Monatsarchiv: August 2014

Ust-Zilma. Am Ufer der Petschora

Der nächste Beitrag zu meiner Ust-Zilma-Reise gilt der Petschora, einem wasserreichen Strom, an dem sich das Dorf erstreckt.

Etwas zur Landeskunde: Die Petschora ist ein 1.809 km langer, zum Nordpolarmeer fließender Strom im nördlichen, europäischen Teil Russlands. Die Petschora durchfließt das ganze Territorium der Republik Komi und ist somit ihr größter Fluss.

Der mächtige Strom nimmt im Berg Petscher-Ja-Taljach-Ssjachl seinen Lauf. Der Name wird aus der mansischen Sprache abgeleitet und bedeutet der Berg, von dem Petschora geboren ist. Die Quelle des Flusses ist mit einer Eisenplatte versehen, dem so genannten Pass des Flusses. Sie wurde mit dem Hubschrauber transportiert, weil der Geburtsort des mächtigen Stromes schwer erreichbar ist.

Der Name des Flusses hat keine eindeutige Erklärung. Die Mansen nennen die Petschora Pesser oder Pesserja (ja (я) – Fluss). Es gibt auch die Meinung, dass die vielen Höhlen im Becken des Flusses Namensgeber sind (das altrussische Wort petschera Höhle). Höchstwahrscheinlich geht der Name Petschora auf das nenzische pe-tschera zurück. Der russische Ethnograph B.Dolgich ging davon aus, dass der Name samojedischen Ursprungs ist: nenzisch peaWald, tscher (tschera)Bewohner. So bedeutet pe-tscheraWaldbewohner, Waldmensch. L.Chomitsch übersetzt das Ethnonym petschera als Bergbewohner, Bergmensch (peBerg, Bergrücken, der Ural) und meint darunter Nenzen-Samojeden, die am Bergrücken des Ural ihr Nomadenleben führen.

Der Fluss durchzieht das Territorium der Petschora-Tiefebene im Norden und ergießt sein Wasser in die Barentssee. Sie schöpft ihre Kräfte aus mehreren großen und kleinen Flüssen – die wichtigsten Zuflüsse sind Lyscha, Ussa, Ilytsch, Sula, Wel, Koschwa, Lemju, Schtschugor, Jorsa, Laja, Sewernaja Mylwa, Schapkina und Ishma. Im Einzugsgebiet der Petschora befindet sich das Biosphärenreservat Petschora-Ilytsch. Auf den östlichen Abhängen des Ural liegt der Nationalpark Jugyd Wa. Zwischen dem Polaren Ural und dem Timan-rücken, befindet sich ein großes Steinkohleabbaugebiet – das Petschora Kohlenbecken – mit geschätzten Vorräten von bis zu 350 Milliarden Tonnen Kohle. Die Petschora ist schiffbar, allerdings ist sie den größten Teil des Jahres mit einer Eisdecke versehen.

Die Petschora ist ein malerischer Fluss. Ich erinnere mich an meine erste Bekanntschaft, wie sie mich fasziniert hat, dass ich für einige Zeit alles vergaß und nur noch ihrem langsamen Lauf folgte und das Platschen der Wellen vernahm. Ich stand am Ufer und der Wind war sehr heftig. Er wehte mir jeden Gedanken aus dem Kopf, so stark er brauste.

Der Fluss war unfreundlich, das Wasser war grau, ich würde sagen schmutzig-grau. Ich bekam das Gefühl der Hilflosigkeit, weil hier die Gewalt der Natur war in ihrer reinen Erscheinung. Am Ufer gab es viel Wracks. Zuerst dachte ich, warum die Ust-Zilmaer den Fluss so verschmutzen. Aber Ksenja, meine Gastgeberin, hat mir erklärt, dass es wegen des Hochwassers gemacht wurde, damit das Wasser nicht am Ufer nagt – die Häuser stehen ganz nah zum Ufer.

