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Steinpilze-Saison. Die erste stille Jagd

Der Sommer ist zu Ende. Eigentlich hatten wir in diesem Jahr keinen richtigen Sommer, keine Hitze und keine Badetage zum Austoben. Alle warteten auf eine reiche Pilzernte, weil es oft geregnet hat. Aber… der Wald erfreute nur noch mit leckeren Heidelbeeren. Steinpilze zeigten sich sehr ungern.

In dieser Woche hörte man überall in Büros, Läden, in Autobussen, auf den Haltestellen Gespräche, dass die Steinpilze endlich in ungeheuren Mengen im Wald zu finden sind. Am Wochenende stürmten die Stadtbewohner die um die Stadt liegende Wälder und niemand kam mit einem leeren Eimer nach Hause.

Ich war auch keine Ausnahme, aber für mich ist es immer ein ästetisches Genuss, die Pilze zuerst zu fotografieren. Das ist das Werk der Natur. Wenn ich die schokoladenfarbene Pilzkappe in etwa grünlichem Moos sehe schlägt mein Herz immer hoch. Diese russische (fast nationale) Leidenschaft hat auch mich getroffen, obwohl ihre Ursachen für mich unaufgeklärt bleiben. Und wie kann man ruhig an solchen hübschen, tüchtigen Kerlen vorbeigehen!

Die anderen Pilzjäger sahen mich verwundert an, als ich auf dem Boden liegend die Pilze von allen Seiten fotografierte. Zu Hause setzte ich das Fotoshooting fort.

Am Abend naschten wir an einer leckeren Kartoffel-Pilz-Pfanne, gebraten und mit selbst eingelegten Gurken serviert. Lecker!!!

Rebhühner, Pilze und Auerhahn

… zum Glück kein Bär.

An diesem Wochenende war ich zum ersten Mal in meinem Leben auf der Jagd in der Wildnis. Die Jagd interessierte mich eigentlich nicht so sehr. Ich wollte im tiefen Walde Pilze sammeln, die Stille und frische Luft genießen und eine wichtige Frage lösen, was die Männer so jedesmal weit in den Wald treibt. Mein Mann und sein Freund (der Pate unseres älteren Sohnes) beginnen schon lange vor dem Beginn der Jagdsaison ihre Pläne zu besprechen. Und wir, ihre Frauen, scherzen immer, dass wir uns auch eine entsprechende Beschäftigung finden müssen.

Das Jagdrevier lag diesmal etwa 30 km von der Zivilisation entfernt. Für einen Europäer ist es keine Entfernung, denn Städte und Dörfer häufen sich ganz dicht nebeneinander. Hier aber trifft man kilometerlang keine Seele. In 30 km von der Autostraße herrscht schon die richtige Wildnis mit ihren Gesetzen, vor denen der Mensch eine große Achtung nehmen muss.

Allein die Fahrt mit dem Auto kann einem viel zu schaffen machen. An manchen Strecken holpert man so, dass der ganze Körper geschüttelt wird. Meistens aber kann man in teils versumpften Pfützen bis zu der Motorhaube einsinken. Doch mein Schwiegervater hat einen UAZ-469 (einen Geländewagen), oder, wie er selbst sagt, einen russischen Jeep, für den es keinen unerreichbaren Ort gäbe. Wir brauchen keine Angst zu haben.

Eine Stunde anstrengender Fahrt und man ist mitten in der Natur am Waldflüsschen, wo eine kleine Jagdhütte steht.

Was hat eine typische Jagdhütte an sich? Wie ich verstanden habe – überhaupt keine Bequemlichkeiten. Es gibt keinen Strom, nur einen kleinen Ofen, einen Tisch und eine lange Bank – eine Art Hängeboden auf Pfählen in der Höhe von einem Meter als Schlafplatz, wo etwa 6 Menschen übernachten können.

