Archiv der Kategorie: Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen

Faszination Wurzelholz

Schon zum zweiten Mal berühre ich dieses Thema, aber es fasziniert mich wie vor. In der forigen Woche habe ich den Workshop in Wurzelholzschnitzerei besucht und bis jetzt stehe ich unter einem tiefen Eindruck. Es war nicht einfach ein Treffen mit den bekanntesten und den besten Künstlern in der Republik Komi und auch russlandsweit, sondern meine ganz persönliche Bekanntschaft mit Wurzelholz. Wassilij Popov und Oleg Machow sind heute in der Republik Komi als die besten Meister anerkannt, denn das, was sie schaffen, ist ein richtiges Kunstwerk! Der Lachs von Oleg Machow ist so naturgetreu, als ob dieser Fisch in der Wirklichkeit seine Laichstelle in der Petschora sucht.

Foto: „Lachs“ mit der Genehmigung des Meisters Oleg Machow

Ich habe gesehen, wie ein Kunstwerk entsteht, wie das rohe, borkige Holzstück seine glatten Formen bekommt. Dazu einige Bilder.

Foto: Mit diesen Instrumenten arbeiten die Meister.

Foto: In ein paar Monaten entsteht aus diesem unbearbeiteten Holz eine Schale.

Foto: So sieht die Baumwucherung aus, wenn sie vom Baum abgenommen wird.

Foto: Und das ist Wurzelholz. Gerade diese rudimentäre Knospen geben dem Kunstwerk eine ungewöhnlichte Textur. Wie diese:

So sieht der geschliffene Holzschnitt aus. Aus diesen Stückchen entstehen bald Kühlschrankmagnete:

So wird gearbeitet:

Eine Frau aus Zuschauern hat versucht zu schnitzen, hat aber ein paar Bewegungen gemacht und aufgegeben. Ja, das ist wirklich eine mühselige Kleinarbeit. Die Meister zeigten ihre Hände voll von Wunden und Schwielen und es ist schwer zu glauben, dass solche zierliche Figuren mit so viel Fleiβ und Geduld entstehen:

Während die Meister sprachen, betrachtete ich seine Werke. Ich hatte eine Möglichkeit die glatte Oberfläche mit meinen Fingern zu betasten, was z.B. in einer Ausstellung verboten ist. Ich habe ein ungewöhnliches Gefühl bekommen, als ob diese kleine Figürchen die Wärme ausstrahlen. Ich weiβ nicht, ist das die Wärme der Natur oder der geschicklichen Meisterhand. Aber es ist so. Ich streichelte sehr lange kleine Entlein und Bärchen, aber diese kleine Eule war besonders niedlich:

Und dieses lustige Pärchen hatte so viel Stimmung:

Die Meister haben auch viel gescherzt. Einer von ihnen, Wassilij Popov, erinnerte sich, wie er auf einer Ausstellung mit W.Putin gesprochen hat.

Es war witzig. Es kam zu ihm ein Staatssicherheit-Mann und sagte, dass der Meister alle seine Instrumente wegmachen soll, denn bald muss Putin die Ausstellung  besichtigen. So blieb Wassilij nur Schleifpapier. Putin sah ihn und interessierte sich dafür, ob die Arbeit wirklich so schwer ist, wie man sagt. Wassilij lächelte, denn er hatte kein Instrument. So hat er Putin das Schleifpapier angeboten und unser Präsident versuchte das Rohstück zu bearbeiten. Natürlich hat alles verstanden und bestaunte die Erzeugnisse aus Wurzelholz und die Geschicklichkeit des Meisters.

Was mich angeht, so hat mich die Arbeit von Oleg Machow fasziniert. Ich habe den Meister um Erlaubnis gefragt, die Fotos von seinen Erzeugnissen in meinem Blog zu zeigen und er hat zugestimmt. So haben auch meine Leser jetzt die Möglichkeit, seine Kunst zu bestaunen.

Hier ist eine Schatulle mit einer Eidechse:

Eine üppige Kröte:

Das andere kann man auf seiner Internet-Seite unter http://kap-suvel.ru/izdeliya-iz-kapa-spisok.html sehen.

Ich möchte noch ein paar Bilder vom Workshop zeigen.

