Archiv der Kategorie: Natur pur

Bei der Schneekönigin zu Gast

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Der Frühling steht vor der Tür, doch der gröβte Teil der Republik Komi liegt noch unter dem Schnee. Aber, dass es so rätselhaft wie auf dem Foto sein kann, konnte ich mir nicht vorstellen. Eigentlich ist mir das Motiv gut bekannt. Wo habe ich das ähnliche Bild gesehen? Und jetzt können mir die deutschen Leser zustimmen – im Harz, dem Hexetreffpunkt. Dieses Foto wurde aber nicht im Harz gemacht, sondern im Nordural, nicht weit von der Stadt Vuktyl und diese Landschaft ist nicht weniger sagenumwoben wie der Harz. Der Fotograf Sergej Fomin hat die Bergtundra zu seinem Lieblingsmotiv gemacht. Nach seiner Genehmigung veröffentliche ich seine Fotos in diesem Beitrag.

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Die Landschaft, die auf den Fotos abgebildet ist, heiβt der Tima-Is-Bergrücken. Er liegt im Nationalpark „Jugyd Wa“ in der Nähe von der Gaspipeline „Sijanije Severa“ und ist somit gut zu erreichen. Das ist ein Gebirge (550m über dem Meeresspiegel) mit sanften Abhängen, das in klimatischer Hinsicht einzigartig ist. In der Republik Komi gibt es viele einzigartige Landschaften, darunter z.B. das Plateau Manpupunjor – die steinernen Götzen der Uralvölker (Säule der Verwitterung). Aber mit Schnee bedeckte verkümmerte Vegetation, hauptsächlich aus Tannen und Birken, weist ähnliche bizarre Formen auf, ist aber nicht verteinert, sondern im Firnschnee verkrammt.

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Was macht diese Region klimatisch einzigartig? Der Bergrücken liegt weit von dem Wasserscheidenmassiv des Nordurals und bildet eine natürliche Sperre für südwestliche Winde, die hier im Winter herrschen. Er fängt die ungeheure Wucht ihres Angriffes auf. Starke Winde und hohe Feuchtigkeit kleiden die Bäume in den Panzer aus Firnschnee. Sie beugen sich unter dem Gewicht der untragbaren Last und erstarren. Dabei entstehen die Formen, die je nach Phantasie des Betrachters verschiedenen Gestalten ähneln.

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Vom Bergrücken eröffnet sich von der östlichen Seite ein wunderschöner Blick auf die Berggipfel des Nordural und von der westlichen Seite auf die unüberschaubare Taiga der Petschora-Tiefebene.

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Einer der ungewöhnlichsten Berggipfel des Ural ist der Berg Telpos-Is (1619m). Er hat zwei Gipfel. Das ist der höchste Berg des Nordural. Er war seit den uralten Zeiten der heilige Berg der Nomaden. Die Nenzen und die Mansen nannten ihn „Frauenidol“, die Komi – „Nest der Winde“. Nach einem alten Glauben haust hier Woipel – Gott des Windes und der Kälte. Er mag keinen Lärm, deshalb versuchen die Rentierzüchter ihre Rentierschlitten besonders still zu führen, wenn sie am Berg vorbei fahren, und die Jäger machen keinen Lärm im Wald, sonst wird der Windgeist auf die Täter Schneesturm loslassen.

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Der Mythos ist dadurch zu erklären, dass der Berg Telpos-Is das klimabildende Gebirge ist, und es kann vorkommen, dass hier im heiβen Sommer Schneestürme entstehen.

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„Bei der Schneekönigin zu Gast“ – so heiβt die eintägige, 10km lange Schiroute, die im Nationalpark „Jugyd Wa“ den Touristen von Januar bis April angeboten wird. Der Ausflug in die sagenumwobene Landschaft passt sehr gut Familien mit Kindern ab 14 Jahre, also wenig erfahrenen Touristen. Jetzt steht diese Route auch in meiner Wunschliste der Orte in Komi, die ich unbedingt besuchen will.

Vielen Dank an Sergeij Fomin für seine Freundlichkeit und tolle Fotos!