Und was hier wirklich fehlt… das ist die richtige Hausfrau. Das ungeschriebene Gesetz der Taiga besagt, dass man die Jagdhütte in Ordnung halten muss. So haben auch unsere Vorfahren gemacht, wenn sie monatelang auf der Jagd weit weg vom Haus waren. Sie hielten ihre Herberge in Ordnung in wahrer Ehrfurcht vor Taiga und mächtigen Waldgeistern, von denen ihr Leben, ihr Jägergeschick und die reiche Jagdbeute abhingen. Das erste, was mein Schwiegervater gemacht hat, bat er die Hütte um Erlaubnis, hier zu übernachten

Was ich aber beobachtet habe, war das reine Ausbeuten der Natur und ihres Reichtums. Mein Schwiegervater war auch sehr unzufrieden, sogar böse auf den Besitzer der Hütte und wollte mit ihm dann ernst sprechen. In der Regel muss die Hütte einen Besitzer haben. Und diese Person ist gewöhnlich den anderen Jägern gut bekannt. In der Hütte darf aber jeder übernachten, der auf die Jagd für mehrere Tage geht. Die Tür wird überhaupt nicht geschlossen und der Obdach Suchende ist immer willkommen. Hier steht ihm alles zur Verfügung: Holz für Feuer, Geschirr, etwas Proviant.

Wir fanden Geschirr und Besteck schmutzig, überall lagen Müll und leere Plastikflaschen. Nach etwas Aufräumen bereitete mein Schwiegervater auf dem Feuer das Abendbrot zu, das aus der Suppe mit Dosenfleisch, gekochten Eiern und Wurst bestand. Ja… und starke Getränke sollten auch nicht fehlen – Für den guten Schlaf – wie der Schwiegervater gesagt hat. Diesmal war es die Spezialität meines Mannes – die Vodka mit Meerrettich. Die hat auch mir geschmeckt.

Als der Wald allmählich in der Dunkelheit versank, stieg in mir starker Schauder auf… wenn die Hütte nicht geschlossen wird, so kann auch der Bär kommen, an der Tür klopfen: “Hallo! Gute Nacht!” (Ich verstehe jetzt, warum die Männer auf der Jagd Vodka trinken.) Ich habe dann mit allen Sinnen gespürt, was das ist – die stockdunkle Nacht und die vollkommene drückende Stille. Jedes Geräusch wird sofort einem Bären zugeschrieben… in der Tat ist es nur eine harmlose Maus. Doch man muss immer auf der Hut sein. Eben gestern habe ich in den Nachrichten gelesen, dass ein Fischer vom Bären angefallen wurde. Es war ihm gelungen, den Bärenkrallen zu entkommen, aber er starb im Krankenhaus an Blutverlust. Schrecklich!

Zum Glück hatten wir eine ruhige Nacht. Früh am Morgen, mit etwas dickem Kopf, ging der Schwiegervater fischen und die zwei jüngeren jagen. Ich versuchte am Fluss mit Fischerglück, aber keine Äsche wollte mir auf die Pfanne springen. Schade… Ich kehrte zur Hütte zurück, machte mir Tee auf dem Feuer und wartete auf die Männer. Vom Gesicht meines Mannes konnte ich ablesen – nichts. Unser Freund legte stolz vier Rebhühner auf den Tisch. Ja… Swetlana, seine Frau, wird sich bestimmt auf die Suppe aus Wild freuen. Mein Mann sagte, er höre den Vogelruf nicht, und hat sich fest vorgenommen zum Arzt zu gehen. Ich fand es etwas komisch, ersparte mir aber meine Ironie. Er war in so trübseliger Stimmung. Ich sagte, dann gehen wir auf die stille Jagd. Und wir machten uns auf den Weg in den weißen Kiefernwald Pilze sammeln. Dazu braucht man kein gutes Gehör)

Meine Pilztrophäen waren nicht so reich und ich machte einige besonders hübsche Exemplare zu Modellen für meine Fotos.

Nun mussten wir wieder nach Hause. Der Schwiegervater bedankte sich bei der Jagdhütte für ihre Gastfreundschaft. Ich dachte mit Schreck an die Rückfahrt. Bei jedem mächtigen Holpern machte ich die Augen zu. Plötzlich hielt das Auto. Stecken geblieben? Nein. “Zwei Auerhähne, ganz in der Nähe”, hörte ich den Schwiegervater sagen. Endlich erblickte ich den prächtigen Vogel. Mein Mann griff nach dem Gewehr. Der Schwiegervater sagte, man muss im Auto bleiben, um den Vogel nicht aufzuschrecken. Ein Schuss, und der Auerhahn brach tödlich betroffen zusammen. Ich sah, dass meinem Mann fast die Sinne stehen blieben. Ich war auch wie vom Blitz getroffen, weil alles so unerwartet kam. Es war mir sehr schade um den Vogel, weil er so schön und brav war. Aber ich verstand auch, dass mein Mann eine schnelle (und schwere) Entscheidung treffen musste, er hatte nur einen einzigen Schuss. Der Fehlschuss wäre für ihn eine Niederlage. Das war seine erste große Jagdbeute, denn bis jetzt habe ich nur Enten gesehen.