Foto: Diese stolze Eule hat Oleg Machow im Laufe von drei Jahren gemacht.

Bester Laune bin ich dann nach Hause gegangen und in meinem Kopf enstand allmählich ein neuer Blogeintrag. Wie immer, wenn ich besonders begeistert bin!

Ethno-Neujahrsmarkt auf Komi-Art

Drei Tage dauert die Ausstellung “Die Perle des Nordens”. Die prachtvollen Ausstellungsstücke erfreuen das Auge und laden die Besucher in die Märchenwelt ein. Hier herrscht eine zauberhafte, fröhliche Atmosphäre und man kann von den kunstvoll angefertigten Geschenkartikeln die Augen kaum abwenden.

Foto: Schneemänner-Rotarmisten finde ich sehr lustig. Ich habe mir einen gekauft.

Ich habe schon viel über Komi-Handwerker und ihre Kreativität geschrieben. Heute möchte ich mit meinem Bericht das Neujahrsfest um einen Schritt näher machen.

In Deutschland wird bald weihnachten, in Russland warten wir auf das Neujahrsfest. Diese Ausstellung ist eine gute Möglichkeit, ungewöhnliche Geschenke und kreativen Tannenbaumschmuck zu kaufen, oder das Können von Meistern zu bewundern.

Hier werden der Fantasie keine Grenzen gesetzt: gestrickte Tannenbäume, lustige Schneemänner, Ethno-Mützen und Fäustlinge, gewalkte und gehäkelte Tannenbaumkugeln und Puppen aller Art, die ich immer so schön finde! Also lassen wir uns überraschen!

Foto: Die Meister aus Ust-Zilma zeigen ihre Kunst in nationalen Ornamenten. Dabei enstehen ganz praktische Sachen, die man im Winter tragen kann.

Ich beginne mit der traditionellen Handwerkunst der Komi. Ich habe mich nocheinmal davon überzeugt, dass die  Schönheit der Dinge die Natur selbst ist. Die Natur gibt nicht nur den Stoff sondern auch die Motive.

Der Norden der Republik ist traditionell mit Sämischleder und Rentierfell vertreten.

Fotos: Diese Wandbilder haben mich einfach fasziniert.

Die Birkenrinde überrascht nach wie vor mit Bescheidenheit und Wärme.

Die originellen Häuschen auf dem nächsten Foto sind nach einer sehr alten Technologie angefertigt. Die Meisterin hat es mit einem Baukasten verglichen. Die einzelnen Teile werden nicht zusammengeklebt (kein Klebstoff überhaupt!), sondern durch heiβes Wasser zummengrollt. Einfach unglaublich!

Dieses groβe Wandbild aus Birkenrinde (unten) zeigt das Symbol des nächsten Jahres (nach dem chinesischen Kalender) – das Pferd. Die Idee gehört den Studenten der Syktywkarer Universität (Fakultät der Künste).

Die bunte Mesen‘-Malerei wirkt immer festlich.

Der aus Kiefernwurzeln geflochtene Samowar lud auf eine Tasse heiβen Kräutertee ein.

Die Puppen zeigten auch ihre prachtvollen Trachten.

Fotos: Die Puppen werden in der nationalen Tracht der Ust-Zilmaer vorgeführt und warten geduldig auf die Käufer.

Foto: Diese Puppe ist einfach niedlich in der gestrickten Garderobe.

Fotos: Eine bescheidene Ziegenfamilie aus Bast hat mir sehr gefallen. Sie steht im Symbol des komi Weihnachstfestes und wird in der Folklore zu der Hauptfigur der weihnachtlichen Volksspiele.

Auf dem nächsten Foto ist die Meisterin Olga Tomilova mit ihren Puppen.

An diesem Verkaufsstand wurden ganz tolle Sachen verkauft – auf alt gemachter Tannenbaumschmuck, wie ich das nenne – aus Groβmutters Truhe. In ihrem Ideenkoffer hat die Meisterin nette Figürchen aus Watte, gehäckelte Schneeflocken, Servietten und Gruβkarten aus der Sowjetzeit. Ein Neujahrsfest meiner Kindheit! Ein Gefühl der Geborgenheit!

Ich stand an diesem Tannenbaum und dachte, dass ich dieses Jahr meinen Baum auch so liebevoll schmücken werde.

