Ust-Zilma. Am Ufer der Petschora

Der nächste Beitrag zu meiner Ust-Zilma-Reise gilt der Petschora, einem wasserreichen Strom, an dem sich das Dorf erstreckt.

Etwas zur Landeskunde: Die Petschora ist ein 1.809 km langer, zum Nordpolarmeer fließender Strom im nördlichen, europäischen Teil Russlands. Die Petschora durchfließt das ganze Territorium der Republik Komi und ist somit ihr größter Fluss.

Der mächtige Strom nimmt im Berg Petscher-Ja-Taljach-Ssjachl seinen Lauf. Der Name wird aus der mansischen Sprache abgeleitet und bedeutet der Berg, von dem Petschora geboren ist. Die Quelle des Flusses ist mit einer Eisenplatte versehen, dem so genannten Pass des Flusses. Sie wurde mit dem Hubschrauber transportiert, weil der Geburtsort des mächtigen Stromes schwer erreichbar ist.

Der Name des Flusses hat keine eindeutige Erklärung. Die Mansen nennen die Petschora Pesser oder Pesserja (ja (я) – Fluss). Es gibt auch die Meinung, dass die vielen Höhlen im Becken des Flusses Namensgeber sind (das altrussische Wort petschera Höhle). Höchstwahrscheinlich geht der Name Petschora auf das nenzische pe-tschera zurück. Der russische Ethnograph B.Dolgich ging davon aus, dass der Name samojedischen Ursprungs ist: nenzisch peaWald, tscher (tschera)Bewohner. So bedeutet pe-tscheraWaldbewohner, Waldmensch. L.Chomitsch übersetzt das Ethnonym petschera als Bergbewohner, Bergmensch (peBerg, Bergrücken, der Ural) und meint darunter Nenzen-Samojeden, die am Bergrücken des Ural ihr Nomadenleben führen.

Der Fluss durchzieht das Territorium der Petschora-Tiefebene im Norden und ergießt sein Wasser in die Barentssee. Sie schöpft ihre Kräfte aus mehreren großen und kleinen Flüssen – die wichtigsten Zuflüsse sind Lyscha, Ussa, Ilytsch, Sula, Wel, Koschwa, Lemju, Schtschugor, Jorsa, Laja, Sewernaja Mylwa, Schapkina und Ishma. Im Einzugsgebiet der Petschora befindet sich das Biosphärenreservat Petschora-Ilytsch. Auf den östlichen Abhängen des Ural liegt der Nationalpark Jugyd Wa. Zwischen dem Polaren Ural und dem Timan-rücken, befindet sich ein großes Steinkohleabbaugebiet – das Petschora Kohlenbecken – mit geschätzten Vorräten von bis zu 350 Milliarden Tonnen Kohle. Die Petschora ist schiffbar, allerdings ist sie den größten Teil des Jahres mit einer Eisdecke versehen.

Die Petschora ist ein malerischer Fluss. Ich erinnere mich an meine erste Bekanntschaft, wie sie mich fasziniert hat, dass ich für einige Zeit alles vergaß und nur noch ihrem langsamen Lauf folgte und das Platschen der Wellen vernahm. Ich stand am Ufer und der Wind war sehr heftig. Er wehte mir jeden Gedanken aus dem Kopf, so stark er brauste.

Der Fluss war unfreundlich, das Wasser war grau, ich würde sagen schmutzig-grau. Ich bekam das Gefühl der Hilflosigkeit, weil hier die Gewalt der Natur war in ihrer reinen Erscheinung. Am Ufer gab es viel Wracks. Zuerst dachte ich, warum die Ust-Zilmaer den Fluss so verschmutzen. Aber Ksenja, meine Gastgeberin, hat mir erklärt, dass es wegen des Hochwassers gemacht wurde, damit das Wasser nicht am Ufer nagt – die Häuser stehen ganz nah zum Ufer.