Die Frage, was die Männer so stark in den Wald treibt, blieb für mich ohne eindeutige Antwort. Da ich mich für Ethnografie und Geschichte des Volkes Komi interessiere, kann ich nur eins feststellen, dass unsere Vorfahren so stark an die Natur und Jagd gebunden waren, dass dieser Trieb geerbt wird und bei dem Generationswechsel fortbesteht.

Zu Hause habe ich das Fleisch im Backofen zubereitet. Eigentlich hat es mir nicht besonders geschmeckt. Der Auerhahn ernährt sich im Herbst von Preiselbeeren, Gräsern und Nadeln von Kiefer, Fichte und Tanne. So hat das Fleisch etwas säeuerlichen Geschmack und riecht nicht besonders angenehm (für meine Nase). Aber es ist zart und fettarm.

Nach unserem gemeinsamen Abendessen wandte ich mich an meinen Mann mit den Worten: “Nächstes Mal bring bitte wieder Enten oder Rebhühner.”

Rot, herb und schmackhaft…

… sind Preiselbeeren.

Die Komi schätzen diese Wildbeere für ihre gute Haltbarkeit und ihren bitter-süßen Geschmack, der sehr gut zu Backwaren passt. Ich mag Preiselbeeren für ihre intensive rote Farbe und dafür, wie sie lustig aus dem weißen Moosteppich gucken. Das macht den düsteren Wald freundlich.

Wenn ich lange im Wald nach den Pilzen suche, schnappe ich von Zeit zu Zeit nach einem Handvoll der Beeren – Hunger und Durst sind bald vorbei.

Sehr oft beschäftigt mich auch der Gedanke, wie reich unsere Wälder sind und wie sehr das die Mentalität der Komi geprägt hat. Seit alters her hat das Volk Komi gelernt in Eintracht mit der Natur leben. Das war (und bleibt auch heute) ein friedliches Volk, das keine Kriege führte und Streite vermieden hat. In diesem Sinnzusammenhang fällt mir eine Redensart ein: j-m Blut abzapfen. Die Komi sagen stattdessen – j-m Preiselbeerensaft abzapfen – die bildhafte Sprache der Komi-Natur!

(Mein Lieblingsfoto)

Bis heute prägen diese Bilder im Volksglauben und Bauernregeln die Vorstellungen der Menschen über die Macht der Natur. „Bura ko puw woe, i njanyd lesjida woas“ bedeutet: „Wenn es die Preiselbeerenernte reich ist, so gedeiht auch das Brot gut“.

Es gibt auch ein Zeichen, das darauf hinweist, ob die Preiselbeeren reich geerntet werden: „Wasileij woi ses’ – puw da tsched una loe“ – „Wenn die Nacht auf den Tag des Hl. Basilius des Großen klar ist, so erwartet man eine reiche Ernte an Preisel- und Heidelbeeren“ (Wassilej – aus der Komi-Sprache: Basilius der Große). Von der orthodoxen Kirche wurde Basilius der Große früher am 1.Januar (nach dem neuen Stil – am 14.Januar) verehrt. Für die Komi war dieser Tag von großer Bedeutung – man feierte den Beginn des neuen Jahres. So hieß der erste Tag des Jahres bei den Komi Wassilei lun (lun – komi: Tag). In der Nacht auf den Basiliustag gab es sehr viele Orakelbräuche. Außerdem machte man Prognosen auf die Ernte, denn diese Nacht hatte eine große magische Kraft, besonders, wenn sie sternklar war.

 

(Der Eimer fiel plötzlich auf den Boden und die Beeren lagen so schön im Moos. Ich griff sofort nach den Fotoapparat.)