Ich bewunderte auch diese Tannenbäume…

un diese Wandbilder…

un die Menschen, die dieses Märchen geschaffen haben.

Ein Tor ins Märchen

… befindet sich im südlichsten Gebiet der Republik Komi, im Rayon Prilusje. Nahe dem Rayonzentrum Objatschewo verbirgt sich im Kiefernwald eine kleine Siedlung Oshin, wo einige Dorfbewohner ihre Datschas haben. Unter etwa drei Dutzend Häuschen, die einander wie ein Ei dem anderen gleichen, fällt ein Märchenhaus sofort ins Auge, insbesondere das Spitzengewebe seiner Fassaden.

Das Märchen erwartet den Besucher schon vor dem Tor. Ein Soldat mit der Kanone und ein Bärchen mit einem Fass voll mit Honig gefüllt überwachen das Grundstück.

Als wir ans Tor geklopft haben, dachten wir jetzt bellt der Hund. Wir haben tatsächlich einen erblickt – der war aus Holz.

Das war die erste Überrschung. Dann folgte eine nach der anderen. Der Besitzer des Grundstücks – Anatolij Rubzow – empfing uns im Hof und zeigte ein bisschen verlegen seinen Märchengarten.

Das Foto: Anatolij Rubzow – der Bastler mit den goldenen Händen

Er erzählte uns über jede Figur und ihre Vorgeschichte.  Wir erkannten die von der Kindheit bekannten Gestalten aus den russischen Märchen – den Smej Gorynytsch (den Slawischen Drachen), die Froschprinzessin, den Feuervogel, das Rübchen und natürlich die Baba Jaga – die russische Hexe.

Foto: Der dreiköpfige Drache

Foto: Die Froschprinzessin

Das Foto: Das Rübchen

Das Foto: Die Baba Jaga

Auch europäische Märchenfiguren fanden sich Seite an Seite: Pinocchio, der gestiefelte Kater, der Phönix. Wir beobachteten dieses Wunder aus Holz mit offenem Mund (und das ist keine Metapher).

Jede Figur hat etwas besonderes an sich – ihren eigenen Charakter, Gesichtsausdruck, manchmal auch eine merkwürdige Haltung. Meine Schwiegermutter sagte, alles habe hier seine Seele.

Das Foto: Das Mädchen mit dem Rentier (muss ich mich jetzt an das Märchen „Die Schneekönigin“ erinnern?).

Bevor der Meister etwas zu basteln beginnt, studiert er gründlich jedes Märchen. Vor einigen Jahren war er gezwungen wegen einer Krankheit sein Dasein im Rollstuhl zu führen. Er begann zu basteln. Das Gebastelte wurde liebevoll in verschiedensten Farben verziert. Ich meine, er wollte seine eigene Welt schaffen, wo er sich wohl fühlen konnte – eine Phantasiewelt.

Und das hat geholfen! Jetzt merkt man an ihm nicht, dass seine Beine vor kurzer Zeit gelähmt worden waren, nur vielleicht, dass er ein bisschen beim Gehen hinkt.

Anatolij macht alles mit und nach dem Gefühl – ein Mann, der nicht einmal Kunst und Baugeschichte studiert hat. Das Freilichtmuseum beherbert alles mögliche. Gestalten aus verschiedenen Epochen und Kulturen sind hier auf Schritt und Tritt zu treffen. Russische Kirchen in Miniatur stehen im Gras nahe dem Gemüsebeet.

Ein Tor mit Meeresmotiven führt in die afrikanische Welt.

Die Frau von Anatolij erholte sich vor einigen Jahren in Ägypten. Die Fotos mit Landschaften und Sehenswürdigkeiten Ägyptens haben Anatolij zum Schaffen inspiriert. So weiden auf dem Feld auch exotische Tiere.

Gebäude verdienen näheres Betrachten. Der Brunnen lädt freundlich den Durstigen ein, kaltes Wasser im Schatten zu trinken. Beim genaueren Hinsehen erkennt man Seeräuber, Schwäne, Undinen und Neptunfiguren.