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Der russische Tee schmeckt gesund

omMZ2oOAZ1oDas Foto von Galina Popova

Das schmalblättrige Weidenröschen heißt er auf Deutsch und auf Russisch der Ivan-Tee (Ivan-Tschai). Seine Herstellung hat in Russland eine sehr alte Tradition. Das aromatische Getränk wurde von unseren Vorfahren bevorzugt, bevor der schwarze Tee aus fernen Ländern eingeführt wurde. Die Russen kannten nicht nur sein einzigartiges Aroma, sondern auch seine Heilwirkung. Ein kleines Örtchen Koporje (nahe von Sankt Petersburg) gab dem Tee seinen Namen – der Koporskiy Tee. Insgesamt hat die Pflanze in Russland mehr als 60 Namen, doch mehr bekannt sind die Namen Ivan-Tee und Kiprej.

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Der Ivan-Tee ist im Norden überall zu treffen. Im Monat Juni kleiden sich die Weiden in Lila und man hört lautes Summen von Bienen. In der Republik Komi heißt es – der Sommer ist da! Schmalblättriges Weidenröschen ist seine Visitenkarte.

uDKC3ZBtHyADas Foto von Wladimir Malzev – Ist das Bild nicht der Lünebruger Heide ähnlich? 

Von Vorkuta und der Tundra, über die Taiga bis zu Feldern der südlichen Gebiete steht der Ivan-Tee kerzengerade und verleiht der rauen nördlichen Natur einen besonderen Reiz.

fED_EE0bSxgEin schönes Foto von Wlad Plotnizkiy – Ivan-Tee bei Vorkuta in der Tundra

Ich bin in Inta aufgewachsen. Diese Stadt liegt etwas südlicher des Polarkreises. Auch ich habe diese Pflanze in meinen Kindheitserinnerungen. Aber damals  hatte ich sie immer mit der Kälte assoziiert und es bedeutete für mich – ich fahre zur Oma in die Ukraine.

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Die Komi haben viele traditionelle Getränke, doch der Ivan-Tee gehört eher zu der russischen Kultur. Da es heutzutage eine Mode ist, die alten Traditionen neu aufleben zu lassen und eine gesunde Lebensweise zu führen, schenkt man dem Ivan-Tee eine größere Aufmerksamkeit. Er enthält kein Coffein und ist deshalb viel gesünder als der klassische schwarze Tee. Wir haben uns auch von dieser Mode anstecken gelassen und nun trinken wir an machen Winterabenden aromatischen Ivan-Tee.

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In diesem Jahr ist es schon das zweite Mal, wenn wir den Tee selbst beschaffen. Mein Mann kennt sich in chinesischen Teesorten gut, weil er Chigong-Gymnastik macht. Nach den Übungen trinkt man in seiner Gruppe chinesischen Tee und veranstaltet die ganzen Teezeremonien.

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Also suchen wir uns Felder aus, weit von der Stadt, wo die Luft frisch und die Natur meist unberührt ist und sammeln große Bündel von der Pflanze. Solche Blumensträuße sehen großartig aus. Zu Hause werden die Blätter und die Blumen abgerissen.

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Die Blätter werden etwa 12 Stunden fermentiert und unter den Druck gestellt und dann im Ofen getrocknet. Der Tee ist zubereitet! Blumen werden dann einfach getrocknet und je nach Geschmack mit dem Tee gemischt.

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Manchmal zieht mein Mann die Blätter zuerst durch den Fleischwolf und man bekommt schwarzen Tee. Zum grünen Tee werden die Blätter ganz getrocknet.

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Der aufgebrühte Tee riecht nach Honig. Im Zimmer verbreitet sich feiner Blumenduft und es wird sehr gemütlich. Wenn wir Gäste haben, so wird ihnen immer der Ivan-Tee angeboten auch mit Mischungen aus getrockneten Himbeeren oder Minzenblättern.

In diesem Sommer war die Blütezeit von dieser Pflanze sehr prächtig. Die Fotos zeigen diese Pracht. Und hier ist ein herrliches Bild von Ksenija Ossipova.

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Norden. Die Farbe Lila.

Geburtstag am Fluss

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Die Geschichte begann im Jahre 2010, als wir mit unseren Freunden die erste Paddeltour auf der Lusa gemacht haben. Die Lusa ist ein Fluss, der im Süden der Republik Komi fließt und in die Norddwina mündet. Seit diesem Jahr „bewältigen“ wir kurze Strecken und erkunden die Natur. In 6 Jahren haben wir etwa 30km gemacht.

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Oben ist unser erstes Foto))) Das war ein Abenteuer! Es hat gut begonnen, aber das Wetter machte unsere Pläne kaputt. In ein paar Stunden goss es wie in Strömen. Im nächsten Jahr gab es auch einige Umstände – ich war schwanger (8 Monate – O, Gott!), aber das störte mich nicht, ich fühlte mich super.