Der heutige Sammler freut sich, wenn es Preiselbeeren in Fülle gibt. Das bedeutet, dass man sich im Winter nicht nur mit der leckeren Konfitüre verwöhnt, sondern auch Blechkuchen mit Beeren zubereitet, oder sogar Preiselbeerenbrei (Puwja Jum, Puw – komi:Preiselbeeren, JumBrei)– die Nationalspeise der Komi. Hier ist das Rezept.

Ein Glas Roggenmehl, warmes Wasser und etwas Zucker in einem Tongefäß* zum Teig (bis zu Sauerrahmkonsistenz) kneten, danach in den sich langsam abkühlenden russischen Offen für einen Tag stellen. Nach 7 Stunden ist der Teig vergärt und geschäumt. Diese Masse richtig zerreiben und zweieinhalb Glas frische Preiselbeeren dazugeben. Der Brei muss sauersüß schmecken und dick sein. Kalt servieren.

Weit bekannt ist auch Puw WaPreiselbeerenwasser  (Wa – komi: Wasser). Diese Wildbeere wird gut im Wasser aufbewahrt. Das haben auch unsere Vorfahren gemacht, als es noch keine Kühlschränke gab und man keine Konfitüre kannte. Bis das Wasser richtig nach Preiselbeeren schmeckt, also etwas herb und säuerlich, muss man es in kühler dunkler Stelle für zwei Wochen ziehen lassen. Meine Schwiegermutter stellt die gefüllten Behälter in den Hausflur, wo es auch im heißen Sommer ziemlich kühl ist. Wenn sich das Wasser rosa färbt, ist das Getränk bereit. Man kann die Beeren mehrmals mit Wasser aufgießen, bis sie endlich ihre Farbe verlieren und weiß geworden sind. Mmm… ich mag Puw Wa nach der heißen Banja im Winter. Es ist erfrischend und Durst stillend.

(Foto: http://adaly.org/2010-06-08-brusnika-v-sirope.html)

Doch viel mehr freue ich mich auf den Blechkuchen, den ich selbst für meine Familie backe. Wenn das Gebackene nach aromatischen Beeren duftet, ist es so angenehm gemütlich im Winter zu Hause zu sitzen und Tee zu trinken.

*Tongefäß (russ.: krynka) – ein Topf aus gebranntem Ton, wo traditionell Teig geknetet wurde. Tongefäße dienten auch für die Zubereitung der Speisen im russischen Ofen.

Wimpernmilchlinge. Spurensuche

Nach fünf Jahren Missernte beginnt in der Republik (insbesondere in ihrem südlichsten Rayon Prilusje) die Saison der Wimpernmilchlinge. Ja, die vorigen Sommer waren zu heiß für diesen launischen Pilz. In diesem Sommer regnet es oft und die Pilze fühlen sich wohl. Die Pilzjäger strömen in den Wald und jeder wird mit reichen Trophäen belohnt. Aber Vorsicht! Wimpernmilchlinge wachsen in dichten und feuchten Mischwäldern und man kann sich in solch einem Wald sehr schnell verirren.

Am vorigen Augustwochenende habe ich auch gelernt Wimpernmilchlinge sammeln. Zum ersten Mal in meinem Leben. Mein Schwiegervater hat es mir einst versprochen und sein Wort gehalten. Für mich war das ein ganzes Erlebnis. Ich erwartete eine undurchdringliche Dickicht, in der Tat aber… der Brei ist nicht so heiß gegessen, wie es gekocht wird))) Ich habe nur eins festgestellt: Der Wald ist nicht dicht, aber es ist schwer, sich hier zu orientieren. Ich musste mich jede fünf Minuten melden. Sonst ist es eine gewöhnliche stille Jagd… mit Spurensuchen))) Wimpernmilchlinge sind nicht leicht zu finden.

Früher habe ich mir darüber Gedanken gemacht, warum der Pilz solch einen Namen trägt (ich meine die deutsche Variante, russisch: Grusd’, komi: Jel’dog). Erst nachdem ich selbst Wimpernmilchlinge gesammelt hatte, konnte ich den Grund für sich selbst erklären. Junge Pilze haben einen eingerollten Hutrand mit kurzen „Wimpern“ (zottigen, bis zu 3 mm langen Haaren). Solche Pilze sind die besten für das Salzen. Die Oberfläche der Huthaut muss feucht und etwas klebrig sein. „Trockene“ Pilze (also mit rauer Huthaut) taugen nicht zum Salzen.