In der Nähe sieht man einen Fischer, der den Fisch am Schwanz hält. Ist es ein Goldfisch aus dem Märchen von A.Puschkin, dass drei Wünsche erfüllen kann? Oder ist es ein Hecht, der dem Faulpelz Jemelja verhalf die Zarentochter zu heiraten zu einem reichen Zarewitsch zu werden? Vielleicht ist es auch ein geschickter Komi-Fischer.

Das Foto: Der Brunnen

Einige Schritte weiter steht eine Gartenlaube. Sie sieht nicht weniger einladend aus. Ich kann mir nur vorstellen, wie es angenehm ist, in der Abendkühle den Samowar zu heizen und Kräutertee zu trinken.

Die weißen durchsichtigen Gardinen bilden einen schönen Kontrast zu dem Spitzenschmuck aus Holz.

Das Haus sieht am schönsten aus.

Die hellen Farben, geschnitzte Details, Figürchen auf dem Dach machen das Haus zu dem Anziehungspunkt des Märchengartens. Und wieder steht ein Soldat an der Eingangstür, doch jetzt hat er zwei Gehilfen – den Tiger und den Löwen.

Das Haus hat mich am meisten beeindruckt. Ich dachte, ist es möglich in solch einer feinen Ausführung diese luftigen Muster aus Holz zu machen? Und die Farben! Ein richtiger Terem! Der Terem ist der alte russiche Typ der Wohnhäuser mit dem prachtvoll geschnitzten Holzschmuck! Ursprünglich war es das obere Geschoss eines Einfamilienhauses – ein Raum für die Frauen. Heutzutage gebraucht man das Wort “Terem” für ein prachtvolles Haus.

Der Meister Anatolij lächelt nur. Er hat immer alle Hände voll zu tun: schnitzen, verzieren, färben, renovieren, die Farbe erfrischen. Für den Besuch seines Museums nimmt er kein Geld. Die Eintrittskarte ist eine Dose Farbe (Braun ist immer gefragt). Wir haben zwei Dosen gekauft: Blau und Grün.

Jetzt, wenn ich den Beitrag mache, erinnere ich mich an diesen Besuch in allen Einzelheiten. Und es bleibt immer das Gefühl, dass ich für eine kurze Zeit in meine Kindheit zurückgekehrt bin.

Kunsthandwerker des Jahres 2013

Der 23.März, Frühling, 15 Grad Kälte und Nordwind. Wir haben uns zu früh vom Winter verabschiedet und, wahrscheinlich, nicht so tüchtig, nicht genug Blinis gegessen.

Was macht man, wenn draußen kalt ist? Jemand bleibt zu Hause und macht sich gemütlich vor dem Fernseher. Jemand freut sich auf einen Schiausflug oder eine andere Winterattraktion in der frischen, frostigen Luft. Ich begab mich ins Museum.

Zur Zeit findet in Syktywkar die Ausstellung “Kunsthandwerker des Jahres 2013” statt. Die Meister aus der ganzen Republik treten in Wettbewerb und zeigen ihr Können in allen Zweigen des national geprägten Kunsthandwerks: Weberei, Holzmalerei, kunsthandwerkliches Walken, Birkenrindeflechten, Wurzelflechten, Töpferei, Stoffpuppen, ornamentales Striken, Patchwork und Klöppeln. Ich war müde vom Fotografieren. Jedes Autorenprodukt ist ein kleines Kunstwerk, das in der traditionellen handwerklichen Technik gefertigt wird, und jedoch ein Unikat.

Einige Erzeugnisse erfreuen das Auge durch ihre meisterhafte Ausführung. Die anderen Ausstellungsstücke sind einfach und naiv wie die Voklskunst der Komi, doch auch sie zeigen sich ansprechend und stehen den Designerwaren in Ästhetik nicht nach. Die Wahrnehmung des Schönes ist immer subjektiv. Von Zeit zu Zeit lauschte ich den Gesprächen, die im Flüsterton geführt wurden. Die Kunsthandwerker standen bescheiden und verlgen neben ihren Kunstprodukten. Von diesen Gesprächen wird es abhängen, wer von den Meistern den Ehrentitel bekommt. Und die Künstlernaturen sind empfindlich und verletzbar! Ich hörte Begeisterung, Lob und Kritik, fachmännische Bemerkungen und die ungekünstelte Zuschaueranerkennung der Geschicklichkeit der Meister.

