6 Tage bis zum Frühling

Liebe Leser!

Foto des Tages – so heiβt die neue Kategorie im Blog. Ich habe so viele Fotos einfach ohne Thema und ich habe beschlossen von Zeit zu Zeit diese Fotos hier zu zeigen.

Heute ist es ein Bild aus Objatschevo, dem Zentrum des Rayons Prilusje. Das ist die Heimat meines Mannes. Dieses Haus ist das Nachbarhaus von uns und es wird nur im Sommer als Datscha (Sommerhaus) benutzt. Im Winter kommen die Hausbesitzer nur sonntags, um die Banja zu heizen. Im Winter ist das Häuschen immer verschneit, was ich sehr schön finde. In diesem Winter schneit es sehr oft, so gibt es Schnee fast menschenhoch.

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Wie ich die Sprache Komi zu beherrschen begonnen habe

Ja, das Verb „beherrschen“ ist das richtige Wort für mein Bemühen die Sprache Komi zu lernen. Schon seit langem hatte ich einen großen Wunsch auf Komi zu sprechen. Meine Schwiegereltern kennen beide Komi, mein Mann kann Komi verstehen aber nicht sprechen.

Warum eigentlich kam ich auf solch einen Gedanken? Dazu gibt es sehr viele Gründe. Die Republik Komi ist meine kleine Heimat und ich meine, dass es sehr wichtig ist, die nationale Sprache der Republik kennen und verstehen zu können. Ich bin hier aufgewachsen und immer hörte ich außer Russisch noch Komi. Und ich fand die Sprache früher so seltsam für mein Ohr.

Ich bin im Norden der Republik geboren, in der Stadt Inta, wo es sehr wenig Komi gibt. Auf den Straßen hörte man nur immer Russisch. Aber im Radio und Fernsehen wurde sehr viel Komi gesprochen. Jetzt finde ich die Sprache sehr melodisch und weich, weil ich verstehe, dass jede Sprache ein Unikum ist, das ist die Seele des Volkes, sein Reichtum und  sein Leben. Und weil ich auch Fremdsprachen gelernt habe und jetzt Deutsch unterrichte, ist es für mich von einem großen Interesse, mal eine ganz andere Fremdsprache zu lernen. Komi ist eine finno-ugrische Sprache, und das ist eine ganz andere Sprachfamilie. Mein Russisch-Ukrainisch-Deutsches Bewusstsein gewöhnt sich sehr schwer an dieses neue Sprachsystem, aber ich bin sehr motiviert. Unsere Lehrerin, Olga Stepanova, ist eine sehr nette Frau, TV-Moderatorin, und sie spricht so schön, dass ich mich mehr und mehr in diese Sprache verliebe.

img_0052Foto: Olga Stepanova – unsere Lehererin (https://komiinform.ru/news/134488/)

Besonders schön finde ich die Lieder. Das Lied „Katschasinjas“  (zu Deutsch: Kamillen)  ist mein Lieblingslied, und ich singe es immer mit Gefühl, wenn ich irgendwo in der Natur bin. Hier könnt ihr das Lied hören:

Der bekannteste komi Dichter Ivan Kuratov hat die Komi Sprache in seinem Gedicht besungen – Komi Kyv, das heute als die Ode an die Komi Sprache gilt.

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Foto: Ivan Kratov – Komi Dichter (1839-1875)

Dank meinem Kollegen habe ich die deutsche Nachdichtung gefunden. Wer sie gemacht hat, ist leider nicht bekannt. Aber ich kann behaupten, dass die Nachdichtung die Stimmung des Gedichtes sehr gut widergibt. So viel Gefühl und Liebe gibt es in jedem Wort!