Die Hutmitte des Pilzes ist trichterförmig vertieft. Am Morgen sammeln sich im Trichter Tautropfen und sie blinken unter den spärlichen Sonnenstrahlen, die sich durch den dichten Laub- und Nadelwald den Weg bahnen. Manchmal ist es ein Zeichen für den Pilzsammler: „Ich bin da! Nimm mich! Ich will in deinen Korb.“ Doch meistens verstecken sie sich. Man kann sie als Meister der Tarnung bezeichnen. Die alten Pilze zeigen sich in voller Pracht, aber nur ein erfahrener Pilzjäger weiß, irgendwo daneben wachsen junge Sprösslinge in einem sicheren Versteck aus verwelktem Laub. Manchmal sieht man nur ein Stück von weißem Pilzfleisch. Für mich war es ziemlich anstrengend. Doch ich habe das geschafft – zwei Eimer und Schwiegervaters Lob. Er lehrte mich geduldig (was aber nicht immer sein Fall ist) Wimpernmilchlinge zu erkennen und zu sammeln.

Er sagte, sie bilden kleine Gruppen und man muss immer, wenn man einen Pilz merkt, im Umkreis von 5m nach den anderen suchen, also, sich wie ein Kreisel drehen – eine schwere Arbeit muss ich sagen. Als ich dann zu Hause einen festen Boden unter meinen Füßen hatte, taumelte ich für einpaar Minuten.

Auf dem Rückweg zum Auto sammelte ich noch hübsche Rotkappen.

Als wir die Autostraße wieder erreicht hatten, saß schon eine Frau am Straßenrand und verkaufte gesalzene Pilze.

In Europa gelten Milchlinge als ungenießbar. In Russland (und auch in Komi) gehört der Pilz zu den beliebtesten (und auch teuersten) Speisepilzen und begehrten Trophäen des Pilzsammlers. Besonders schmackhaft sind Wimpernmilchlinge in eigenem Saft gesalzt.

Wie beim Sammeln muss man auch beim Salzen geduldig sein. Zuerst werden die Pilze geputzt und dann ins Wasser für einpaar Tage gelegt. Dabei muss das Wasser mehrere Male gewechselt werden, um die Pilze richtig zu entbittern. Meine Schwiegermutter macht das in einer alten Badewanne neben der Banja.

Nach dem Entbittern müssen sie schnell beschwert werden. Als Beschwerung wählt man gewöhnlich einen großen Stein. Die Pilze werden in einem Eimer in Schichten gelegt, dabei wird jede Schicht mit Salz bestreut. Sie bleiben dort so lange, bis sie richtig Saft abgeben. Je mehr Saft, desto besser. Einige Hausfrauen geben noch Lorbeerblätter, Knoblauch, Dill und Johannis- und/oder Preiselbeerenblätter zu. Meine Schwiegermutter gebraucht nur Salz. Sie sagt, die Pilze sind aromatisch genug. Wenn es ausreichend Saft gibt, werden die Pilze ganz dicht in Einmachglas gelegt. Bis sie auf den Tisch kommen, muss noch 40 Tage gewartet werden. Und dann wünscht man einander ‚Guten Appetit!’

Richtig abgelagerte Pilze bekommen eine blau-grüne Farbe, sind fleischig und saftig. Ihr Geschmack kann man als nussartig und etwas bitter-würzig charakterisieren. Für die Nase eines Feinschmeckers ist es ein begehrtes Aroma.

 

Nach 5 Jahren Missernte hätte ich diesen einzigartigen Geschmack fast vergessen. Nur Geduld haben! 40 Tage vergehen wie im Flüge))))

Auf der Jagd nach Heidelbeeren

Ende Juli beginnt in Komi die Heidelbeerenernte. Süβe saftige Beeren zählen zu den beliebtesten Beerensorten der Bevölkerung, die die Komi-Taiga „Parma“ liefert.

