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Rebhühner, Pilze und Auerhahn

… zum Glück kein Bär.

An diesem Wochenende war ich zum ersten Mal in meinem Leben auf der Jagd in der Wildnis. Die Jagd interessierte mich eigentlich nicht so sehr. Ich wollte im tiefen Walde Pilze sammeln, die Stille und frische Luft genießen und eine wichtige Frage lösen, was die Männer so jedesmal weit in den Wald treibt. Mein Mann und sein Freund (der Pate unseres älteren Sohnes) beginnen schon lange vor dem Beginn der Jagdsaison ihre Pläne zu besprechen. Und wir, ihre Frauen, scherzen immer, dass wir uns auch eine entsprechende Beschäftigung finden müssen.

Das Jagdrevier lag diesmal etwa 30 km von der Zivilisation entfernt. Für einen Europäer ist es keine Entfernung, denn Städte und Dörfer häufen sich ganz dicht nebeneinander. Hier aber trifft man kilometerlang keine Seele. In 30 km von der Autostraße herrscht schon die richtige Wildnis mit ihren Gesetzen, vor denen der Mensch eine große Achtung nehmen muss.

Allein die Fahrt mit dem Auto kann einem viel zu schaffen machen. An manchen Strecken holpert man so, dass der ganze Körper geschüttelt wird. Meistens aber kann man in teils versumpften Pfützen bis zu der Motorhaube einsinken. Doch mein Schwiegervater hat einen UAZ-469 (einen Geländewagen), oder, wie er selbst sagt, einen russischen Jeep, für den es keinen unerreichbaren Ort gäbe. Wir brauchen keine Angst zu haben.

Eine Stunde anstrengender Fahrt und man ist mitten in der Natur am Waldflüsschen, wo eine kleine Jagdhütte steht.

Was hat eine typische Jagdhütte an sich? Wie ich verstanden habe – überhaupt keine Bequemlichkeiten. Es gibt keinen Strom, nur einen kleinen Ofen, einen Tisch und eine lange Bank – eine Art Hängeboden auf Pfählen in der Höhe von einem Meter als Schlafplatz, wo etwa 6 Menschen übernachten können.

Und was hier wirklich fehlt… das ist die richtige Hausfrau. Das ungeschriebene Gesetz der Taiga besagt, dass man die Jagdhütte in Ordnung halten muss. So haben auch unsere Vorfahren gemacht, wenn sie monatelang auf der Jagd weit weg vom Haus waren. Sie hielten ihre Herberge in Ordnung in wahrer Ehrfurcht vor Taiga und mächtigen Waldgeistern, von denen ihr Leben, ihr Jägergeschick und die reiche Jagdbeute abhingen. Das erste, was mein Schwiegervater gemacht hat, bat er die Hütte um Erlaubnis, hier zu übernachten

Was ich aber beobachtet habe, war das reine Ausbeuten der Natur und ihres Reichtums. Mein Schwiegervater war auch sehr unzufrieden, sogar böse auf den Besitzer der Hütte und wollte mit ihm dann ernst sprechen. In der Regel muss die Hütte einen Besitzer haben. Und diese Person ist gewöhnlich den anderen Jägern gut bekannt. In der Hütte darf aber jeder übernachten, der auf die Jagd für mehrere Tage geht. Die Tür wird überhaupt nicht geschlossen und der Obdach Suchende ist immer willkommen. Hier steht ihm alles zur Verfügung: Holz für Feuer, Geschirr, etwas Proviant.

Wir fanden Geschirr und Besteck schmutzig, überall lagen Müll und leere Plastikflaschen. Nach etwas Aufräumen bereitete mein Schwiegervater auf dem Feuer das Abendbrot zu, das aus der Suppe mit Dosenfleisch, gekochten Eiern und Wurst bestand. Ja… und starke Getränke sollten auch nicht fehlen – Für den guten Schlaf – wie der Schwiegervater gesagt hat. Diesmal war es die Spezialität meines Mannes – die Vodka mit Meerrettich. Die hat auch mir geschmeckt.