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%d1%81%d0%bb%d0%b0%d0%b9%d0%b42Die deutschen Leser haben bereits bemerkt, dass die Komi Sprache einen Buchstaben hat, der auch echt deutsch ist – ö. Der wird aber nicht so, wie im Deutschen gesprochen. Für das deutsche Ohr ist es etwas zwischen dem langen o und dem offenen langen ä (wie Mädchen). Der Buchstabe Ö hat in Syktyvkar, der Hauptstadt der Republik Komi, sein Denkmal.

img-20150506094457-195Foto: Das Ö-Denkmal (http://komi.ru/upload/iblock/53b/img-20150506094457-195.jpg)

Mein heutiger Beitrag wäre ohne allgemeine Informationen über die Komi Sprache und ihre Geschichte nicht vollständig. Die Information stammt aus dem Buch von Tatjana Schwitai „Die Komi ASSR“ (Syktyvkar, 1984). Zur Geschichte der Komi Sprache:

„Komi gehören zu den kleinen Völkern, die schon vor der Revolution eine Schriftsprache hatten. Sie entstand im 14. Jahrhundert, ihr Schöpfer ist Stefan Chrap, der später den Namen Stefan von Perm erhielt.

Das ursprüngliche Wohngebiet der Komi lag in der Gegend des Oberlaufes der Kama und der Wjatka, in dieser Gegend standen sie mit ihren nächsten Stammesverwandten, den Wotjaken, in Berührung. Dann begann die Abwanderung der Komi nach dem Norden. Nach den Angaben der russischen Geschichtsquellen findet man Komi im 11.Jahrhundert schon an der Wytschegda, gegen Ende des 14.Jahrhunderts in der Gegend der heutigen Stadt Kotlas (das Gebiet von Archangelsk).

Als Grundlage der komi Sprache wird die altpermjakische Sprache angesehen, deren Träger sich im ersten Jahrtausend v.u.Z. im europäischen Nordosten angesiedelt hatten, daher wohl auch der Name Stefan von Perm.

Die Christianisierung der Komi weist eigenartige Züge auf. Das Bekehrungswerk wurde von dem Bischof von Perm, Stefan dem Heiligen (um 1335-1396) geleitet, der russischen Herkunft war, aber der komi Sprache mächtig war. Durch sein kluges und tolerantes Verhalten und die Überzeugungskraft seiner mit Missionsbewusstsein erfüllten Persönlichkeit vermochte Stefan der Heilige den größten Teil der Bevölkerung des Gebietes für das Christentum zu gewinnen. er stellte für die komi Sprache ein besonderes Alphabet, das sogenannte „Abur“ oder „Anbur“ zusammen; das „Anbur“ gilt als nationale Schrift der Komi.„

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Foto: Das Anbur-Alphabet

sykt_anburFoto: Der Name von der Hauptstadt der Republik Komi wird in Anbur dargestellt (http://finugor.ru/sites/finugor.ru/files/imce/sykt_anbur.jpg)

Seit 17.-18.Jahrhundert haben die Komi das Alphabet, dass dem russischen entnommen wurde.

А а Б б В в Г г Д д Е е Ё ё
Ж ж З з И и І і Й й К к Л л
М м Н н О о Ӧ ӧ П п Р р С с
Т т У у Ф ф Х х Ц ц Ч ч Ш ш
Щ щ Ъ ъ Ы ы Ь ь Э э Ю ю Я я

Doch es gibt zwei Buchstaben, dass der komi Sprache ihre Besonderheit verleihen – i und ö. Im Kurs, wo ich Komi lerne, hat man uns gesagt, dass die Komi die Laute ф (f), х (ch), ц (ts) und ч (tsch) nicht haben. Sie werden in den russischen Entlehnungen durch andere Buchstaben und Laute ersetzt. Warum? Das ist auch sehr interessant. Unsere Lehrerin hat uns erklärt, dass es wahrscheinlich damit verbunden war, dass die Komi als Heiden vor diesen Lauten Angst hatten.

Heutzutage spricht man in der Republik Komi das Komi-Syrjänische Dialekt. Die weiteren sind – das Komi-Permjakische und das Ostpermjakische (Jazva-Dialekt). Das Komi-Syrjänische hat in der Republik weitere Dialekte. Wir erlernen aber die Hochsprache (Literatursprache).