Heidelbeerenpflücken fordert Geduld und Ausdauer. Nicht der Prozess selbst, sondern Stechmücken bereiten dem stillen Jäger einpaar Stunden Plage vor. Repellentien können nur für eine kurze Zeit helfen, so ist die Ernte doppelt so teuer) und kostet manchem sogar Blut))).

Die Heidelbeerensaison bietet der Dorfbevölkerung eine gute Möglichkeit an, Geld zu verdienen. Einige verkaufen die Beeren einfach auf den Autostraβen. Sie pflücken sie am frühen Morgen und gegen Mittagszeit sind sie frisch aus dem Wald mit einpaar Eimern. Die vorbeifahrenden Kunden halten an und interessieren sich für den Preis, manchmal handeln sie auch.

Fast in jedem „Ernterevier“ gibt es auch zahlreiche Aufkaufstellen. Private Unternehmer kaufen Pilze und Beeren in groβen Mengen. Manchmal bringt das Geschäft einen guten Gewinn.

In diesem Sommer ist die Ernte reich. Eimerweise gelangen die Heidelbeeren auf den Tisch. Einige machen daraus leckere Konfitüre, die anderen bewahren sie im Gefrierfach für den langen Winter. Ich mag sie roh mit Milch, Kefir oder Joghurt, dazu noch Zucker – eine wahre Köstlichkeit – schmeckt vorzüglich!

Ich nenne manchmal meinen kleinsten Sohn „meine süβe Heidelbeere“, weil die Farbe seiner Augen heidelbeerenähnlich ist.

Auf der Jagd nach…

Die Taiga birgt in ihrem Schoss unermessliche Naturschätze, die seit Jahrhunderten die Menschen ernähren: Wildtiere, Fische, Pilze und Beeren.

Jagd und Fischfang gehörten schon immer zu den lebenswichtigsten Beschäftigungen des Volkes Komi und dienten in der ersten Linie zur Nahrungsversorgung. Diese Traditionen werden von der männlichen (ausnahmsweise auch weiblichen) Bevölkerung, meistens in dörflichen Gebieten weiter gepflegt. Die Stadtbewohner sehen darin, unter anderem, gute Möglichkeiten für naturbezogene Freizeitaktivitäten, dabei bringen sie ihre Trophäen nach Hause und erzählen in allen Einzelheiten von ihrem Geschick oder auch Glück. Jedoch werden Jagd- und Angeltouren oft privat organisiert, was erklärt, warum die Republik als eine attraktive Jagd- und Angelregion russlandweit noch nicht so gut bekannt ist.

Die Republik Komi kann als ein ganzes geschlossenes Jagd- und Angelrevier betrachtet werden, abgesehen von den geschützten Gebieten. Die Palette der Jagdmöglichkeiten ist vielfältig. Je nach Saison wird in Einzel- oder Gesellschaftsjagd auf Groß- und Kleinwild gejagt: Bären, Wölfe, Elche, Füchse, Luchse, Hirsche, Hasen, Eichhörnchen, Vielfraß und andere Tiere lassen die Herzen der Hobby-Jäger höher schlagen. Auch Federwild kommt nicht zu kurz: Moorschneehühner, Auerhähne, Birkhühner, Haselhühner, Waldschnepfen und verschiedene Enten- und Gänsearten. Zu den bekanntesten Jagdrevieren der Republik Komi gehören die Prilusje, die Udora, der Rayon Troizko-Petschorsk, der Rayon Ust-Zilma und die Ishma.

Zahlreiche Flüsse und Seen der Republik bieten ausgezeichnete Möglichkeiten für den Fischfang. Lachs, Äsche, Wandermaräne, Flusspricke, Hecht und Barsch gehören zu den wertvollsten Trophäen der Angler. Es wird zu jeder Jahreszeit geangelt, aber besonders interessant ist Eisangeln im Winter auf zugefrorenen Gewässern.

Einzigartig kann das Angeln auf dem See Kadomskoje im Rayon Ust-Kulom sein. „Eisangeln“ ist hier auch im Sommer möglich, nur statt in den Eis wird ein Loch in die tragende Decke aus Pflanzen und Moos gemacht, mit welchen die Hälfte des Sees wie mit einem Teppich bedeckt ist.

