Monatsarchiv: Juni 2014

Waldmenschen in der Stadt

Foto: Ich bin heute auch ein Waldmensch

Für einen Tag wurden die Syktywkarer zu Waldmenschen. Das war eine super Idee den nationalen Feiertag Russlands am 12. Juni zu feiern. Außerdem wird an diesem Tag traditionell das Stadtfest veranstaltet.

„Waldmenschen“  – so hieß das Festival der finno-ugrischen Kultur. Die Hauptstadt der Republik Komi hat noch niemals so ethno und naturnah das Fest gefeiert. Das war eine Show, wo man kreativ mitmachen konnte, und nicht einfach mit offenem Mund als Zuschauer alles beobachten.

Das Fest war so organisiert, dass es mehrere thematische Stationen gab, wo man die komi Traditionen und Lebensweise hautnah erleben konnte.

„Waldmenschen“ – das ist das Komi-Volk, das sehr an den Wald gebunden ist. Im Laufe der Jahrhunderte war der Wald das zweite Zuhause der Komi, ihr Tempel und ihre Lebensquelle. Das wollten die Organisatoren anschaulich machen.

Der Platz im Zentrum der Stadt verwandelte sich in einen Wald mit Tieren und Bäumen aus Holz, die man bemalen konnte. Die Kinder hatten dabei den meisten Spaß, auch die Erwachsenen vergaßen für kurze Zeit ihre Sorgen. Den Festival-Gästen wurden Muster mit Komi-Ornamenten, Pinsel und Farben angeboten.

Wer keine Lust zu malen hatte, konnte sich aufs Heu legen. Zwei große Heufelder luden zum Verweilen ein. Jeder hat diese Einladung auf eigene Weise genutzt: Die Kinder tobten sich aus, die Jugendlichen sonnten sich und die Erwachsenen versuchten Heudüfte tief einzuatmen – das ist für die Stadtbewohner ein unbekanntes Geruch. Es war eine Heuwiese mitten in der Stadt, sollte vielleicht an die Heuerntetradionen der Komi erinnern.

Wo sich die Seele erholt, muss auch der Magen verwöhnt werden. Dazu sorgte das Schanga-Festival. Die Schanga-Königin wurde gewählt, d.h. die leckerste! Meiner Meinung nach, schmeckten alle Schangas vorzüglich – mit Kartoffel-, Preiselbeeren-, Gerstengrütze- und Quarkbelag; aus Roggenmehl und Weizenmehl. Die Bäcker aus vielen Rayons der Republik haben sich an eine wichtige Regel gehalten – man muss an etwas Gutes denken, wenn man den Teig knetet – an die Familie, Kinder, Eltern, Heimat, dann wird jede Schanga zur Königin.

Ein anderes Ereignis für Auge und Magen war das Kulinarische Theater aus Moskau mit dem Theaterstück über das Entstehen von Schanga. Eigentlich ging es um die Geschichte des Brotes in verschiedenen Kulturen. Der Schauspieler knetete den Teig und erzählte dabei in einer vertraulichen Weise, welche Rolle das Brot für die Völker der Welt spielt, wie es gebacken wird und das Brot auch seine Seele hat.

Es war so gemütlich auf einer Bank zu sitzen und der ruhigen Stimme zuzuhören. Die Ziehharmonika begleitete das Perfomance. Das Theaterstück hat mir sehr gefallen. Der Schauspieler sprach so gefühlsvoll, dass ich manchmal heimlich Tränen vom Gesicht wischte. Und das alles wegen des Brotes!!!

Den Gästen wurden an diesem Tag viele Ethno-Aktivitäten angeboten: komi Spiele, Kräutertee und sogar Gymnastik. Auch das Volksfest Schondyban wurde lustig mit Volksliedern gefeiert.

Die Handwerker zeigten ihr Können und hatten ihr eigenes Wettbewerb.

Alle traditionellen Handwerkerzeugnisse konnte man sofort kaufen oder bei dem Meister bestellen. Für mich waren die Erzeugnisse aus Wurzelholz wie immer von einer großen Anziehungskraft.