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Das Wetter war wunderbar und wir machten Raststationen mit Brei, Tee und Baden.

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Die Lusa ist ein sehr malerischer Fluss. Mit jedem Kilometer ändert sich ihr Gesicht und sie wird schöner und schöner. Es gibt Untiefen, wo man gut angeln kann – Barsch oder Hecht – schmecken immer lecker, wenn man dann auf dem Feuer Ucha (Fischsuppe) zubereitet.

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Es gibt aber lange Sandstrände, wo man ein Zelt aufschlagen kann, Feuer macht und badet.Und wir hatten soclch eine Möglichkeit und übernachteten in einem Zelt. Die Nacht war still, kein Laut, nur das Summen der Mücken.

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In diesem Jahr habe ich beschlossen, auf einer Paddeltour meinen Geburtstag zu feiern. Wie immer wartete ich auf diesen Tag, denn er versprach frische Luft und 7km Abenteuer. Einerseits gibt es nichts Gefährliches – der Fluss ist still. Aber andererseits muss man immer auf der Hut sein – wilde Tiere sind in der letzten Zeit sehr nah zu den Siedlungen zu sehen. Am Flussweg trifft man sonst keine Seele – eine Landschaft, wo nur die Natur pur herrscht. Manchmal aber versteht man, dass irgendwo in der Nähe eine Siedlung ist. Wie? Auf dem nächsten Foto ist es zu sehen)))

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 Also wir brachen aus und alle waren bester Laune. Bald hatten wir ein paar Barsche und rechneten mit einer Fischsuppe.

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Doch unsere erste Mahlzeit war Brei aus Buschweizengrütze mit hausgemachtem Dosenfleisch. Sehr aromatisch und schmeckt in der frischer Luft!

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Nach der Rast setzten wir unsere Fahrt fort. Und schon fielen die ersten Regentropfen. Und dann regnete es noch stärker, bis wir pudelnass wurden((. Die Paddeltour war zu Ende. Aber sie hat doch Spass gemacht, denn wir geben niemals auf. Unser nächstes Ziel  – 30 km!

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Die Luft von tausend Düften

„Im wunderschönen Monat Mai, als alle Knospen sprangen…“ – so beginnt ein schönes Gedicht von Heinrich Heine, das wir mit unseren Studenten geübt haben. Dieser Mai war in der Republik Komi reich an Farben und Düften. Die Natur trug ihr prächtiges weißes Brautkleid mit frischen grünen Blättern geschmückt. Und die Luft war voll von zarten Düften. Das festliche Weiß war an den Bäumen überall zu sehen. Und wie kurzlebig war die Blütezeit!

Ich verstehe, dass die Bäume überall in der Welt blühen. Aber hier im Norden ist jede Pflanze ein Wunder, denn nicht nur die Menschen, sondern auch die Pflanzen im rauen Klima um ihren Platz unter der Sonne kämpfen müssen. Die Südbewohner haben es besser, denn sie genießen die wahre Blütenpracht. Aber auch im Norden ist der Frühling wunderschön, besonders, wenn die Tundra blüht. Und nach dem blendenden Weiß des Winters ist das blühende Weiß des Frühlings besonders sehnsüchtig  zu erwarten.

So blüht der Apfelbaum:

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Und hier trägt die Traubenkirsche ihr weißes Gewand:

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Und das sind die hübschen Preiselbeeren:

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Der Sumpfporst sieht festlich aus, obwohl er manchen Kopf berauschen kann:

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Die Pracht der Natur hat mich auf den Gedanken gebracht, welche Rolle die Pflanzenwelt in der Komi-Mythologie spielt. Nach langen Untersuchungen habe ich solch eine Information gefunden.

Nach dem Volksglauben der Komi habe jeder Mensch seinen Baum (zu komi As Pu). Es ist sehr schwer, den As Pu zu finden. Dem Jäger könnte dabei der Hund behilflich sein. Er halte am Baum und bellte den As Pu an. Mit dem ersten Axthieb beginne der Baum zu bluten und mit seinem Herrn zu sprechen. Die Sachen, die aus diesem Baum angefertigt werden, hätten eine besondere Zauberkraft.