Ksenja teilte mir in überlegender Weise mit (wie sie es immer macht), dass die Petschora tückisch ist. Jedes Jahr nimmt sie ihren Opfern das Leben, sei es ein Fischer oder Kinder, die ohne Aufsicht der Eltern versuchen auf den Eisschollen zu springen, oder sich an einem heißen Tag zu erfrischen. Ksenjas Haus steht nicht weit von Ufer, dass man ein Stück vom Wasser aus dem Hof sehen kann. Ich denke, sie ist immer um ihre Kinder besorgt, doch ihre Tochter Shenja kommt niemals allein ans Ufer. Wir haben mit ihr oft am Ufer gesessen und uns über das Leben, die Schule und andere für ihr Alter wichtige Sachen unterhalten… und fotografiert.

Der Fluss hat mehrere Gesichter und wechselt sie wie eine verwöhnte junge Frau. Im Laufe meines Aufenthaltes in Ust-Zilma habe ich ihre trügerische Laune erlebt: braun, schmutzig-grau, dunkelblau, silbern, opalen und lasurfarben. Doch besonders faszinierend ist ihr Gesicht zur Zeit des Sonnenuntergangs – ein schönes Motiv für ein Foto. Ich habe viele gemacht… Ich habe mich in diesen Fluss verliebt.

Für die Dorfbewohner ist die Petschora ihre Lebensquelle, Arterie, die Jahrtausende pulsiert. Vor mehreren Jahrhunderten war sie ein wichtiger Handelsweg für die nördlichen Völker. Die prächtigen Gorka-Kleider, die von mehreren Generationen getragen wurden und weiter vererbt werden, kamen nach Ust-Zilma aus fremden Ländern. Den Plat – das Kopftuch (zu Russisch: platok) – einer Frau, die ich kennen gelernt habe, bekamen ihre weiblichen Vorfahren wahrscheinlich von den englischen Kaufläuten. Sie nannten diese schöne Kopfbedeckung als „aglizkij plat“ (zu Russisch: Anglijaanglijskij platok; zu Deutsch: England – das englische Kopftuch). Die Ust-Zilmaer verkauften damals Pelz, Fisch und andere Rohwaren und bekamen Luxuswaren – Tücher, Brokat für Kleider, Goldborte für Röcke und Hemden.

Heutzutage ist die Bedeutung des Flusses für die Bevölkerung ebenso groß. Menschen und Güter werden befördert. Die mächtige und ausgiebige Petschora verwöhnt mit reichen Beständen an wertvollen Fischarten. Die Ust-Zilmaer zeigen sich als erfahrene Fischer. So werden in erster Linie Wander-, Zwerg- und Peledmaräne, Omul, Weißlachs und der „rote“ Lachs bevorzugt. Nicht weniger wertvoll ist die Hybride von Beluga und Sterlet (Bester), die in der letzten Zeit in der Petschora zu fangen ist. Die hiesigen Fischer unterscheiden auch „graue“ Fische – Nerfling, Hecht, Barsch, Plötze, die nach ihrer fachmännischen Meinung weniger Beachtung verdienen.

Leider habe ich keinen Petschora-Fisch gegessen. Vielleicht nächstes Mal!

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Ust-Zilma. Die erste Bekanntschaft

Das war schon seit vielen Jahren mein Traum, das Dorf Ust-Zilma zur Zeit seines größten Festes – der Gorka von Ust-Zilma – zu besuchen. In diesem Jahr ist er endlich in Erfüllung gegangen. Lange wagte ich nicht, mich auf diese Reise nach dem Norden der Republik zu begeben, weil das Dorf ziemlich schwer zu erreichen ist. Wenn man das Geld sparen will, so fährt man mit dem Zug, dann mit dem Bus bis zu der Fähre, und dann an das andere Ufer der mächtigen Petschora. Ich habe mir diese Aufwände erspart und kaufte Flugtickets – eine Stunde und man ist an Ort und Stelle. Die Summe in 6000 Rubel für die Tickets war das Geschenk meines Mannes zum Geburtstag.

Während des Fluges konnte ich ein bisschen die Landschaften der Republik Komi beobachten, aber nur für die kurze Zeit, weil der Himmel belegt war. Das Bild, das ich gesehen habe, war atemberaubend! Besonders haben sich mir die blauen Bände der Flüsse eingeprägt, die sich in allen möglichen Vignettenbiegungen schlängelten.