Die ganze Stadt war in Bewegung. Die Menschen strömten zum Stefanov-Platz, dann in den Park und dann wieder zurück. Es gab gleichgültige, man sah das an ihren Gesichtern. Es gab auch solche, die sich Mühe gegeben haben, etwas näher zu ihren historischen Wurzeln zu sein.

Ich habe diesen Tag toll verbracht, weil ich alles so ungewöhnlich fand. Ich hatte das Gefühl, dass an diesem Tag viele Menschen verstanden haben, in welchem malerischen und traditionsreichen Winkel der Welt wir leben.

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Der Säbel und sein Herr

Foto: Jewdokia Pystina

Sablja (zu deutsch: Säbel) ist eine der schönsten Spitzen des grauhaarigen Ural. Sie erreicht die Höhe von 1497 m und gehört mit anderen malerischen Bergen und Gebieten zum Nationalpark Jugyd Wa (zu komi: klares Wasser). Ihr Name ist eine Metapher, weil ihre 14 Spitzen einer scharf gezackten Säge gleichen.

Foto: Jewdokia Pystina

Foto: Maria Siwkiw (Quelle: http://www.mountain.ru/article/article_display1.php?article_id=1266)

Die Nenzen nennen diesen Berg Sauk-Pai, was so gut wie ein scharfer Stein bedeutet. Obwohl der Berg ziemlich schwer zu erreichen ist, gibt es immer wieder Touristen, die das alpine Profil des Gipfels bewundern möchten. Vielleicht deswegen wird der Ural oft die Alpen von Petschora genannt.

Foto: Maria Siwkiw – Die alpine Landschaft des Ural (Quelle: http://www.mountain.ru/article/article_display1.php?article_id=1266)

Hier herrscht Ruhe und lautlose steinerne Stille. Im Gegensatz dazu bekommt die Tundra zu den warmen Jahreszeiten ein farbenprächtiges Gewand aus Blumen, Gräsern, Pilzen und Laubbäumen. Werfen wir einen flüchtigen Blick auf das Schaffen der Künstlerin Natur – Ausläufe von kleinen rotköpfigen Pilzen, milchblaue Blaubeeren, purpurrote Vogelbeeren, honigorange Perlen der Moltebeeren, wolkenweiße Wollgräser, wohin das Auge reicht – doch die Schönheit der Tundra ist das zärtlich weiße Windröschen, das wie ein Teppich den Bergfuss bedeckt.

Der Säbelrücken ist eines der wenigen Gebieten des Urals, wo sich das wilde Rentier wie zu Hause fühlt. Aber auch dieses stolze Tier kann die steinerne Stille nicht zerstören. Nur Bäche rauschen und strömen rasch ins Tal, wenn der Schnee zu tauen beginnt. Eigentlich ist der Schnee nur am Ende des Sommers weg, denn er wird streng bewahrt – der Hofmann-Gletscher verbirgt sich unter Säbelspitzen und ganz unten ein See, in dessen azurn-blauen Spiegel man bei sonnigem Wetter Wolken sieht, die den Sablja-Berg umweben. Wenn die Sonne scheint, glitzert das blaue Eis. Der Gletscher hat die Länge von 1 km und die Breite von 500 m. Er gehört zu den ersten Gletschern, die im Gebiet des Ural entdeckt wurden.

Foto: Maria Siwkiw (Quelle: http://www.mountain.ru/article/article_display1.php?article_id=1266)

Wenn man sich dem Gletscher nähert, so hört man tausendstimmiges Pfeifen von Ochotona. Dieses lustige kleine Nagetier fühlt sich hier sehr wohl. Aber auch Bären und Elche hausen in der naheliegenden Laubtaiga.

Der Sablja-Berg gleicht einer Burg mit Türmen und muss auch seinen Herrn haben. Fast alle Gipfel des Ural sind von Sagen und Legenden umwoben. Sablja ist auch keine Ausnahme. Der Ethnologe B.Bessonow  schrieb 1909: „Sie haben hier ihren Rübezahl, den Sablja-Herrn. Er ist grausam und erscheint manchen kühnen Köpfen, die ihn zu sehen wagen, als eine fliegende, drehende Säule. Weh dem, der lacht und an ihn nicht glaubt. Der Sablja-Geist braucht Verehrung, sonst verschwindet der Arme im Abgrund“.