Waldmenschen in der Stadt

Foto: Ich bin heute auch ein Waldmensch

Für einen Tag wurden die Syktywkarer zu Waldmenschen. Das war eine super Idee den nationalen Feiertag Russlands am 12. Juni zu feiern. Außerdem wird an diesem Tag traditionell das Stadtfest veranstaltet.

„Waldmenschen“  – so hieß das Festival der finno-ugrischen Kultur. Die Hauptstadt der Republik Komi hat noch niemals so ethno und naturnah das Fest gefeiert. Das war eine Show, wo man kreativ mitmachen konnte, und nicht einfach mit offenem Mund als Zuschauer alles beobachten.

Das Fest war so organisiert, dass es mehrere thematische Stationen gab, wo man die komi Traditionen und Lebensweise hautnah erleben konnte.

„Waldmenschen“ – das ist das Komi-Volk, das sehr an den Wald gebunden ist. Im Laufe der Jahrhunderte war der Wald das zweite Zuhause der Komi, ihr Tempel und ihre Lebensquelle. Das wollten die Organisatoren anschaulich machen.

Der Platz im Zentrum der Stadt verwandelte sich in einen Wald mit Tieren und Bäumen aus Holz, die man bemalen konnte. Die Kinder hatten dabei den meisten Spaß, auch die Erwachsenen vergaßen für kurze Zeit ihre Sorgen. Den Festival-Gästen wurden Muster mit Komi-Ornamenten, Pinsel und Farben angeboten.

Wer keine Lust zu malen hatte, konnte sich aufs Heu legen. Zwei große Heufelder luden zum Verweilen ein. Jeder hat diese Einladung auf eigene Weise genutzt: Die Kinder tobten sich aus, die Jugendlichen sonnten sich und die Erwachsenen versuchten Heudüfte tief einzuatmen – das ist für die Stadtbewohner ein unbekanntes Geruch. Es war eine Heuwiese mitten in der Stadt, sollte vielleicht an die Heuerntetradionen der Komi erinnern.

Wo sich die Seele erholt, muss auch der Magen verwöhnt werden. Dazu sorgte das Schanga-Festival. Die Schanga-Königin wurde gewählt, d.h. die leckerste! Meiner Meinung nach, schmeckten alle Schangas vorzüglich – mit Kartoffel-, Preiselbeeren-, Gerstengrütze- und Quarkbelag; aus Roggenmehl und Weizenmehl. Die Bäcker aus vielen Rayons der Republik haben sich an eine wichtige Regel gehalten – man muss an etwas Gutes denken, wenn man den Teig knetet – an die Familie, Kinder, Eltern, Heimat, dann wird jede Schanga zur Königin.

Ein anderes Ereignis für Auge und Magen war das Kulinarische Theater aus Moskau mit dem Theaterstück über das Entstehen von Schanga. Eigentlich ging es um die Geschichte des Brotes in verschiedenen Kulturen. Der Schauspieler knetete den Teig und erzählte dabei in einer vertraulichen Weise, welche Rolle das Brot für die Völker der Welt spielt, wie es gebacken wird und das Brot auch seine Seele hat.

Es war so gemütlich auf einer Bank zu sitzen und der ruhigen Stimme zuzuhören. Die Ziehharmonika begleitete das Perfomance. Das Theaterstück hat mir sehr gefallen. Der Schauspieler sprach so gefühlsvoll, dass ich manchmal heimlich Tränen vom Gesicht wischte. Und das alles wegen des Brotes!!!

Den Gästen wurden an diesem Tag viele Ethno-Aktivitäten angeboten: komi Spiele, Kräutertee und sogar Gymnastik. Auch das Volksfest Schondyban wurde lustig mit Volksliedern gefeiert.

Die Handwerker zeigten ihr Können und hatten ihr eigenes Wettbewerb.

Alle traditionellen Handwerkerzeugnisse konnte man sofort kaufen oder bei dem Meister bestellen. Für mich waren die Erzeugnisse aus Wurzelholz wie immer von einer großen Anziehungskraft.

Die ganze Stadt war in Bewegung. Die Menschen strömten zum Stefanov-Platz, dann in den Park und dann wieder zurück. Es gab gleichgültige, man sah das an ihren Gesichtern. Es gab auch solche, die sich Mühe gegeben haben, etwas näher zu ihren historischen Wurzeln zu sein.

Ich habe diesen Tag toll verbracht, weil ich alles so ungewöhnlich fand. Ich hatte das Gefühl, dass an diesem Tag viele Menschen verstanden haben, in welchem malerischen und traditionsreichen Winkel der Welt wir leben.

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5 Antworten zu “Waldmenschen in der Stadt

  1. Konstantin Baehr

    Was für ein grossartiger und liebevoll bebilderter Report, liebe Ludmilla! Du zeigst den „malerischen und traditionsreichen Winkel der Welt“ mit Hingabe! Gerne würde ich so ein tolles Fest auch einmal erleben! Schon die Situation auf dem ersten Bild sieht urgemütlich aus und dann die Schangas, die Geschichten, die Trachten, die Sonne und die fröhlichen Mienen der Besucher und Besucherinnen (diejenigen mit gleichgültigen Mienen hast Du uns nicht gezeigt)) Findet denn dieses Fest immer wieder einmal statt?

    • Lieber Konstantin! Das war ein grosses Ereignis fuer alle in der Stadt. Solche Feste haben wir noch niemals erlebt. Vielleicht deswegen ist mein Bericht voll von Begeisterung! Das Festval war ein grosser Erfolg und im naechsten Jahr findet es wieder statt.

  2. Людмила, спасибо большое за твои душевные статьи и фотографии, я выросла в Интинском районе, училась и работала в Сыктывкаре, сейчас нахожусь в Вене и мне очень приятно читать тебя 🙂
    Das ist ja sehr angenehm deine Artikel immer wieder zu lesen und genießen 🙂
    Schrieb weiter!

    • Алла! Мне очень приятно получать такие отзывы) спасибо большое за добрые слова! Когда я начинала вести блог, я просто хотела рассказать миру о Республике Коми. Теперь мне вдвойне приятней из-за мысли, что у кого-то появляется возможность еще раз побывать на родине хотя бы таким виртуальным образом. И конечно же неожиданно, что Вы нашли даже свою бабушку на фотографии! Die Welt ist wie ein Dorf, wie man so sagt! Надеюсь, что Вы останетесь моим постоянным читателем. Очень рада знакомству!

  3. Людмила, давай на ты )
    Я прошу тебя о личном контакте по email, у меня есть вопросы и предложения
    Тебе же виден мой email?

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