Mein Sprachkurs dauert zwei Monate und kostet mir keine Kopeke, denn er wird jährlich von dem Ministerium für die Nationalpolitik der Republik Komi veranstaltet und erzielt damit die Popularisierung der komi Sprache unter der übrigen multinationalen Bevölkerung unserer Republik. Wir machen uns im Kurs nicht nur mit den Raffinessen der komi Sprache bekannt, sondern auch mit Sitten und Bräuchen des Volkes Komi. Und das ist für mich, wie ihr wisst, sehr interessant. Ich hoffe, dass ich doch Erfolg erziele.

Став бурсö тiянлы! – Alles Gute an alle!

 

Der russische Tee schmeckt gesund

omMZ2oOAZ1oDas Foto von Galina Popova

Das schmalblättrige Weidenröschen heißt er auf Deutsch und auf Russisch der Ivan-Tee (Ivan-Tschai). Seine Herstellung hat in Russland eine sehr alte Tradition. Das aromatische Getränk wurde von unseren Vorfahren bevorzugt, bevor der schwarze Tee aus fernen Ländern eingeführt wurde. Die Russen kannten nicht nur sein einzigartiges Aroma, sondern auch seine Heilwirkung. Ein kleines Örtchen Koporje (nahe von Sankt Petersburg) gab dem Tee seinen Namen – der Koporskiy Tee. Insgesamt hat die Pflanze in Russland mehr als 60 Namen, doch mehr bekannt sind die Namen Ivan-Tee und Kiprej.

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Der Ivan-Tee ist im Norden überall zu treffen. Im Monat Juni kleiden sich die Weiden in Lila und man hört lautes Summen von Bienen. In der Republik Komi heißt es – der Sommer ist da! Schmalblättriges Weidenröschen ist seine Visitenkarte.

uDKC3ZBtHyADas Foto von Wladimir Malzev – Ist das Bild nicht der Lünebruger Heide ähnlich? 

Von Vorkuta und der Tundra, über die Taiga bis zu Feldern der südlichen Gebiete steht der Ivan-Tee kerzengerade und verleiht der rauen nördlichen Natur einen besonderen Reiz.

fED_EE0bSxgEin schönes Foto von Wlad Plotnizkiy – Ivan-Tee bei Vorkuta in der Tundra

Ich bin in Inta aufgewachsen. Diese Stadt liegt etwas südlicher des Polarkreises. Auch ich habe diese Pflanze in meinen Kindheitserinnerungen. Aber damals  hatte ich sie immer mit der Kälte assoziiert und es bedeutete für mich – ich fahre zur Oma in die Ukraine.

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Die Komi haben viele traditionelle Getränke, doch der Ivan-Tee gehört eher zu der russischen Kultur. Da es heutzutage eine Mode ist, die alten Traditionen neu aufleben zu lassen und eine gesunde Lebensweise zu führen, schenkt man dem Ivan-Tee eine größere Aufmerksamkeit. Er enthält kein Coffein und ist deshalb viel gesünder als der klassische schwarze Tee. Wir haben uns auch von dieser Mode anstecken gelassen und nun trinken wir an machen Winterabenden aromatischen Ivan-Tee.

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In diesem Jahr ist es schon das zweite Mal, wenn wir den Tee selbst beschaffen. Mein Mann kennt sich in chinesischen Teesorten gut, weil er Chigong-Gymnastik macht. Nach den Übungen trinkt man in seiner Gruppe chinesischen Tee und veranstaltet die ganzen Teezeremonien.

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Also suchen wir uns Felder aus, weit von der Stadt, wo die Luft frisch und die Natur meist unberührt ist und sammeln große Bündel von der Pflanze. Solche Blumensträuße sehen großartig aus. Zu Hause werden die Blätter und die Blumen abgerissen.

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Die Blätter werden etwa 12 Stunden fermentiert und unter den Druck gestellt und dann im Ofen getrocknet. Der Tee ist zubereitet! Blumen werden dann einfach getrocknet und je nach Geschmack mit dem Tee gemischt.