Sehr schnell hat sich aber die Zuschauerwelle, flüchtige Blicke geworfen, mit der Ästhetik des Kunsthandwerks gesättigt und ich konnte alles in Ruhe betrachten. Nach einer halben Stunde war der Saal fast leer.

Ich meine, dass jedes Ausstellungsstück genaueres Betrachten verdient, und ich mache meine Leser mit der Ausstellung und auch meinen absoluten Favoriten bekannt. Also los!

Die gestriсkten warmen Sachen waren sehr aktuell bei dem Frühlingsfrost. Viele wollten grelle Stulpen, Socken oder Fäustlinge mit nach Hause nehmen.

Fotos: Stulpen, Socken und Fäustlinge gefertigt von Politowa Agnija, Kasarinowa Nadeshda, Jeremejewa Kapitolina, Palkina Jelena, Gilewa Tamara, Ronojewa Nadeshda.

Besonders eindrucksvoll waren die gestriсkten Frauenanzüge von Ogorodnikowa Galina.

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Ethnodesigne von der Studentin der Fachschule für Künste Kratz Polina.

Fotos: Schamanentrommel von Polina Kratz

Hübsche Holzmalerei, farben- und musterreich.

Fotos: Tische und Stühle in Technik der Mesener Malerei (die Mesen – ein Fluss im Westen der Republik, mündet in die Norddwina) gefertigt von Sidorowa Antonina und Kisseljow Wladimir; blaue Truhe für Spielzeug von Schamanowa Maria; Schaukelelch von Bassarewa Darja (einer von meinen Favoriten).

Nicht weniger farbenprächtig – Patchworkdecken und – bilder.

Fotos: Patchwork gefertigt von Kolegowa Jelena, Bobyrenko Swetlana, Barankina Walentina

Nummer eins unter meinen Favoriten ist die weiβ-rote Decke mit dem Wologda-Spitzenschmuck „Der russische Norden“.

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Die Puppen in Nationaltrachten erfreuten das Auge.

Fotos: Die Puppen gefertigt von Roshin Wladimir, Wolkowa Maja, Redkina Jelena

Puppenamulette und Stoffpuppen gefertigt in Technik des Zusammendrehens.

Fotos: Die Puppen von Meleschewa Natalja, Wetoschkina Jelena, Kriwoscheina Arina

Doch die schönste war für mich „Mutter Natur“ von Titowa Nadeshda. Die Puppe symbolisiert die nördliche Natur, aufs Engste mit der komi Mythologie verflochten.

Foto: „Mutter Natur“ von Titowa Nadeshda

Auch ein hübsches „Waldmännlein“ von Iljaschewitsch Wera fesselte meine Aufmerksamkeit.

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Foto: „Waldmännlein“ von Iljaschewitsch Wera

Die Komposition „Mein kleines Dörflein“ von Olga Tomilowa erinnerte mich an meine verstorbene Groβmutter, wie sie am Abend unsere Kuh gemolken hat. Ich wartete immer an der Tür zum Kuhstall auf die frische Milch. So vertiefte ich mich, vor diesem Ausstellungsstück stehend,  in meine schönsten Kindheiterinnerungen.

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Foto: „Mein kleines Dörflein“ von Olga Tomilowa

Kunsthanwerkliches Walken zeigte die gut bekannten Realien des Norden in der originellen Ausführung.

Fotos: Die Tasche von Chomenko Jekaterina; zwei nette Igelchen und die Eule von Terentjewa Maria; die Walenki von Kukuschkina Oksana (sehr modisch)

Die traditionelle Weberei überraschte mit Mustern und Farben.

Fotos: Die Komposition „Mokosch“ (Frauengottheit steht für Hausarbeit); Gürtel mit dem finno-ugrischen Muster von Chosjainowa Tatjana.

Die Töpferei war mit dem dekorativen Tongeschirr vertreten.

Fotos: das erste links oben – der dekorative Teller „Solaris“ von Kotschewa Tatjana; zwei Fotos unten – Teegeschirr und Teller-Wimpernmilchlinge von Butorina Tatjana.

Mir hat das Ölbehälter von Plissowa Larissa besonders gefallen.