Ksenja teilte mir in überlegender Weise mit (wie sie es immer macht), dass die Petschora tückisch ist. Jedes Jahr nimmt sie ihren Opfern das Leben, sei es ein Fischer oder Kinder, die ohne Aufsicht der Eltern versuchen auf den Eisschollen zu springen, oder sich an einem heißen Tag zu erfrischen. Ksenjas Haus steht nicht weit von Ufer, dass man ein Stück vom Wasser aus dem Hof sehen kann. Ich denke, sie ist immer um ihre Kinder besorgt, doch ihre Tochter Shenja kommt niemals allein ans Ufer. Wir haben mit ihr oft am Ufer gesessen und uns über das Leben, die Schule und andere für ihr Alter wichtige Sachen unterhalten… und fotografiert.

Der Fluss hat mehrere Gesichter und wechselt sie wie eine verwöhnte junge Frau. Im Laufe meines Aufenthaltes in Ust-Zilma habe ich ihre trügerische Laune erlebt: braun, schmutzig-grau, dunkelblau, silbern, opalen und lasurfarben. Doch besonders faszinierend ist ihr Gesicht zur Zeit des Sonnenuntergangs – ein schönes Motiv für ein Foto. Ich habe viele gemacht… Ich habe mich in diesen Fluss verliebt.

Für die Dorfbewohner ist die Petschora ihre Lebensquelle, Arterie, die Jahrtausende pulsiert. Vor mehreren Jahrhunderten war sie ein wichtiger Handelsweg für die nördlichen Völker. Die prächtigen Gorka-Kleider, die von mehreren Generationen getragen wurden und weiter vererbt werden, kamen nach Ust-Zilma aus fremden Ländern. Den Plat – das Kopftuch (zu Russisch: platok) – einer Frau, die ich kennen gelernt habe, bekamen ihre weiblichen Vorfahren wahrscheinlich von den englischen Kaufläuten. Sie nannten diese schöne Kopfbedeckung als „aglizkij plat“ (zu Russisch: Anglijaanglijskij platok; zu Deutsch: England – das englische Kopftuch). Die Ust-Zilmaer verkauften damals Pelz, Fisch und andere Rohwaren und bekamen Luxuswaren – Tücher, Brokat für Kleider, Goldborte für Röcke und Hemden.

Heutzutage ist die Bedeutung des Flusses für die Bevölkerung ebenso groß. Menschen und Güter werden befördert. Die mächtige und ausgiebige Petschora verwöhnt mit reichen Beständen an wertvollen Fischarten. Die Ust-Zilmaer zeigen sich als erfahrene Fischer. So werden in erster Linie Wander-, Zwerg- und Peledmaräne, Omul, Weißlachs und der „rote“ Lachs bevorzugt. Nicht weniger wertvoll ist die Hybride von Beluga und Sterlet (Bester), die in der letzten Zeit in der Petschora zu fangen ist. Die hiesigen Fischer unterscheiden auch „graue“ Fische – Nerfling, Hecht, Barsch, Plötze, die nach ihrer fachmännischen Meinung weniger Beachtung verdienen.

Leider habe ich keinen Petschora-Fisch gegessen. Vielleicht nächstes Mal!

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2 Antworten zu “Ust-Zilma. Am Ufer der Petschora

  1. Konstantin Baehr

    Liebe Ludmilla, ein überragender Artikel! So viele wichtige Informationen über die Petschora, die Kultur und die Menschen! Und ganz schöne Bilder, auch der Autorin dieses Blogs! Herzlich, Konstantin

  2. Lieber Konstantin! Ich habe mir viel Muehe gegeben, alles ausfuehrlich zu beschreiben! Die Petschora ist sehr malerisch. Ich freue mich, dass Du meine Stimmung verstanden hast! Wie immer finde ich einen sehr aufmerksamen Leser! Deine Lob und Anerkennung sind fuer mich eine grosse Unterstuetzung in meinem Blog-Leben!
    Vielen Dank!
    Herzlichst,
    Deine Ludmilla

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