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Manchmal zieht mein Mann die Blätter zuerst durch den Fleischwolf und man bekommt schwarzen Tee. Zum grünen Tee werden die Blätter ganz getrocknet.

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Der aufgebrühte Tee riecht nach Honig. Im Zimmer verbreitet sich feiner Blumenduft und es wird sehr gemütlich. Wenn wir Gäste haben, so wird ihnen immer der Ivan-Tee angeboten auch mit Mischungen aus getrockneten Himbeeren oder Minzenblättern.

In diesem Sommer war die Blütezeit von dieser Pflanze sehr prächtig. Die Fotos zeigen diese Pracht. Und hier ist ein herrliches Bild von Ksenija Ossipova.

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Norden. Die Farbe Lila.

Geburtstag am Fluss

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Die Geschichte begann im Jahre 2010, als wir mit unseren Freunden die erste Paddeltour auf der Lusa gemacht haben. Die Lusa ist ein Fluss, der im Süden der Republik Komi fließt und in die Norddwina mündet. Seit diesem Jahr „bewältigen“ wir kurze Strecken und erkunden die Natur. In 6 Jahren haben wir etwa 30km gemacht.

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Oben ist unser erstes Foto))) Das war ein Abenteuer! Es hat gut begonnen, aber das Wetter machte unsere Pläne kaputt. In ein paar Stunden goss es wie in Strömen. Im nächsten Jahr gab es auch einige Umstände – ich war schwanger (8 Monate – O, Gott!), aber das störte mich nicht, ich fühlte mich super.

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Das Wetter war wunderbar und wir machten Raststationen mit Brei, Tee und Baden.

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Die Lusa ist ein sehr malerischer Fluss. Mit jedem Kilometer ändert sich ihr Gesicht und sie wird schöner und schöner. Es gibt Untiefen, wo man gut angeln kann – Barsch oder Hecht – schmecken immer lecker, wenn man dann auf dem Feuer Ucha (Fischsuppe) zubereitet.

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Es gibt aber lange Sandstrände, wo man ein Zelt aufschlagen kann, Feuer macht und badet.Und wir hatten soclch eine Möglichkeit und übernachteten in einem Zelt. Die Nacht war still, kein Laut, nur das Summen der Mücken.

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In diesem Jahr habe ich beschlossen, auf einer Paddeltour meinen Geburtstag zu feiern. Wie immer wartete ich auf diesen Tag, denn er versprach frische Luft und 7km Abenteuer. Einerseits gibt es nichts Gefährliches – der Fluss ist still. Aber andererseits muss man immer auf der Hut sein – wilde Tiere sind in der letzten Zeit sehr nah zu den Siedlungen zu sehen. Am Flussweg trifft man sonst keine Seele – eine Landschaft, wo nur die Natur pur herrscht. Manchmal aber versteht man, dass irgendwo in der Nähe eine Siedlung ist. Wie? Auf dem nächsten Foto ist es zu sehen)))

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 Also wir brachen aus und alle waren bester Laune. Bald hatten wir ein paar Barsche und rechneten mit einer Fischsuppe.

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Doch unsere erste Mahlzeit war Brei aus Buschweizengrütze mit hausgemachtem Dosenfleisch. Sehr aromatisch und schmeckt in der frischer Luft!

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Nach der Rast setzten wir unsere Fahrt fort. Und schon fielen die ersten Regentropfen. Und dann regnete es noch stärker, bis wir pudelnass wurden((. Die Paddeltour war zu Ende. Aber sie hat doch Spass gemacht, denn wir geben niemals auf. Unser nächstes Ziel  – 30 km!

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Die Luft von tausend Düften

„Im wunderschönen Monat Mai, als alle Knospen sprangen…“ – so beginnt ein schönes Gedicht von Heinrich Heine, das wir mit unseren Studenten geübt haben. Dieser Mai war in der Republik Komi reich an Farben und Düften. Die Natur trug ihr prächtiges weißes Brautkleid mit frischen grünen Blättern geschmückt. Und die Luft war voll von zarten Düften. Das festliche Weiß war an den Bäumen überall zu sehen. Und wie kurzlebig war die Blütezeit!

