Monatsarchiv: Januar 2014

Eine Köstlichkeit aus dem Norden

Ja, Rentierbraten schmeckt köstlich. Ich hätte diesen Geschmack fast vergessen, aber vor kurzem kaufte ich ein Stück Rentierfleisch. Auf dem Samstagsmarkt, der jede Woche in Syktywkar stattfindet, verkaufen die hiesigen Agrarier ihre Bioprodukte von bester Qualität. Milch, Butter, Sahne schmecken so lecker! Rentierfleisch kommt ganz vom Norden – aus Ishma und Workuta. In Tundra gibt es keine Industrie, nur Natur pur. Deshalb sagt man, dass Rentierfleisch sehr gesund ist. Es ist mager, aber so aromatisch! Die Brühe ist gelblich und herzhaft. Es wird auch ganz schnell zubereitet, und wenn man dazu noch Preiselbeeren und Möhren zufügt, läuft einfach das Wasser im Munde zusammen!

Auf dem Foto sieht man unser bescheidenes Abendbrot im Dorf. Es wird auch so schlicht mit selbst eingelegten Gurken, Zwiebeln und gekochten Kartoffeln serviert.  Alles aus dem eigenen Gemüsegarten. Auch etwas Vodka darf nicht fehlen, nur so für die beste Laune. Mein Mann macht ein sehr aromatisches Vodka-Getränk mit Meerrettich, Ingwer und Honig. Ein kleines Vodka-Gläschen erwärmt die Seele an einem frostigen verschneiten Abend. Und bei uns liegen jetzt die Temperaturen bei -30Grad.

Die Nachkommen von Jirkap (Teil 1)

Vor kurzem habe ich im Nationalmuseum der Republik Komi eine sehr interessante und erkenntnisreiche Ausstellung besucht – “Die Nachkommen von Jirkap”. Jirkap ist eine mythologische Gestalt – ein  Jäger, der Zauberskier hatte. Die Ausstellung war also dem Thema Skilaufen gewidmet.

Im Gebiet des Sindor-See wurden einige Holzschnitzereien gefunden, die sich in die Jungsteinzeit einordnen lassen. In einer der dortigen Ansiedlungen wurde eine hervorragende Elchkopfplastik gefunden, die künstlerisch sehr aussagekräftig ist und die aller Wahrscheinlichkeit nach die Spitze eines Skis oder eines Schlittenkufs geschmückt hatte. Man nimmt an, dass der Elchkopf eine magische Rolle spielen sollte, und zwar, die Geschwindigkeit der Skier beschleunigen. In diesem Zusammenhang fällt einem die schöne Sage der Komi-Syränen über den tapferen Jäger Jirkap ein, der vor langer Zeit am Sindor-See gelebt haben soll und der auf seinen Zauberskiern über den Sindor-See springen konnte.

Die Sage erzählt folgendes. Einmal lauschte Jirkap dem Streit zwischen dem Wassergeist (Wassa) und dem Waldgeist (Wersa). Jirkap beschloss dem Waldgeist zu helfen, weil die Freundschaft mit Wersa für ihn als einen Jäger von einem großen Vorteil sein könnte. Der Geist bedankte sich bei dem Helden dafür und zeigte ihm einen Baum, der Glück brachte (komi: As Pu – Mein Baum).

Nach dem Volksglauben der Komi habe jeder Mensch seinen As Pu. Es ist sehr schwer, den As Pu zu finden. Dem Jäger könnte dabei der Hund behilflich sein. Er halte am Baum und bellte den As Pu an. Mit dem ersten Axthieb beginne der Baum zu bluten und mit seinem Herrn zu sprechen. Die Sachen, die aus diesem Baum angefertigt werden, hätten eine besondere Zauberkraft.

Als der Jäger auf den Baum schlug, sprang Blut aus der Wunde des Baums. Der Wunderbaum bat den Jäger aus seinem Holz etwas Nützliches herzustellen. Jirkap machte Skier, die über eine große Geschwindigkeit verfügten.

Mit seinen Zauberskiern konnte der Jäger sein Jagdrevier schnell erreichen. Jirkap konnte auch auf dem dünnen Eis laufen. Wenn er seine Handschuhe auf die Skier warf, hielten sie an. Wenn er seine Mütze warf, blieben die stehen.

Foto: Das Bild gehört dem Schaffen vom Maler Wiktor Ignatov (Legenden des Volkes Komi).