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Foto: Das  Ölbehälter von Plissowa Larissa

Erzeugnisse aus Birkenrinde und Kiefernwurzeln waren auch vertreten, jedoch blieben sie in Minderheit.

Fotos: links oben – Schatullen aus Kiefernwurzeln von Kokorona Jelena; links unten – das Schweinchen aus Birkenrinde von Toropow Walerij; rechts – Jägeroberkleidung aus Birkenrinde von Kinew Dmitrij.

In meinem Bericht fehlen noch einige Ausstellungsstücke, die ich besonders schön finde. Die Eule-Mutter und das Eule-Kind aus Holzspan – so niedlich für mein Mutterherz.

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Wunderbar! Nicht wahr?

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Fotos: Die Eulenfamilie von Schepetew Nikolaj

Die Komposition aus Stofftieren und -vögeln machte auf mich einen unauslöschlichen Eindruck. Sie muss an die traditionelle Malerei und woodblock printing auf dem Stoff erinnern.

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Fotos: Die Komposition von Sosinowa Jelena

Hoffentlich hat meinen Lesern diese virtuelle Exkursion gefallen. Ich war begeistert!

Dem Baum zur Plage, dem Menschen zur Freude

Maserknolle – die bizarre Laune der Natur

Maserknolle (russ.: kap) – ein Holzfehler, der sich als ein unförmiger Auswuchs des Baums erweist, verbirgt in sich ein Geheimnis der Natur – der Schein trügt oft. Aus Fehlern entsteht Erstaunliches! Ein erfahrener Handwerker weiß, dass dieses missgewachsene Stück kranken Holzes ein Unikat ist. Er ritzt vorsichtig die Birkenrinde an, reibt die geöffnete Stelle mit einem feuchten Lappen, wenn es keinen gibt, dann ungeduldig mit dem begeiferten Finger. So entdeckt er den Stoff, aus welchem dann ein richtiges Kunstwerk entsteht. Die lebhafte, wirbelige Textur fasziniert ihn und schon ist er im Banne der Phantasie und schöpferischer Begeisterung.

Was sieht er in diesen buckeligen Formen – eine zierliche Ente, einen spielerischen Bären, einen stolzen Elch, einen üppigen Frosch, eine behende Eidechse oder sogar einen graziösen Schwan.

Diese Darstellungsobjekte sind ziemlich oft anzutreffen. Die Handwerker halten sich fest an den Traditionen der Komi-Volkskunst, die sich im Laufe von mehreren Jahrhunderten entwickelt haben. Tiere und Vögel, als auch mythologische Gestalten reizten schon immer die Einbildungskraft der künstlerischen Naturen, abgesehen davon war es ein erfahrener Meister oder ein gewöhnlicher Bauer. Die Natur bestimmte das Weltanschauen unserer Vorfahren und fand ihre Widerspiegelung in der naiven Volkskunst.

Aus: Volkskunst der Komi. L.S.Gribowa (1984)*:

„Besonders typisch für die Komi der vergangenen Zeiten sind die Salznäpfe in Form von Enten, … darum nannte man die Salznäpfe auch generell „Utiza“ – Ente. Solch eine Ente gehörte früher zu jedem Haushalt. Es war nämlich Brauch, dass der Bauer, der die Ente eigenhändig anfertigte, sie am Hochzeitstag seiner Tochter schenkte. Die Zahl der gefertigten Enten richtete sich nach der Zahl der Töchter, die er zu verheiraten hatte. Manche Enten waren auf dem Rücken mit Entekücken versehen, die sogar in mehreren Reihen übereinander angebracht waren. Auf diese Weise wünschte man der neugegründeten Familie Wohlergehen und viele Kinder. In der Mythologie der Komi und anderer Völker der finnougrischen Gruppe war die Ente (komi: tschosh) die Urmutter der Welt: Sie legte ein Ei, das in zwei Hälften zerbrach. Aus der oberen Hälfte bildete sich der Himmel mit all seinen Gestirnen, aus der unteren bildete sich die Erde mit der Flora und Fauna. Der Nachhall dieses Glaubens an die Ente als Urmutter widerspiegelt sich in der traditionellen Verschenkung einer Ente an die Braut“.