Ich verstehe, dass die Bäume überall in der Welt blühen. Aber hier im Norden ist jede Pflanze ein Wunder, denn nicht nur die Menschen, sondern auch die Pflanzen im rauen Klima um ihren Platz unter der Sonne kämpfen müssen. Die Südbewohner haben es besser, denn sie genießen die wahre Blütenpracht. Aber auch im Norden ist der Frühling wunderschön, besonders, wenn die Tundra blüht. Und nach dem blendenden Weiß des Winters ist das blühende Weiß des Frühlings besonders sehnsüchtig  zu erwarten.

So blüht der Apfelbaum:

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Und hier trägt die Traubenkirsche ihr weißes Gewand:

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Und das sind die hübschen Preiselbeeren:

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Der Sumpfporst sieht festlich aus, obwohl er manchen Kopf berauschen kann:

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Die Pracht der Natur hat mich auf den Gedanken gebracht, welche Rolle die Pflanzenwelt in der Komi-Mythologie spielt. Nach langen Untersuchungen habe ich solch eine Information gefunden.

Nach dem Volksglauben der Komi habe jeder Mensch seinen Baum (zu komi As Pu). Es ist sehr schwer, den As Pu zu finden. Dem Jäger könnte dabei der Hund behilflich sein. Er halte am Baum und bellte den As Pu an. Mit dem ersten Axthieb beginne der Baum zu bluten und mit seinem Herrn zu sprechen. Die Sachen, die aus diesem Baum angefertigt werden, hätten eine besondere Zauberkraft.

Die Traubenkirsche (zu komi Ljom) obwohl sie so schön blüht, wird in der Komi-Mythologie eher negativ betrachtet, weil ihr Holz im Haushalt nicht verwertet wird. Die Blütezeit des Baumes verbindet man mit dem Thema der Fruchtbarkeit. Es gibt einige Bauernregeln: “Steht Ljom in voller Blüte, so gibt es eine reiche Ernte an Heidelbeeren”. Traditionell wurde der Baum ziemlich weit vom Haus gepflanzt, am Zaun (und das ist auch heute der Fall). Es gab den Glauben, dass Ljom ins Haus Krankheiten und Unglück mit sich bringen könnte.

Die Fichte (zu komi Kos) gehört in das semiotische Feld „das Männliche“. Dabei gibt es zwei Bräuche. Die Komi-Jäger bevorzugten unter diesem Baum zu übernachten, aber zuerst musste man ihn um Erlaubnis bitten und der Baum nahm den Menschen dann unter seinen Schutz. Der zweite Brauch war, den Vater des Neugeborenen zu fragen „Njyw ali Kos?“ und das bedeutete “Tochter oder Sohn?“ Denn „das Weibliche“ verkörperte die Tanne (zu komi Njyw). Die Komi-Jäger fürchteten sich unter diesem Baum zu übernachten. Hier verbarg sich der Teufel und Jon (der Gott der oberen Welt) schickte zum Baum hin Blitze, damit sie den Teufel treffen konnten und die Jäger hatten Angst, auch  vom Blitz getroffen zu werden.

Interessant, nicht wahr?

Die Natur schmeckt im Frühling Birkensaft

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In diesem Frühling habe ich zum ersten Mal gesehen, wie der Birkensaft vom Baum tropft. Die zwanzigjährige Birke im Hof meiner Schwiegereltern beschenkt uns reichlich mit ihrem Lebenswasser. Die Birke hat ihre eigene Geschichte und ist der Familienbaum für drei Generationen. Der Vater meiner Schwiegermutter flochte Bündel aus Birkenzweigen für die Banja neben der Scheune. Als er gestorben war, wuchs an dem Platz, wo er immer zu sitzen pflegte, eine Birke zu einem mächtigen Baum.