Die Traubenkirsche (zu komi Ljom) obwohl sie so schön blüht, wird in der Komi-Mythologie eher negativ betrachtet, weil ihr Holz im Haushalt nicht verwertet wird. Die Blütezeit des Baumes verbindet man mit dem Thema der Fruchtbarkeit. Es gibt einige Bauernregeln: “Steht Ljom in voller Blüte, so gibt es eine reiche Ernte an Heidelbeeren”. Traditionell wurde der Baum ziemlich weit vom Haus gepflanzt, am Zaun (und das ist auch heute der Fall). Es gab den Glauben, dass Ljom ins Haus Krankheiten und Unglück mit sich bringen könnte.

Die Fichte (zu komi Kos) gehört in das semiotische Feld „das Männliche“. Dabei gibt es zwei Bräuche. Die Komi-Jäger bevorzugten unter diesem Baum zu übernachten, aber zuerst musste man ihn um Erlaubnis bitten und der Baum nahm den Menschen dann unter seinen Schutz. Der zweite Brauch war, den Vater des Neugeborenen zu fragen „Njyw ali Kos?“ und das bedeutete “Tochter oder Sohn?“ Denn „das Weibliche“ verkörperte die Tanne (zu komi Njyw). Die Komi-Jäger fürchteten sich unter diesem Baum zu übernachten. Hier verbarg sich der Teufel und Jon (der Gott der oberen Welt) schickte zum Baum hin Blitze, damit sie den Teufel treffen konnten und die Jäger hatten Angst, auch  vom Blitz getroffen zu werden.

Interessant, nicht wahr?

Die Natur schmeckt im Frühling Birkensaft

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In diesem Frühling habe ich zum ersten Mal gesehen, wie der Birkensaft vom Baum tropft. Die zwanzigjährige Birke im Hof meiner Schwiegereltern beschenkt uns reichlich mit ihrem Lebenswasser. Die Birke hat ihre eigene Geschichte und ist der Familienbaum für drei Generationen. Der Vater meiner Schwiegermutter flochte Bündel aus Birkenzweigen für die Banja neben der Scheune. Als er gestorben war, wuchs an dem Platz, wo er immer zu sitzen pflegte, eine Birke zu einem mächtigen Baum.

Jedes Jahr füllt die Birke Behälter mit klarer Flüssigkeit, die etwas süβlich schmeckt. In diesem Jahr ist unsere Birke besonders ausgiebig.

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Mein Schwiegervater hat die Birkenrinde leicht angebohrt und drei kleine Röhrchen befestigt, durch welche der Saft abgezapfen wird.

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Ich komme von Zeit zu Zeit und koste an dem erfrischenden Getränk. Selbst die Natur gibt dieses Lebenswasser dem Menschen – der Birkensaft ist sehr gesund. Hier in Prilusije, einem Gebiet von Komi, nennt man ihn sdorow-wa – vom Wort sdorowje (Gesundheit). Im üblichen Teil der Republik Komi wird der Birkensaft sarawa genannt. Das war schon seit alten Zeiten das traditionelle Getränk der Komi. Man trinkt ihn pur, denn er wird nicht lange haltbar. Sonst entsteht durch Vergorung mit etwas Zucker ein säuerlich-süβes Getränk. Meine Schwiegermutter gibt etwas Weintrauben oder Trockenaprikosen zu. An einem sehr warmen Frühlingstag wie heute wird einem der Durst schnell gestillt.

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Die Birke spielte für die Komi-Heiden eine zentralle Rolle in der Verherung der Idolen. Es gibt eine Legende von der Launigen Birke (launig ist hier als böse und unbändig zu verstehen). Ein riesiger Baum war die Kultstätte von Komi-Zyränen an dem Fluss Wym und hatte eine magische Kraft. Um den Baum herum standen zahlreiche Idole. Die Heiden pflegten dort ihre Riten und beschenkten den Baum reichlich mit Rauchwaren. Selbst der Baum war mit bunten Bändern behängt.

Im 14. Jharhudert erschien im Komi-Land ein Missionär – Stefan von Perm (Bischof von Klein-Perm, 1547 heiligesprochen). Er wollte die Komi-Heiden zum Christentum bekehren. Um den Heiden die Kraft des christlichen Glaubens zu zeigen, wollte er die Launige Birke fällen. Ein Tag reichte nicht aus, um den Baum zu fällen. Während Stefan mit dem Axt den Baum schlug, schrie der Baum in entsätzlichen klaglichen Stimmen – “Du Stefan! Warum verjagst du uns? Das ist von alters her unser Zuhause!” Der Baum blutete mit bunten Strahlen. Aber Stefan war mit Gottes Hilfe erfüllt. Am nächsten Tag stand der Baum wieder da. Drei Tage brauchte Stefan, bis die Birke fiel. Er befahl Birkenholz und Idole zu verbrennen. Während sie brannten, hörte man Schreie und Jammergeheul. Die Birke wurde zu Asche.