Als der Wald allmählich in der Dunkelheit versank, stieg in mir starker Schauder auf… wenn die Hütte nicht geschlossen wird, so kann auch der Bär kommen, an der Tür klopfen: “Hallo! Gute Nacht!” (Ich verstehe jetzt, warum die Männer auf der Jagd Vodka trinken.) Ich habe dann mit allen Sinnen gespürt, was das ist – die stockdunkle Nacht und die vollkommene drückende Stille. Jedes Geräusch wird sofort einem Bären zugeschrieben… in der Tat ist es nur eine harmlose Maus. Doch man muss immer auf der Hut sein. Eben gestern habe ich in den Nachrichten gelesen, dass ein Fischer vom Bären angefallen wurde. Es war ihm gelungen, den Bärenkrallen zu entkommen, aber er starb im Krankenhaus an Blutverlust. Schrecklich!

Zum Glück hatten wir eine ruhige Nacht. Früh am Morgen, mit etwas dickem Kopf, ging der Schwiegervater fischen und die zwei jüngeren jagen. Ich versuchte am Fluss mit Fischerglück, aber keine Äsche wollte mir auf die Pfanne springen. Schade… Ich kehrte zur Hütte zurück, machte mir Tee auf dem Feuer und wartete auf die Männer. Vom Gesicht meines Mannes konnte ich ablesen – nichts. Unser Freund legte stolz vier Rebhühner auf den Tisch. Ja… Swetlana, seine Frau, wird sich bestimmt auf die Suppe aus Wild freuen. Mein Mann sagte, er höre den Vogelruf nicht, und hat sich fest vorgenommen zum Arzt zu gehen. Ich fand es etwas komisch, ersparte mir aber meine Ironie. Er war in so trübseliger Stimmung. Ich sagte, dann gehen wir auf die stille Jagd. Und wir machten uns auf den Weg in den weißen Kiefernwald Pilze sammeln. Dazu braucht man kein gutes Gehör)

Meine Pilztrophäen waren nicht so reich und ich machte einige besonders hübsche Exemplare zu Modellen für meine Fotos.

Nun mussten wir wieder nach Hause. Der Schwiegervater bedankte sich bei der Jagdhütte für ihre Gastfreundschaft. Ich dachte mit Schreck an die Rückfahrt. Bei jedem mächtigen Holpern machte ich die Augen zu. Plötzlich hielt das Auto. Stecken geblieben? Nein. “Zwei Auerhähne, ganz in der Nähe”, hörte ich den Schwiegervater sagen. Endlich erblickte ich den prächtigen Vogel. Mein Mann griff nach dem Gewehr. Der Schwiegervater sagte, man muss im Auto bleiben, um den Vogel nicht aufzuschrecken. Ein Schuss, und der Auerhahn brach tödlich betroffen zusammen. Ich sah, dass meinem Mann fast die Sinne stehen blieben. Ich war auch wie vom Blitz getroffen, weil alles so unerwartet kam. Es war mir sehr schade um den Vogel, weil er so schön und brav war. Aber ich verstand auch, dass mein Mann eine schnelle (und schwere) Entscheidung treffen musste, er hatte nur einen einzigen Schuss. Der Fehlschuss wäre für ihn eine Niederlage. Das war seine erste große Jagdbeute, denn bis jetzt habe ich nur Enten gesehen.

Die Frage, was die Männer so stark in den Wald treibt, blieb für mich ohne eindeutige Antwort. Da ich mich für Ethnografie und Geschichte des Volkes Komi interessiere, kann ich nur eins feststellen, dass unsere Vorfahren so stark an die Natur und Jagd gebunden waren, dass dieser Trieb geerbt wird und bei dem Generationswechsel fortbesteht.

Zu Hause habe ich das Fleisch im Backofen zubereitet. Eigentlich hat es mir nicht besonders geschmeckt. Der Auerhahn ernährt sich im Herbst von Preiselbeeren, Gräsern und Nadeln von Kiefer, Fichte und Tanne. So hat das Fleisch etwas säeuerlichen Geschmack und riecht nicht besonders angenehm (für meine Nase). Aber es ist zart und fettarm.

Nach unserem gemeinsamen Abendessen wandte ich mich an meinen Mann mit den Worten: “Nächstes Mal bring bitte wieder Enten oder Rebhühner.”

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