Jedes Jahr füllt die Birke Behälter mit klarer Flüssigkeit, die etwas süβlich schmeckt. In diesem Jahr ist unsere Birke besonders ausgiebig.

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Mein Schwiegervater hat die Birkenrinde leicht angebohrt und drei kleine Röhrchen befestigt, durch welche der Saft abgezapfen wird.

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Ich komme von Zeit zu Zeit und koste an dem erfrischenden Getränk. Selbst die Natur gibt dieses Lebenswasser dem Menschen – der Birkensaft ist sehr gesund. Hier in Prilusije, einem Gebiet von Komi, nennt man ihn sdorow-wa – vom Wort sdorowje (Gesundheit). Im üblichen Teil der Republik Komi wird der Birkensaft sarawa genannt. Das war schon seit alten Zeiten das traditionelle Getränk der Komi. Man trinkt ihn pur, denn er wird nicht lange haltbar. Sonst entsteht durch Vergorung mit etwas Zucker ein säuerlich-süβes Getränk. Meine Schwiegermutter gibt etwas Weintrauben oder Trockenaprikosen zu. An einem sehr warmen Frühlingstag wie heute wird einem der Durst schnell gestillt.

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Die Birke spielte für die Komi-Heiden eine zentralle Rolle in der Verherung der Idolen. Es gibt eine Legende von der Launigen Birke (launig ist hier als böse und unbändig zu verstehen). Ein riesiger Baum war die Kultstätte von Komi-Zyränen an dem Fluss Wym und hatte eine magische Kraft. Um den Baum herum standen zahlreiche Idole. Die Heiden pflegten dort ihre Riten und beschenkten den Baum reichlich mit Rauchwaren. Selbst der Baum war mit bunten Bändern behängt.

Im 14. Jharhudert erschien im Komi-Land ein Missionär – Stefan von Perm (Bischof von Klein-Perm, 1547 heiligesprochen). Er wollte die Komi-Heiden zum Christentum bekehren. Um den Heiden die Kraft des christlichen Glaubens zu zeigen, wollte er die Launige Birke fällen. Ein Tag reichte nicht aus, um den Baum zu fällen. Während Stefan mit dem Axt den Baum schlug, schrie der Baum in entsätzlichen klaglichen Stimmen – “Du Stefan! Warum verjagst du uns? Das ist von alters her unser Zuhause!” Der Baum blutete mit bunten Strahlen. Aber Stefan war mit Gottes Hilfe erfüllt. Am nächsten Tag stand der Baum wieder da. Drei Tage brauchte Stefan, bis die Birke fiel. Er befahl Birkenholz und Idole zu verbrennen. Während sie brannten, hörte man Schreie und Jammergeheul. Die Birke wurde zu Asche.

An dem Platz, wo die Launige Birke wuchs, steht jetzt die Kirche zu Erzengel Michael.

Pilzjagd. Neue Saison

Das alte Thema klingt jedes Jahr wie neu. Pilzsaison in Komi ist wieder in vollem Gang. Der Wald wird zur Mekka vieler Pilzpilger, zu denen in Komi fast jeder Republikbewohner gehört. Die Sozialnetzwerke strotzen von Pilzfotos, und jedes findet anerkennende Worte – „Wie schön!“, „O, wie niedlich!“, „Ein braver Kerl!“, „Wo sind solche Kerle nur zu finden?“. Die Trophäen werden zuerst von allen Seiten fotografiert und dann schon in den Korb gelegt.

So ist es bei mir immer.

Die stille Jagd, so wird das Pilzsammeln genannt, hat bei uns immer viele Anhänger. Still – bedeutet ohne Gewehr, ohne Lärm, aber sehr oft hört man jubelnde Ausrufe, und dann versteht man – die Jagd hat begonnen! Man geht auf die Spur, gerät in den Sucheifer und der Korb wird mit jedem Schritt schwerer. Viel glücklicher ist man, wenn man eine ganze Pilzfamilie erwischt. Die Rotkappen bilden immer so brave kinderreiche Familien.