Es gibt noch eine Sage. Eine Hexe schloss mit Jirkap die Wette ab, dass er dreißig Hirsche auf der Jagd erlegt, aber der einunddreißigste blaue Hirsch fällt ihm nicht zu. Schließlich fing er den blauen Hirsch nach einer langen Jagd. Der Hirsch verwandelte sich dann in eine Elster. Aber sie konnte nicht auffliegen, weil Jirkap ihren Flügel mit seinem Stock verletzt hatte. Der Jäger tötete sie. Es stellte sich heraus, dass diese Elster die Tochter der Hexe war, die dann aus Rache dem Helden die Zauberkraft nahm. Bald nach diesen Ereignissen ertrank Jirkap im See, der jetzt den Namen Sindor-See trägt. Der Wald, wo der Held gestorben war, trägt den Namen Jirkapuw, das bedeutet die Stelle unter dem Haus von Jirkap.

Jirkap war wohl der erste schnelle Skiläufer im Land der Komi. Kraft und Geschicklichkeit von Jirkap haben die unzähligen Komi-Jäger vererbt. Auf ihren Skiern (komi: Ljampy) streiften sie durch die verschneite Taiga und legten hunderte Kilometer zurück, bis sie ihr Jagdrevier erreichten oder heimkehrten. Traditionell muss die Lauffläche der Ljampy mit Rentierfell bezogen werden, damit sie auf dem Schnee in der Taiga nicht zurückgleiten, wenn der Jäger auf einen Hügel hinaufkommt. Sie sind kurz und etwas breit.

Die Komi – die Nachkommen von Jirkap – gelten als Ski laufende Nation. Sei es die schöne Sage über Zauberski, die jahrhundertelange traditionelle Lebensweise der Komi-Jäger, oder Hartnäckigkeit und Arbeitssamkeit der heutigen Komi und ihre Liebe zur Natur – aber aus dem Land der Komi stammen Olympiasieger im Langlauf und anderen Wintersportarten.

In der Ausstellung zeigte man in Exponaten, Fotos und alten Dokumenten, wie populär und beliebt der Skilanglauf in der Republik Komi ist.

Außerdem konnte man hier die wetrtvollsten Ausstellungsstücke beobachten – Sportanzüge und Medaillen der Olympiasieger und Weltmeister Raissa Smetanina, Wassilij Rotschew (Vater) und Wassilij Rotschew (Sohn), Nikolaj Bashukow und anderer.

Raissa Smetanina ist eine hervorragende Sportlerin und Persönlichkeit, die ihr Leben dem Sport gewidmet hat. Sie wurde in einer kinderreichen Familie im Dorf Mochtscha (Rayon Ishma) geboren. Ein bescheidenes Dorfmädchen wurde vier mal Olympiasiegerin im Skilanglauf.

Foto von Raissa Smetanina http://www.sportrk.ru | Der Sportanzug, in dem Raissa Smetanina ihre erste Goldmedaille in Winterspielen gewonnen hatte.

Zwischen 1976 und 1992 nahm sie an fünf Olympischen Spielen teil. Sie ist damit die älteste Olympiasiegerin bei Winterspielen. Ihre ersten Goldmedaillen gewann sie 1976 (Innsbruck) über 10 km und mit der Staffel, dann 1980 (Lake Placid) über 5 km. 1992 (Albertville) kämpfte sie um ihre vierte Goldmedaille mit der Staffel im Alter von 40 Jahren. Sie war die erste Skilangläuferin überhaupt, die zehn Olympische Medaillen gewinnen konnte: viermal Gold, fünfmal Silber und einmal Bronze. In sieben Skilanglauf-Weltcups bestieg sie das Siegerpodest: viermal mit Gold, viermal mit Silber und viermal mit Bronze.

Für ihre hervorragenden Leistungen wurde Raissa Smetanina 1979 mit der Holmenkollen-Medaille geehrt, 1984 mit dem Orden der Völkerfreundschaft. 1992 wurde sie die Preisträgerin von der UNESCO für Fair-Play in Sport. Sie ist auch die Ehrenbürgerin der Stadt Syktywkar (die Hauptstadt der Republik Komi). Das größte Skistadion der Republik Komi trägt den Namen von Raissa Smetanina. In ihrer Sportkarierre gewann sie 26 Medaillen bei Weltmeisterschaften und Olympiawinterspielen.