Monatsarchiv: April 2016

Die Natur schmeckt im Frühling Birkensaft

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In diesem Frühling habe ich zum ersten Mal gesehen, wie der Birkensaft vom Baum tropft. Die zwanzigjährige Birke im Hof meiner Schwiegereltern beschenkt uns reichlich mit ihrem Lebenswasser. Die Birke hat ihre eigene Geschichte und ist der Familienbaum für drei Generationen. Der Vater meiner Schwiegermutter flochte Bündel aus Birkenzweigen für die Banja neben der Scheune. Als er gestorben war, wuchs an dem Platz, wo er immer zu sitzen pflegte, eine Birke zu einem mächtigen Baum.

Jedes Jahr füllt die Birke Behälter mit klarer Flüssigkeit, die etwas süβlich schmeckt. In diesem Jahr ist unsere Birke besonders ausgiebig.

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Mein Schwiegervater hat die Birkenrinde leicht angebohrt und drei kleine Röhrchen befestigt, durch welche der Saft abgezapfen wird.

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Ich komme von Zeit zu Zeit und koste an dem erfrischenden Getränk. Selbst die Natur gibt dieses Lebenswasser dem Menschen – der Birkensaft ist sehr gesund. Hier in Prilusije, einem Gebiet von Komi, nennt man ihn sdorow-wa – vom Wort sdorowje (Gesundheit). Im üblichen Teil der Republik Komi wird der Birkensaft sarawa genannt. Das war schon seit alten Zeiten das traditionelle Getränk der Komi. Man trinkt ihn pur, denn er wird nicht lange haltbar. Sonst entsteht durch Vergorung mit etwas Zucker ein säuerlich-süβes Getränk. Meine Schwiegermutter gibt etwas Weintrauben oder Trockenaprikosen zu. An einem sehr warmen Frühlingstag wie heute wird einem der Durst schnell gestillt.

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Die Birke spielte für die Komi-Heiden eine zentralle Rolle in der Verherung der Idolen. Es gibt eine Legende von der Launigen Birke (launig ist hier als böse und unbändig zu verstehen). Ein riesiger Baum war die Kultstätte von Komi-Zyränen an dem Fluss Wym und hatte eine magische Kraft. Um den Baum herum standen zahlreiche Idole. Die Heiden pflegten dort ihre Riten und beschenkten den Baum reichlich mit Rauchwaren. Selbst der Baum war mit bunten Bändern behängt.

Im 14. Jharhudert erschien im Komi-Land ein Missionär – Stefan von Perm (Bischof von Klein-Perm, 1547 heiligesprochen). Er wollte die Komi-Heiden zum Christentum bekehren. Um den Heiden die Kraft des christlichen Glaubens zu zeigen, wollte er die Launige Birke fällen. Ein Tag reichte nicht aus, um den Baum zu fällen. Während Stefan mit dem Axt den Baum schlug, schrie der Baum in entsätzlichen klaglichen Stimmen – “Du Stefan! Warum verjagst du uns? Das ist von alters her unser Zuhause!” Der Baum blutete mit bunten Strahlen. Aber Stefan war mit Gottes Hilfe erfüllt. Am nächsten Tag stand der Baum wieder da. Drei Tage brauchte Stefan, bis die Birke fiel. Er befahl Birkenholz und Idole zu verbrennen. Während sie brannten, hörte man Schreie und Jammergeheul. Die Birke wurde zu Asche.

An dem Platz, wo die Launige Birke wuchs, steht jetzt die Kirche zu Erzengel Michael.