Foto: Viktoria Pimenova

Foto:Ewgenij Tropnikov

Foto:Irina Kalinina

Foto: Eines der schönsten Fotos von Jgor Trier

Foto: Wladmir Tischenko

Die üppigen Steinpilze machen sich würdevoll. Sie fühlen sich so erhaben, dass sie fast immer allein stehen. Sie brauchen viel Platz für ihre Würde und prahlen mit ihren prächtigen Formen.

Foto: Andrej Kosinez

Foto: Valentina Sakussova

Es fällt mir immer schwer dieses Gefühl zu beschreiben, wenn man einen Pilz findet. Das ist eine Mischung von Vorfreude, Jubel, Begeisterung, Bewegtheit und schließlich Jagdfieberbefriedigung. So vergisst man jede Sorge. Die Stille des Waldes und frischer Wind verjagen aus dem Kopf jeden Kummer und man fühlt sich wie neugeboren. Waldtherapie ist das beste Mittel die Energie für den langen Winter zu tanken.

Aber ein reicher Pilzpfad kann manchen Pilzjäger in Gefahr führen. Jeden Sommer verlieren sich die Menschen im Wald. Meistens findet man selbst den Weg nach Hause. Einigen wird das Leben gerettet. Aber es gibt leider auch eine traurige Statistik.

Als ich Schülerin war, war ich sehr oft im Wald. Im Norden der Republik kann die stille Jagd zu einem Abenteuer werden, einem gefährlichen Abenteuer. So war es mir einmal auch so. Da es zu der Zeit keine Geräte außer Kompass gab, konnten wir uns nur mit seiner Hilfe orientieren.  Doch statt uns nach dem Süden zu führen, zeigte er die nördliche Richtung. Wir waren tief in der Waldtundra, praktisch ohne Essen und bald ohne Kräfte. Der sumpfige Boden machte den weiteren Weg unmöglich. Wir setzten uns auf den gefallenen Baum und plötzlich hörten wir in der Ferne eine ganz leise Zugsirene. Wir merkten uns die Richtung. Außerdem orientierten wir uns nach dem Moos an den Bäumen. Bekanntlich gibt es viel Moos an der Südseite des Baumes. Nach einigen Stunden waren wir schon am Fluss und wir sollten eine sichere Furt über den Fluss finden. Es war sehr schwer, denn es war ein Bergfluss. Wir beschlossen uns am Fluss zu rasten und zu übernachten. Wir schliefen am Feuer auf Kiefernzweigen. Als ich mich schlafen legte, warf ich einen Blick auf die Kiefer und sah eine Teufelsfigur im Anzug mit einem langen Schwanz. Am Morgen stellte es sich heraus, dass die Kiefer am Stamm eine gebrannte Stelle hatte und der Schwanz war so gut wie ein schwarzer Zweig. Schrecklich! Wir waren zwei Tage im Wald, nahe der Verzweiflung. Mein Bewusstsein machte aus jedem Baumstumpf eine Figur und ich hatte Angst verrückt zu werden. Ich dachte an meine Mutter und hoffte auf das Beste.

Nur zu Hause verstand ich, wie gefährlich unsere Lage war. Mein Körper war in lauter Mückenstichen. erschöpft fiel ich auf mein Bett und schlief bis in die Puppen. Als ich am nächsten Tag wieder die Augen aufgemacht hatte, sagte die Mutter, dass ich mehr als 24 Stunden geschlafen habe. Seit dieser Zeit bin immer vorsichtig im Wald. Wenn ich meinen Mann aus der Sicht verliere, rufe ich nach ihm. Ihm gefällt es nicht. Er will im Wald seine Ruhe genießen. Manchmal aber fotografiert er mich).

Die stille Jagd ist überall in Komi verschieden. Im Norden fährt man mit dem Zug, um den richtigen Wald zu erreichen. Solche Züge nennt man oft „Pilzzug“.

