Monatsarchiv: Januar 2015

Rauhnächte nach Herzenslust

Draußen herrscht die klirrende Kälte. Der Frost beißt und man sucht nach einer sicheren warmen und gemütlichen Zuflucht. So war es auch mir, als ich im äußersten Süden der Republik Komi das Dorf Prokopjewka bei -30 Grad besuchte. Meine Schwiegermutter und ich waren zu einem Fest eingeladen – “Spiele zu den Rauhnächten”. (Rauhnächte werden auf russisch “swjatki” genannt.)

Wir kamen ins Dorf mit einem Auto an. Es fiel mir sofort ins Auge, dass fast die Hälfte aller Häuser nicht geheizt wurde. Es stieg kein Rauch aus den Schornsteinen. Eine ältere Frau (die Vorsitzende des Veteranenkomitees des Dorfes) erklärte uns den Grund. Das Dorf stirbt praktisch aus. Das auffallende Gebäude der Dorfschule sah als ein ganzer Wiederspruch aus zu dem Wunsch der Dorfbewohner, dass die Kinder nach der Beendiegung der Schule ihre Heimat nicht verlassen. In dieser riesigen Schule gibt es heutzutage nur 12 Schüler. Als der Bau vor 20 Jahren (ja, die Schule wurde 20 Jahre gebaut) began erlebte das Dorf seine Blühtezeit. Es gab sehr viele Kinder, der Kindergarten war auch voll. Jetzt haust im Kindergarten das Veteranenkomitee. Traurig.

Vielleicht deswegen feiert man in Prokopjewka die Rauhnächte. Lustige Spielabende mit Liedern hatten ursprünglich nur ein einziges Ziel – während der Spiele sollten sich junge Leute ein Paar fürs Leben wählen. Jungen und Mädchen hatten auf solche Weise eine Möglichkeit einenader kennen zu lernen. So hofft jetzt die ältere Generation auf das Wiederaufleben der alten Traditionen und somit des Dorfes. Heute zeigen die älteren Dorfbewohner der jüngeren Generation, wie ihre Vorfahren einst gefeiert und gespielt haben. Sie selbst beteiligen sich an den Spielen zum Scherz, weil die Spiele meist provokativ sind – es geht um Küssen und Schmusen.

Das ganze Spiel läuft auf russisch ab. Man spürt den Einfluss der naheliegenden Gebieten Russlands. Die Komi haben hauptsächlich die Bräuche, die mit dem Orakeln verbunden sind. Aber das ist eine ganz andere Geschichte.

Die Frauen sizten und singen und die jungen Leute führen verschiedene Figuren – Kennenlernenspiele. Insgesammt gibt es 7 Spiele.

Die erste Figur heißt “Geht der Bursche”. Als erster beginnt ein Junge. Er wählt ein Mädchen. Das Mädchen wählt einen anderen Jungen und so führen die jungen Leute einen großen Reigen.

Die zweite Figur heißt “Flechtzaun”. Die Beteiligten flechten sich im Tanz mit ihren Armen zu einem “Zaun”.

Die dritte Figur ist “Die Säule”. Man bildet die Paare und spielt “Bächlein”. Jungen und Mädchen halten sich an den Händen und strecken die Arme hoch, dabei bilden sie einen Tunnel, durch welches das am Ende stehende Paar gehen soll. Das nächste Paar setzt fort, bis alle Paare durch den Tunnel der Reihe nach gehen.

Dann bilden die Paare einen engen Kreis. Im Kreis steht ein Mädchen. Der Junge ist außerhalb des Kreises und versucht durchzukommen. Die anderen halten sich so fest zueinander, dass es dem Jungen problematisch und manchmal unmöglich erscheint, seine “Braut” zu bekommen.

Die nächste Figur heißt “Der Hut”. Wieder bilden sich die Paare. Diesmal wirft der Junge seinen Hut auf den Boden, damit zeigt er dass das Mädchen ihn nicht interessiert. Natürlich meint er das nicht ernst. Das Mädchen hebt den Hut und setzt ihn auf den Kopf des Jungen auf und küsst ihn.

Wenn dem Jungen nicht “gefällt”, wie das Mädchen ihn geküsst hat, wirft er seinen Hut wieder auf den Boden. Das ist auch ein Spiel. Der Junge möchte mehrmals geküsst warden. O, diese tückische Männer! Dieses Spiel hat mich sehr belüstigt, besonders als der Verwaltungsleiter der Dorfsiedlung mit seiner Frau gespielt haben. Ich zählte, dass er 15 Mal seinen Hut auf den Boden geworfen hat. Er war sehr aktiv und machte bei jedem Spiel mit.

“Bekanntschaft” heißt die fünfte Figur. Der Junge sitzt auf dem Stuhl und das Mädchen geht um den Stuhl herum. Wenn der Junge aufsteht, küsst ihn das Mädchen.