Das Dorf aber lag in etwa düsterer Stimmung. Es war kalt und windig. Der Wind kann hier sehr heftig sein, weil Ust-Zilma an der Petschora liegt. Meine Gastgeberin – Ksenija (meine ehemalige Studentin und zur Zeit Deutschlehrerin und Schulleiterin an der hiesigen Schule) hat mich beruhigt, dass am Tage der Gorka (am 12.Juli) immer die Sonne scheint. Ksenjas Familie hat mich sehr freundlich empfangen und sorgte für mein Wohlfühlen. Die Tochter Shenja – ein sehr nettes Mädchen – war meine Fremdenführerin. Sie hat mir alles gezeigt und etwas aus der Geschichte erzählt. Später haben wir mit ihr viele Spaziergänge unternommen, weil ihre Mutter mit dem kleinen Sohn Slawik viel Zeit verbrachte.

Foto: Die Familie meiner Gastgeber in der nationalen Tracht der Ustziljoma

Ich habe erfahren, dass der Gründer des Dorfes ein Nowgoroder Iwaschka Dmitriew Lastka war. 1542 hat er die Zarenurkunde bekommen, dass ihm Teile des Petschora-Landes zur Nutzung übergeben wurden. Später kamen viele Nowgoroder Familien und auch die Bewohner der Becken der Flüsse Mesenj und Pinega nach Ust-Zilma ihr Gewerbeglück zu finden. Schon in der damaligen Zeit war die Petschora durch ihren roten Fisch, den Lachs, bekannt. Man hatte vierzehn Tonjas (die Tonja ist ein Archaismus aus der russischen Sprache und bedeutet die Stelle, die man gewerblich nutzt, um Fische zu fangen). Heute ist der Lachsfang nur dann möglich, wenn man seine „Tonja“ pachtet.  Dazu haben nicht alle die nötige Summe. Ich fand es auch sehr merkwürdig, dass im Laden mit dem Namen „Petschora-Fisch“ der norwegische Lachs verkauft wird. Die Ust-Zilmaer, richtiger wäre die Bevölkerung die Ustziljoma zu nennen, behaupten, dass der Petschora-Lachs viel zarter und fleischiger als ihr norwegischer „Artgenosse“ ist.

Foto: Die Petschora

Seit dem 17.Jahrhundert beginnt ein neues Kapitel in der Geschichte des Dorfes, als mehrere Altgläubige von der kirchlichen Nikon-Reform nach Ust-Zilma geflohen waren. Die Altgläubigen wurden unter Todesgefahr verfolgt und fanden Zuflucht in dem weiten Dickicht des Komi-Landes. Hier haben sie sich eingelebt und brachten ihr Glauben und Traditionen somit auch die Gorka den Urbewohnern bei. So kann man schlussfolgern, dass Ust-Zilma ein russisches Dorf ist. Hier wird kaum Komi gesprochen. Das Volk, das hier lebt, ist eine ethnische und kulturelle Mischung aus den nördlichen russischen Völkern. Sie haben sich von der nördlichen Komi-Bevölkerung (vor allem den Ishemzen) und Nenzen zurückgezogen und pflegen ihre Bräuche bis zur heutigen Zeit so, wie sie sich von mehreren Jahrhunderten in den Petschora-Boden eingewurzelt haben. Die Altgläubigen haben jetzt ihr eigenes Gotteshaus, wo auf altslawisch gebetet wird.

Die Völkerschaft, die jetzt in Ust-Zilma und Umgebung zu Hause ist, nennt sich Ustziljoma. Das sind sehr offene, gastfreundliche und bodenständige Menschen. Ihre Lebenskraft liegt in ihren Traditionen, die sie tadellos und demütig pflegen. Sie sind stolz auf ihre Gorka und freuen sich immer, wenn die Gäste aus der ganzen Welt nach Ust-Zilma kommen.

Foto: Slawik – der Sohn von Ksenija – versucht eine Partnerin für die Gorka zu finden.

Die Ustziljoma haben eine sehr interessante Mundart. Einige Dialektismen hören sich für das russische Ohr merkwürdig aber so nett auf die altrussische Art, wenn man versteht, wie sie gebildet werden. Schade, dass die deutsche Sprache diese philologischen Raffinessen nicht übergeben kann. Mir hat es aber den meisten Spaß gemacht, den Wortschatz von der Ustziljoma einzuüben.