An dem Platz, wo die Launige Birke wuchs, steht jetzt die Kirche zu Erzengel Michael.

Steinpilze-Saison. Die erste stille Jagd

Der Sommer ist zu Ende. Eigentlich hatten wir in diesem Jahr keinen richtigen Sommer, keine Hitze und keine Badetage zum Austoben. Alle warteten auf eine reiche Pilzernte, weil es oft geregnet hat. Aber… der Wald erfreute nur noch mit leckeren Heidelbeeren. Steinpilze zeigten sich sehr ungern.

In dieser Woche hörte man überall in Büros, Läden, in Autobussen, auf den Haltestellen Gespräche, dass die Steinpilze endlich in ungeheuren Mengen im Wald zu finden sind. Am Wochenende stürmten die Stadtbewohner die um die Stadt liegende Wälder und niemand kam mit einem leeren Eimer nach Hause.

Ich war auch keine Ausnahme, aber für mich ist es immer ein ästetisches Genuss, die Pilze zuerst zu fotografieren. Das ist das Werk der Natur. Wenn ich die schokoladenfarbene Pilzkappe in etwa grünlichem Moos sehe schlägt mein Herz immer hoch. Diese russische (fast nationale) Leidenschaft hat auch mich getroffen, obwohl ihre Ursachen für mich unaufgeklärt bleiben. Und wie kann man ruhig an solchen hübschen, tüchtigen Kerlen vorbeigehen!

Die anderen Pilzjäger sahen mich verwundert an, als ich auf dem Boden liegend die Pilze von allen Seiten fotografierte. Zu Hause setzte ich das Fotoshooting fort.

Am Abend naschten wir an einer leckeren Kartoffel-Pilz-Pfanne, gebraten und mit selbst eingelegten Gurken serviert. Lecker!!!

Ust-Zilma. Am Ufer der Petschora

Der nächste Beitrag zu meiner Ust-Zilma-Reise gilt der Petschora, einem wasserreichen Strom, an dem sich das Dorf erstreckt.

Etwas zur Landeskunde: Die Petschora ist ein 1.809 km langer, zum Nordpolarmeer fließender Strom im nördlichen, europäischen Teil Russlands. Die Petschora durchfließt das ganze Territorium der Republik Komi und ist somit ihr größter Fluss.

Der mächtige Strom nimmt im Berg Petscher-Ja-Taljach-Ssjachl seinen Lauf. Der Name wird aus der mansischen Sprache abgeleitet und bedeutet der Berg, von dem Petschora geboren ist. Die Quelle des Flusses ist mit einer Eisenplatte versehen, dem so genannten Pass des Flusses. Sie wurde mit dem Hubschrauber transportiert, weil der Geburtsort des mächtigen Stromes schwer erreichbar ist.

Der Name des Flusses hat keine eindeutige Erklärung. Die Mansen nennen die Petschora Pesser oder Pesserja (ja (я) – Fluss). Es gibt auch die Meinung, dass die vielen Höhlen im Becken des Flusses Namensgeber sind (das altrussische Wort petschera Höhle). Höchstwahrscheinlich geht der Name Petschora auf das nenzische pe-tschera zurück. Der russische Ethnograph B.Dolgich ging davon aus, dass der Name samojedischen Ursprungs ist: nenzisch peaWald, tscher (tschera)Bewohner. So bedeutet pe-tscheraWaldbewohner, Waldmensch. L.Chomitsch übersetzt das Ethnonym petschera als Bergbewohner, Bergmensch (peBerg, Bergrücken, der Ural) und meint darunter Nenzen-Samojeden, die am Bergrücken des Ural ihr Nomadenleben führen.

Der Fluss durchzieht das Territorium der Petschora-Tiefebene im Norden und ergießt sein Wasser in die Barentssee. Sie schöpft ihre Kräfte aus mehreren großen und kleinen Flüssen – die wichtigsten Zuflüsse sind Lyscha, Ussa, Ilytsch, Sula, Wel, Koschwa, Lemju, Schtschugor, Jorsa, Laja, Sewernaja Mylwa, Schapkina und Ishma. Im Einzugsgebiet der Petschora befindet sich das Biosphärenreservat Petschora-Ilytsch. Auf den östlichen Abhängen des Ural liegt der Nationalpark Jugyd Wa. Zwischen dem Polaren Ural und dem Timan-rücken, befindet sich ein großes Steinkohleabbaugebiet – das Petschora Kohlenbecken – mit geschätzten Vorräten von bis zu 350 Milliarden Tonnen Kohle. Die Petschora ist schiffbar, allerdings ist sie den größten Teil des Jahres mit einer Eisdecke versehen.