Wer den Angelurlaub wählt, für den ist Ust-Zilma die richtige Adresse, um sein Angelglück zu prüfen. Der Fischfang im Niederlauf der Petschora verspricht immer erfolgreich zu sein. Die Ust-Zilmaer gelten als erfahrene Fischer. Die mächtige und ausgiebige Petschora verwöhnt sie mit reichen Beständen an wertvollen Fischarten. So werden in erster Linie Wander-, Zwerg- und Peledmaräne, Omul, Weißlachs und der „rote“ Lachs bevorzugt. Nicht weniger wertvoll ist die Hybride von Beluga und Sterlet (Bester), die in der letzten Zeit in der Petschora zu fangen ist. Die hiesigen Fischer unterscheiden auch „graue“ Fische – Nerfling, Hecht, Barsch, Plötze, die nach ihrer fachmännischen Meinung weniger Beachtung verdienen.

Wenn Jagd und Angeln mehr Geschick und Können vom Urlauber fordern, so braucht man bei der so genannten „stillen Jagd“ keine besonderen Fähigkeiten außer Geduld.

Gemeint wird das Sammeln von Pilzen und Beeren, welche die Wälder der Republik Komi in Fülle haben. Die Saison beginnt im Juni und dauert, bis der erste Schnee fällt.

Stadt- und Dorfbewohner erlegen sich eifrig dem Sammeltrieb, und so spricht man hier nicht so sehr von einer naturbezogenen Freizeitgestaltung, sondern von einem mentalen Bedürfnis der Russen, von ihrer nationalen Leidenschaft. Außer Vorräte für den langen Winter zu sammeln (Pilze getrocknet, gesalzt oder mariniert, leckere Moos-, Heidel- oder Preiselbeerenkonfitüre), bekommt der nach Ruhe suchende Naturliebhaber ein paar Stunden Entspannung und Abwechslung vom Stress der Alltäglichkeit.

Die Taiga belohnt den Geduldigen mit ihren Schätzen: der König des Kiefernwaldes – der Steinpilz, majestätisch und selbstsicher. Nicht weniger wertvoll – der Wimpernmilchling, der gesalzt für den richtigen Feinschmecker eine wahre Köstlichkeit ist; Rotkappe und Birkenpilz, die dem Sammler in der nördlichen Taiga und Waldtundra in den Korb springen. Der Leistling, der heutzutage mehr als früher an Popularität gewinnt, und auch aus dem Täubling kann eine geschickte Hausfrau etwas auf den Tisch zaubern – allein beim Aufzählen läuft das Wasser im Munde zusammen.

Die „stille“ Jagd ist überall in der Republik Komi erlaubt (außer Naturschutzgebiete). Doch das richtige Mekka für Sammler ist der Süden der Republik. Die mächtigen Kiefern stehen hier wie Soldaten Spalier. Der durchsichtige Wald ist mit einem dicken weißen Moosteppich bedeckt. Er ist mit rotem Sprühregen von winzigen Perlen der Preiselbeeren durchwirkt und knirscht unter den Füßen. Kräftige Steinpilze werden hier nicht stückweise, sondern eimer- und korbweise gezählt. Der Wochenendausflug wird dann zu einem angenehmen Spaziergang. So präsentiert sich die Prilusje mit ihren Urwäldern, die die hiesige Bevölkerung „weiße“ Kiefernwälder (Belyj Bor) nennt.

Der Rayon Syktywdinskij ist ein begehrtes Ausflugsziel für diejenigen, die auf Wimpernmilchlinge „jagen“. Wenn man an einem herbstlichen Tag mit dem Auto Richtung Kirow fährt, so findet man auf beiden Seiten der Autostraße keinen freien Platz für das Parken. Nicht weit vom Rayonzentrum Wisinga gibt es ein Revier mit feuchten undurchsichtigen Laubwäldern, wo sich Wimpernmilchlinge vor den menschlichen Augen verstecken. Doch die richtigen Pilzjäger lassen sich nicht täuschen. Zu Hause werden die Pilze schnell unter die Presse in eine besondere Salzlacke mit Lorbeerblättern, Knoblauch, Dill und Johannis- und Preiselbeerenblättern gelegt. Erst nach ein paar Monaten wünscht man einander guten Appetit.