Foto: Wladimir Tischenko – Pilzzug

In Vorkuta ist schon Tundra und Inta (meine Heimatstadt) steht auf dem sumpfigen Boden und es gibt dort keinen richtigen Wald. Einige Pilzjäger bleiben im Wald dann für einige Tage, sammeln Pilze und verarbeiten sie sofort am Ort, trocknen oder salzen sie.

Foto: Wladimir Tischenko

Foto: Wladimir Tischenko

Foto: Wladimir Tischenko – alles sieht so appetitlich aus!

Sie leben in einem Zelt oder in einer Jagdhütte, was in der Waldtundra viel besser ist. Im Norden werden hauptsächlich Rotkappen, Reizker und Birken-Milchlinge gesammelt.

Foto: Wladimir Tischenko

Foto: Dmitrij Tribunskij – eine reiche Ernte in der Tundra

In südlichen Gebieten ist die Pilzjagd wie ein Spaziergang. Weiße Kiefernwälder sind durchsichtig und das Jagdrevier wird deshalb oft durchgewandert. Hier sammelt man Steinpilze, Pfefferlinge, Wimpernmilchlinge – lauter „adelige“ Pilze. Oft trifft man unterwegs Leute und sagt einender „Hallo!“ und wünscht eine gute Jagd. Mein Schwiegervater fühlt sich im Wald wie zu Hause. Einmal haben wir für die deutschen Studenten (das war die Sommerschule 2013 in Syktywkar) einen Ausflug in den Wald gemacht. Sie wunderten sich sehr darüber, dass er ohne GPS im Wald läuft. Angelo fragte mich: „Ludmilla, wie kann es sein? Wir stiegen aus dem Auto aus, liefen etwa 2 Stunden im Wald herum, und stehen wieder vor dem Auto?“ Unsere deutschen Gäste waren vom weißen Kiefernwald einfach begeistert. Aus ihren Trophäen haben sie Pilzpfanne gemacht.

Foto: Christopher hat einen Pilz gefunden!

Foto: Unsere Sommerschule 2013

Mein Schwiegervater ist seit seiner Kindheit ein „Waldmensch“. Ich bin kein Waldmensch, aber ich fühle mich im Wald sehr wohl (neben meinem Mann natürlich). Diesen Urlaub habe ich in Komi verbracht, und wir waren fast jeden Tag im Wald. Und die Ernte ist in diesem Jahr sehr reich sowohl an Pilze als auch an Beeren. So viele Pilze habe ich noch nie in meinem Leben gesammelt.

Foto: Andrej Doronin – lauter Pfefferlinge

Foto: Nikolai Koltschurin – voll beladen

Foto: Sergej Martynov – wohin mit den Pilzen?

Einige fotografieren ihre Ernte und machen das sehr phantasievoll!

Foto: Irina Kalinina

Foto: Inna Koreiko

Foto: Ein Lieblingsfoto von mir)

Die Ernte muss aber noch verarbeitet werden. Was macht der stolze Pilzjäger zu Hause? Ruht sich aus, genießt die Trophäen und erntet damit Lorbeeren, erzählt in übertriebener Weise über die prächtigsten Exemplare? Ach, nein! Zu Hause beginnt die ganze Arbeit: Pilze putzen, schneiden, kochen, trocknen, marinieren, braten – je nach Geschmack. Ich koche die Pilze und lege sie dann ins Gefrierfach. Dann kann ich im Winter alles daraus zubereiten, was Herz und Magen begehren. Brotaufstrich aus Pilzen ist auch lecker, hier nennt man sie „Pilzkaviar“.

Foto: Eine Pfanne mit „Pilzkaviar“

Manche Pilze geraten an den Straβenrand und werden verkauft.

Foto: Andrej Kosinez

Einige haben einen Fotoset. Das ist eine sehr wunderschöne Serie von meiner Kollegin Tatjana Karlova.

Pilzästhetik!

Und hier das leckerste Foto – Piroggen mit Pilzfüllung! Greift zu, liebe Leser!

Die meisten Fotos stammen aus dem Sozialnetzwerk „Vkontakte“ (Die Gemeinschaft „Komi – Land der Pilze“).