Die Petschora ist ein malerischer Fluss. Ich erinnere mich an meine erste Bekanntschaft, wie sie mich fasziniert hat, dass ich für einige Zeit alles vergaß und nur noch ihrem langsamen Lauf folgte und das Platschen der Wellen vernahm. Ich stand am Ufer und der Wind war sehr heftig. Er wehte mir jeden Gedanken aus dem Kopf, so stark er brauste.

Der Fluss war unfreundlich, das Wasser war grau, ich würde sagen schmutzig-grau. Ich bekam das Gefühl der Hilflosigkeit, weil hier die Gewalt der Natur war in ihrer reinen Erscheinung. Am Ufer gab es viel Wracks. Zuerst dachte ich, warum die Ust-Zilmaer den Fluss so verschmutzen. Aber Ksenja, meine Gastgeberin, hat mir erklärt, dass es wegen des Hochwassers gemacht wurde, damit das Wasser nicht am Ufer nagt – die Häuser stehen ganz nah zum Ufer.

Ksenja teilte mir in überlegender Weise mit (wie sie es immer macht), dass die Petschora tückisch ist. Jedes Jahr nimmt sie ihren Opfern das Leben, sei es ein Fischer oder Kinder, die ohne Aufsicht der Eltern versuchen auf den Eisschollen zu springen, oder sich an einem heißen Tag zu erfrischen. Ksenjas Haus steht nicht weit von Ufer, dass man ein Stück vom Wasser aus dem Hof sehen kann. Ich denke, sie ist immer um ihre Kinder besorgt, doch ihre Tochter Shenja kommt niemals allein ans Ufer. Wir haben mit ihr oft am Ufer gesessen und uns über das Leben, die Schule und andere für ihr Alter wichtige Sachen unterhalten… und fotografiert.

Der Fluss hat mehrere Gesichter und wechselt sie wie eine verwöhnte junge Frau. Im Laufe meines Aufenthaltes in Ust-Zilma habe ich ihre trügerische Laune erlebt: braun, schmutzig-grau, dunkelblau, silbern, opalen und lasurfarben. Doch besonders faszinierend ist ihr Gesicht zur Zeit des Sonnenuntergangs – ein schönes Motiv für ein Foto. Ich habe viele gemacht… Ich habe mich in diesen Fluss verliebt.

Für die Dorfbewohner ist die Petschora ihre Lebensquelle, Arterie, die Jahrtausende pulsiert. Vor mehreren Jahrhunderten war sie ein wichtiger Handelsweg für die nördlichen Völker. Die prächtigen Gorka-Kleider, die von mehreren Generationen getragen wurden und weiter vererbt werden, kamen nach Ust-Zilma aus fremden Ländern. Den Plat – das Kopftuch (zu Russisch: platok) – einer Frau, die ich kennen gelernt habe, bekamen ihre weiblichen Vorfahren wahrscheinlich von den englischen Kaufläuten. Sie nannten diese schöne Kopfbedeckung als „aglizkij plat“ (zu Russisch: Anglijaanglijskij platok; zu Deutsch: England – das englische Kopftuch). Die Ust-Zilmaer verkauften damals Pelz, Fisch und andere Rohwaren und bekamen Luxuswaren – Tücher, Brokat für Kleider, Goldborte für Röcke und Hemden.

Heutzutage ist die Bedeutung des Flusses für die Bevölkerung ebenso groß. Menschen und Güter werden befördert. Die mächtige und ausgiebige Petschora verwöhnt mit reichen Beständen an wertvollen Fischarten. Die Ust-Zilmaer zeigen sich als erfahrene Fischer. So werden in erster Linie Wander-, Zwerg- und Peledmaräne, Omul, Weißlachs und der „rote“ Lachs bevorzugt. Nicht weniger wertvoll ist die Hybride von Beluga und Sterlet (Bester), die in der letzten Zeit in der Petschora zu fangen ist. Die hiesigen Fischer unterscheiden auch „graue“ Fische – Nerfling, Hecht, Barsch, Plötze, die nach ihrer fachmännischen Meinung weniger Beachtung verdienen.

Leider habe ich keinen Petschora-Fisch gegessen. Vielleicht nächstes Mal!