komi Heiden waren. Insbesondere verehrten sie die Natur. Der Nachhall dieser heidnischen Braeuche gibt es auch heute in den christlichen Braeuchen. Die von mir beschriebenen Ritualien gehoeren natuerlich zum Pascha-Fest, einige haben aber ihre Wurzeln in der tiefen Vergangenheit. ich meine, dass viele Voelker, besonders die Europaeer viel gemeinsames in ihrer Kulturgeschichte haben, weil die Vorstellungen der Urmenschen den gemeinsamen Hintergrund haben. Sie konnten einige Erscheinungen der Natur nicht erklaeren, so entstanden Gottheiten usw. Aber Du weisst ja das! Ich nenne das das universale Wissen, dass viele Voelker in seinen wichtigen Kulturbegriffen als Basis haben. Die Komi uebernahmen viel von den Russen und die heidnischen Braeuche wurden zum Bestandteil des neuen religioesen Brauchtums.

    Mit herzlichen Gruessen,
    Deine Ludmilla)

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