Ust-Zilma. Die erste Bekanntschaft

Das war schon seit vielen Jahren mein Traum, das Dorf Ust-Zilma zur Zeit seines größten Festes – der Gorka von Ust-Zilma – zu besuchen. In diesem Jahr ist er endlich in Erfüllung gegangen. Lange wagte ich nicht, mich auf diese Reise nach dem Norden der Republik zu begeben, weil das Dorf ziemlich schwer zu erreichen ist. Wenn man das Geld sparen will, so fährt man mit dem Zug, dann mit dem Bus bis zu der Fähre, und dann an das andere Ufer der mächtigen Petschora. Ich habe mir diese Aufwände erspart und kaufte Flugtickets – eine Stunde und man ist an Ort und Stelle. Die Summe in 6000 Rubel für die Tickets war das Geschenk meines Mannes zum Geburtstag.

Während des Fluges konnte ich ein bisschen die Landschaften der Republik Komi beobachten, aber nur für die kurze Zeit, weil der Himmel belegt war. Das Bild, das ich gesehen habe, war atemberaubend! Besonders haben sich mir die blauen Bände der Flüsse eingeprägt, die sich in allen möglichen Vignettenbiegungen schlängelten.

Das Dorf aber lag in etwa düsterer Stimmung. Es war kalt und windig. Der Wind kann hier sehr heftig sein, weil Ust-Zilma an der Petschora liegt. Meine Gastgeberin – Ksenija (meine ehemalige Studentin und zur Zeit Deutschlehrerin und Schulleiterin an der hiesigen Schule) hat mich beruhigt, dass am Tage der Gorka (am 12.Juli) immer die Sonne scheint. Ksenjas Familie hat mich sehr freundlich empfangen und sorgte für mein Wohlfühlen. Die Tochter Shenja – ein sehr nettes Mädchen – war meine Fremdenführerin. Sie hat mir alles gezeigt und etwas aus der Geschichte erzählt. Später haben wir mit ihr viele Spaziergänge unternommen, weil ihre Mutter mit dem kleinen Sohn Slawik viel Zeit verbrachte.

Foto: Die Familie meiner Gastgeber in der nationalen Tracht der Ustziljoma

Ich habe erfahren, dass der Gründer des Dorfes ein Nowgoroder Iwaschka Dmitriew Lastka war. 1542 hat er die Zarenurkunde bekommen, dass ihm Teile des Petschora-Landes zur Nutzung übergeben wurden. Später kamen viele Nowgoroder Familien und auch die Bewohner der Becken der Flüsse Mesenj und Pinega nach Ust-Zilma ihr Gewerbeglück zu finden. Schon in der damaligen Zeit war die Petschora durch ihren roten Fisch, den Lachs, bekannt. Man hatte vierzehn Tonjas (die Tonja ist ein Archaismus aus der russischen Sprache und bedeutet die Stelle, die man gewerblich nutzt, um Fische zu fangen). Heute ist der Lachsfang nur dann möglich, wenn man seine „Tonja“ pachtet.  Dazu haben nicht alle die nötige Summe. Ich fand es auch sehr merkwürdig, dass im Laden mit dem Namen „Petschora-Fisch“ der norwegische Lachs verkauft wird. Die Ust-Zilmaer, richtiger wäre die Bevölkerung die Ustziljoma zu nennen, behaupten, dass der Petschora-Lachs viel zarter und fleischiger als ihr norwegischer „Artgenosse“ ist.

Foto: Die Petschora

Seit dem 17.Jahrhundert beginnt ein neues Kapitel in der Geschichte des Dorfes, als mehrere Altgläubige von der kirchlichen Nikon-Reform nach Ust-Zilma geflohen waren. Die Altgläubigen wurden unter Todesgefahr verfolgt und fanden Zuflucht in dem weiten Dickicht des Komi-Landes. Hier haben sie sich eingelebt und brachten ihr Glauben und Traditionen somit auch die Gorka den Urbewohnern bei. So kann man schlussfolgern, dass Ust-Zilma ein russisches Dorf ist. Hier wird kaum Komi gesprochen. Das Volk, das hier lebt, ist eine ethnische und kulturelle Mischung aus den nördlichen russischen Völkern. Sie haben sich von der nördlichen Komi-Bevölkerung (vor allem den Ishemzen) und Nenzen zurückgezogen und pflegen ihre Bräuche bis zur heutigen Zeit so, wie sie sich von mehreren Jahrhunderten in den Petschora-Boden eingewurzelt haben. Die Altgläubigen haben jetzt ihr eigenes Gotteshaus, wo auf altslawisch gebetet wird.

Die Völkerschaft, die jetzt in Ust-Zilma und Umgebung zu Hause ist, nennt sich Ustziljoma. Das sind sehr offene, gastfreundliche und bodenständige Menschen. Ihre Lebenskraft liegt in ihren Traditionen, die sie tadellos und demütig pflegen. Sie sind stolz auf ihre Gorka und freuen sich immer, wenn die Gäste aus der ganzen Welt nach Ust-Zilma kommen.

Foto: Slawik – der Sohn von Ksenija – versucht eine Partnerin für die Gorka zu finden.

Die Ustziljoma haben eine sehr interessante Mundart. Einige Dialektismen hören sich für das russische Ohr merkwürdig aber so nett auf die altrussische Art, wenn man versteht, wie sie gebildet werden. Schade, dass die deutsche Sprache diese philologischen Raffinessen nicht übergeben kann. Mir hat es aber den meisten Spaß gemacht, den Wortschatz von der Ustziljoma einzuüben.

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2 Antworten zu “Ust-Zilma. Die erste Bekanntschaft

  1. Liebe Ludmilla, wieder bist Du eine sprachgewaltige Botschafterin Deiner schönen Republik, wieder nimmst Du uns mit auf eine ausserordentliche Reise in den hohen und rauen Norden! Wie freue ich mich, dass ein grosser Wunsch von Dir in Erfüllung ging! Du weisst, dass auch mich „die blauen Bände der Flüsse“ (welch poetischer Ausdruck!) der Republik Komi immer sehr fasziniert haben, wie ich sie auf den Satellitenbildern von Goggle-Maps sehen kann. — Wie Du kann ich nicht nachvollziehen, dass, wer den feinsten Lachs im Fluss hat, den Lachs des norwegischen Nachbarn isst. — Das vorletzte Bild ist ganz besonders süß: Der kleine Slawik hatte sicher Erfolg! Herzlich, aus Zürich, Konstantin

  2. Lieber Konstantin!
    Ich habe waehrend meiner Ust-Zilma-Reise ganz tolle Eindruecke bekommen und vieles erlebt. Alles war fuer mich neu und ueberraschend!!! Ich bin sehr begeistert und halte schon mehrere Beitraege bereit. Ich brauche nur ein bisschen Zeit, um alles zu beschreiben! Sicher bekommst noch viele Anregungen zum Kommentieren!
    Vielen Dank!
    Herzlichst,
    Deine Ludmilla

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