Der Elch (komi: jora) verkörpert nach den mythologischen Vorstellungen der Komi Mannesstärke und Widerstandskraft. Die Jagd auf den Elch war gefährlicher als auf den Bären. Das bestätigt ein komi Sprichwort: „Gehst du auf Bärenjagd, halte das Krankenbett bereit, jagst du auf den Elch, dann musst du dir einen Sarg zimmern“. Der Jäger, der einen Elch geschlagen hatte, gilt als besonders geschickt. Man sagte auch, dass die Waldgeister ihm besonders geneigt waren. Im vorigen Herbst brachte mein Mann etwas Elchenfleisch aus dem Wald. Er war nicht der Jäger (ihm würde das Haselhuhn als Ideal vorschweben). Man bat ihn zu helfen, den Schlachtkörper aus dem Wald zu tragen. Fast den ganzen Winter hatten wir Elchenfleisch auf dem Tisch – im Backofen mit Möhren und Trockenaprikosen ohne Steine geschmort hat es vorzüglich geschmeckt. Manchmal habe ich geschmortes Fleisch mit Preiselbeerensauce serviert. Ja, eigentlich habe ich den Erzählfaden verloren. Zurück zum Thema!

 Der Bär (komi: osch) nahm einen besonderen Platz in der Mythologie der Komi als Sohn von Jon – eines der Demiurgen, der die obere Welt regierte. Das ist eine interessante mythologische Gestalt und verdient einen eigenen Artikel in meinem Blog.

Auch der Frosch (komi: ljaguscha) spielte in den kosmogonischen Mythen der Komi eine bedeutende Rolle als tierische Erscheinungsgestalt der Demiurgen. Nach einigen Vorstellungen besaß der Frosch eine Hexenkraft. Die anderen hielten ihn für ein Gottesgeschöpf und das Symbol der Fruchtbarkeit.

Nicht nur Tiere werden aus Maserknollen angefertigt. Es kann auch eine Schale sein. Kleine Löffel und Salznäpfe wirken ebenso dekorativ.

Sein Spitzengewebe der Textur verdankt Maserknollen den „übergewachsenen“ schlafenden Knospen (auch Augen genannt). Die Maserung hat dann einen besonders dekorativen Effekt und wirkt einfach verblüffend. Sie erinnert an Malachit, Karneol oder Serpentinit.

Man unterscheidet noch eine Art der Wuchsanomalie – die Verwachsung, die eine bescheidene aber nicht weniger ausgeprägte Holzmaserung erweist. Der wellige Faserverlauf führt zu sanften pommelé, geperlten, geflammten und geriegelten Texturen. Es wird oft auch mit der Textur des Bernsteins verglichen. Aus diesem Holz werden ebenso erstaunliche Gegenstände gemacht.

In Russland wird diese Wucherung als swil’ oder suwel’ bezeichnet. Es entsteht oft, wenn der Baum verletzt wird. Dann beginnt sich die Wunde zu verwachsen, wird kugelförmig oder kann völlig den Stamm umringen. Ich bin leider im deutschen Äquivalent des Begriffs nicht sicher, deshalb, wenn ein Fachmann meinen Blog einmal besuchen wird, dann bitte ich ihn um seine fachmännische Hilfe – wie könnte diese Art des Holzfehlers heißen? Oder ist das Wort „Verwachsung“ korrekt? Ja…, in diesen Dingen bin ich ein blutiger Laie.

Wenn man Erzeugnisse aus Maserknollen und verwachsenem Holz betrachtet, spürt man die Wärme, die sie ausstrahlen. Das wird durch ihre Textur und eine besondere Verarbeitungsart erzielt. Wenn die Bearbeitungstechnologie richtig eingehalten wird, bekommen die Stücke gelbe, rosabraune oder ockerbraune Farben, die warmes Licht sprühen.

Maserknollen (aller Art) sind launisch wie Frauen und brauchen von den Handwerkern (meistens Männern) Aufmerksamkeit, Geduld, Ausdauer und lassen sich nur für viel Geld verkaufen. Je ausgeprägt ist die Maserung, desto erschreckend höher sind die Preise. Das Erzeugnis aus Maserknolle ist ein Geschenk für den Zaren. Viele Politiker, die die Republik besuchten, haben diese Kunstwerke geschenkt bekommen. W.Putin, B.Jelzin, W.Tschernomyrdin bewunderten die Arbeit der Komi-Handwerker.