Nach der “Bekanntschaft” kommt die “Hochzeit”. Der “Bräutigam” sucht sich unter den Spielenden eine Schwiegermutter, einen Schwiegervater, eine Schwester, einen Bruder und natürlich eine Braut. Alle tanzen ihm Kreis. Dabei wird von dem Chor der Frauen scherzhaft gesungen, dass der Brätigam diese Personen aus dem Kreis verjagen muss, bis der Bruder und die Braut bleiben. Dann muss der Junge die Braut nehmen, aber der Bruder hält das Mädchen fest und stört den Jungen die Braut zu bekommen.

Die letzte Figur heißt das “Ehebett”. Das ist wohl die heiterste Figur des Festes. Zwei Jungen (Bräutigame) legen sich auf den Boden und andere Jungen und Männer türmen sich auf sie und bilden so ein Mischmasch)).

Zwei Mädchen (Bräute) müssen jeden küssen. Wenn der Mann geküsst wird, muss er aufstehen. Einige Männer sind aber schlau und wollen mehrmals geküsst warden. Das geschieht bei allgemeinen lauten und  aufmunternden Zurufen der Zuschauer. Wenn die Bräute ihre Bräutigamme endlich bekommen, küssen sie sich nach Herzenslust.

… oder so

Als ich das alles beobachtet hatte, verstand ich, warum sich die Russen vor dem Frost nicht fürchten – weil sie wissen, wie man sich erwärmen kann. Dabei wird gar nicht der Vodka gemeint, sondern heiße Küsse und heitere Spiele!

Bester Laune machten die Spielenden ein gemeinsames Foto und gingen dann zu einem festlichen Abendessen. Wir waren auch eingeladen. Es wurden die komi nationalen Speisen angeboten. Und was mir besonders geschmekt hat – hausgemachte Quark und Sahne – sehr lecker!

Foto: rechts unten ist der Verwaltungsleiter der Dorfsiedlung

Winterferien sind vorbei…

und es ist wirklich schade! 10 erholsame Wintertage im Dorf – das Neujahrsfest im engen Familienkreis, schneeweiβe Landschaften, Rauch aus Schornsteinen, Würstchen auf dem Feuer gegrillt, Spaziergänge in den Wald und heiβe Banja – was kann das Herz eines Stadtbewohners sonst noch begehren!!!

In diesem Jahr wurde unser Kleinster vom Väterchen Frost besucht zuerst im Kindergarten…

(der kleine Zwerg mit dem Bart ist unser Schatz)

… und dann zu Hause.

(auch unser Kater wollte mitmachen)

Um das Geschenk zu verdienen hat Wladik getanzt. Es war so rührend zu beobachten, wie sich der Kleine darüber freute. Er glaubt noch an das Wunder! (Wenn er nur gewusst hätte, dass Väterchen Frost ein Kollege meines Mannes war.)

Auch meine Studenten haben fröhliche Augenblicke erlebt. Ein kleines Weihnachtsfest an der Hochschule brachte allen gute Laune und natürlich Geschenke.

Studentin Katja hat den Weihnachtsmann mit Goethes „Erlkönig“ überrascht. Toll!!!

Die esrten Tage des neuen Jahres erlebten wir im Dorf. Märchehaft schöne Wintermotive kann man auf diesen Fotos beobachten.

Feuerrote Vogelbeeren wurden auf einmal von einem Schar der Seidenschwänze ausgeplündert. Blitzschnell verschluckten sie die süβbitteren Beeren.

Besonders schön fand ich unsere Spaziergänge. Die Natur faszinierte mit ihren Bildern.

Ein wunderschönes Bild – Blutfink im Schnee!!! Man kann diese Vögel nur bei strengem Frost beobachten – und die Temperaturen waren wirklich streng, bis zu 35 Grad Kälte.

(ein bisschen Dorfromantik)

An einem schönen Wintertag machten wir einen Ausflug in den Wald mit der Familie meiner Kusine. Eine kurze Geschichte kann man in den folgenden Fotos sehen.

(mit Birkenrinde kann man das Feuer ganz schnell machen)

(aromatisch und lecker!)

(ganz gemütlich und romantisch!)

Zum Schluss ein fantastisches Bild eines frostigen Morgens.

 

2014 im Rückblick

Die WordPress.com-Statistik-Elfen haben einen Jahresbericht 2014 für dieses Blog erstellt.

Hier ist ein Auszug:

Die Konzerthalle im Sydney Opernhaus fasst 2.700 Personen. Dieses Blog wurde in 2014 etwa 8.600 mal besucht. Wenn es ein Konzert im Sydney Opernhaus wäre, würde es etwa 3 ausverkaufte Aufführungen benötigen um so viele Besucher zu haben, wie dieses Blog.

Klicke hier um den vollständigen Bericht zu sehen.