Ich wollte mal einen kleinen Löffel aus Maserknolle kaufen. Als ich mich nach dem Preis (1000!!! Rubel) erkundigt hatte, dachte ich: „Mensch! Ist der Löffel aus Gold?“ Ich fragte den Meister, warum das Stück so teuer ist. Er hat mir seine Hände gezeigt – Wunde auf Wunde – und erzählt, wie es schwer ist, den Stoff zu verarbeiten. Zuerst wird Holz ausgewählt, dabei handelt es sich um eine stundenlange „Jagd“ in der Taiga. Die Maserknolle wird mit etwas Stammholz vom Baum abgeschnitten. Die Rinde wird vorsichtig entfernt. Dort, wo die Maserknolle ins Stammholz übergeht, wird eine Figur mit dem Hohlbeitel geschnitzt, und aus der Kugel entsteht die Schale.

Die Figur muss mit der Schale eine harmonische Komposition bilden, wo die Linien sanft ineinanderfließen. Nachdem der Rohling getrocknet worden ist, werden die Wände der Schale dünner gemacht. Danach folgt das Schleifen zuerst mit dem dicken und dann mit immer feiner werdendem Schleifpapier. Dann wird das Erzeugnis gebeizt. Die Beizfarbe muss den Hauptakzent auf die Holzmaserung legen. Nach der Trocknung wird es noch einmal mit dem feinsten Schleifpapier geschliffen. Und letztendlich kommt die Wachsung: Die Schale wird geölt und getrocknet, und wieder geölt und getrocknet, bis die Oberfläche seidenmatt wird.

So vergehen mehrere Tage in mühevoller Arbeit. So entsteht ein Kunstwerk. Es hat den Geruch der Taiga und die Wärme der spärlichen nördlichen Sonne eingesaugt und ist eine Augenweide. Ich kann meine Augen von diesen sanften Formen und wirbeliger Textur nicht abwenden und bewundere den Reichtum der Volkskunst der Komi. Es gibt noch so vieles zu entdecken. Wir machen das zusammen!

*aus: Volkskunst der Komi. L.S.Gribowa, Oberassistentin der Fachrichtung Ethnographie am Institut für Sprache, Literatur und Geschichte der Komi-Filiale der Akademie der Wissenschaften der UdSSR, Doktor der historischen Wissenschaften, 1984

Souvenirs mit Gefühl

Wer einmal die Republik Komi besucht, nimmt als Andenken nicht nur die Eindrücke von der Gastfreundschaft ihrer Bewohner und von den malerischen Waldgegenden mit nach Hause. Viele bringen nach Berlin, London oder Paris hübsche Souvenirs mit.

Kleine Kunstwerke sind aus verschiedenem Material angefertigt. Gerade im Material stecken der einzigartige Reiz und die Einmaligkeit der Souvenirs. Wertvollem Metall, Elfenbein und Stein ziehen die Volkskünstler Rentierfell, Leder, verschiedene Holzarten und Birkenrinde vor.

Die Handwerker, die aus Holz und Rentierfell Wunder vollbringen, könnten Ihnen über ihre Arbeit vieles erzählen. Hier gibt es alle möglichen Schatullen unterschiedlicher Form, Wandbehänge aus Rentierfell mit Bären, Rentieren, Elchen, Rentierzüchtern und Vögeln geschmückt. Der Phantasie ihrer Autoren werden keine Grenzen gesetzt. Besonders faszinierend ist das Farbenspiel. Der Pinsel des Künstlers berührt, unterstreicht und verschärft durch Kontraste die ganze Farbenpracht, die die Natur selbst geschaffen hat.

Mythologische Gestalten aus Rentierfell widerspiegeln die heidnische Seele des Volkes Komi. Wunderbare Puppen in Nationaltracht erinnern an Sitten und Bräuche des Volkes, die man auch heutzutage sorgfältig bewahrt. Ein aus Holz geschnitzter Vogel mit aufgeschlagenen Flügeln ist ein Maskottchen, das das Haus von den bösen Geistern schützt. Und wie schön sind die Schatullen mit bizarrem Muster aus Birkenrinde!

(bearbeitet nach T.R. Schwitai)