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Johannistag auf komi

Am 7.Juli feiern die Komi Iwan Lun (Tag Johannes des Täufers), die Russen den Iwan-Kupala-Tag. Besonders viele Bräuche werden in der Nacht zum 7.Juli begangen.

Ich bin keine Ausnahme. Dieses Fest kenne ich aus meiner Kindheit, wo ich die Ferien in der Ukraine verbrachte. Als kleine Kinder waren wir von diesem Fest begeistert. Wir gingen auf die Wiese, sammelten Blumen und Kräuter und flochten daraus Kränze. Am Abend machte man ein großes Feuer und wir sprangen über die Glut. Damals machten wir uns darüber keine Gedanken, welche mystische Bedeutung das alles hatte. Für uns war es ein schönes Sommerfest. Meine Großmutter hielt sich aber an diese Bräuche. Sie warnte uns immer, man darf an diesem Tag nicht baden, eine Wassernixe nimmt dich sonst in die Tiefe des Flusses.

Ich kann mich auch daran erinnern, dass die Großmutter alle meine Kränze im Dachraum aufhing. Sie hingen dort die ganze Zeit, bis ich erwachsen wurde. Das sollte mich vor Unglück und Krankheiten schützen. Vielleicht deshalb war ich als Schülerin niemals krank))).

In meinem erwachsenen Leben gab es keine Gelegenheit, dieses Fest zu feiern. Aber ich sehnte mich nach diesem Brauch, denn er war die schönste Erinnerung an meine Kindheit. So habe ich vor kurzem ganz zufällig eine Wochenendtour entdeckt, die eine wunderschöne Ethno-Erholung mit Iwan-Lun-Bräuchen anzubieten hatte. Ich war höchst überrascht und habe mir festgenommen, dabei zu sein.

Der Ort war sehr schön: ein gemütliches Ferienhaus im ländlichen Stil, ein Teich zum Bootsfahren, eine Banja, wo man nach dem heißen Dampfbad ins kühle Wasser des Teiches tauchen konnte – ein Traum für den verwöhnten Stadtbewohner.

Das Programm war sehr reich, aber die Zeit zu knapp – nur die Nacht. So habe ich überhaupt nicht geschlafen, obwohl die anderen schon ganz schnell müde waren. Für mich sollte es ein richtiges Fest bedeuten, wie in meiner Kindheit.

Am Abend gingen wir auf die Wiese und sammelten Blumen. Wie duftend war die Wiese!!! Allein das Aroma machte uns glücklich.

Bester Laune machten wir uns auf das Kranzflechten. Dabei hatten wir weiße lange Hemde. Ich trug die Wyschywanka, die ich von meiner Großmutter bekommen habe, und diese von ihrer Großmutter – über 200 Jahre ist sie alt!!! Die Wyschywanka ist ein ukrainisches Hemd mit Stickmustern. So fühlte ich mich den Traditionen meiner Vorfahren fest angebunden.

Als die Blumenkränze fertig waren, gab es ein lustiges Programm mit Spielen. Aber alle warteten mit Ungeduld auf das Feuer. Um Mitternacht war das Feuer fertig und alle standen Schlange, um über das Feuer zu springen. Dieser Bruch soll die Seele der Menschen von allen ihren Sünden reinigen.

Nachdem Feuerspringen warfen die Frauen ihre Kränze in den Teich. Alle Kränze blieben auf der Wasseroberfläche. Das war ein gutes Zeichen! Mir war es schade, meinen prächtigen Blumenkranz zu werfen. Aber ich habe alles nach dem Brauch gemacht.

Danach waren alle müde und suchten sich ein Bett. Ich nahm einen Angelstock, ein bisschen Brot und setzte mich ans Ufer des Teiches. Von Zeit zu Zeit hatte es angebissen und schon lagen im Eimer ein paar üppige Fischlein. So saß ich bis zu 5 Uhr und beobachtete, wie malerisch der Nebel über dem Teich liegt, wie die Sonne aufgeht, und wie die Möwen auf Fische jagen.

Vom langen Sitzen wurde es mir sehr kalt und ich ging in die Banja. Doch ich wagte mich nicht in den Teich zu tauchen, wie es die anderen gemacht haben, denn es war ziemlich kalt. In diesem Sommer will sich das Wetter uns leider nicht verwöhnen.

Tief beeindruckt fuhr ich nach Hause, als ob ich für einen Tag wieder in meiner ukrainischen Kindheit wäre!

Die Komi halten diesen Tag für ein wichtiges Fest, doch sie haben ihn am 24.Juni nach dem alten Kalender gefeiert. An diesem Tag hat das Wasser eine besondere Heilkraft. Das Hauptattribut dieses Tages ist deshalb die Banja, in der ein Dampfbad mit neuen Birkenzweigenbesen genommen wird. Man glaubt, dass man die Seele und den Körper auf solche Weise reinigen kann. Bis zu diesem Tag war es verboten, die Besen herbeizuschaffen. Nebenbei bemerkt, werden heutzutage Birkenzweigenbesen für die Banja auch im Juni gemacht, dann werden sie den ganzen Winter gebraucht.

Die Banja am Vorabend des Festes ist besonders gesund. Wenn man Kinder badet, spricht man verschiedene Zaubersprüche für Gesundheit. Die Erwachsenen sind der Meinung, dass der Birkenzweig an diesem Tag den Schmutz aus dem Körper hinausjagt. Er saugt den ganzen Schmutz ein und wird deshalb selbst schmutzig und nicht mehr brauchbar. So wird er sofort nach dem Dampfbad auf das Dach der Banja geworfen. Die anderen befestigen ihn auf dem Pflock. Man hing auch Birkenzweige auf Spitzen des Zauns aus und beobachtete, wurden die Birkenzweige schwarz, war es ein schlechtes Zeichen.

Die Feier fand früher auf Wiesen statt. Die festlich gekleideten Jungen und Mädchen gingen dorthin ein wunderbares Blümchen sammeln- Kupalniza (Trollblume).

Diese Blume ist das Symbol dieses Tages und gleichzeitig der Jugend und Blüte. Außerdem legte man die Kupalniza-Blumen ins Waschbecken, um selbst gesund zu bleiben, oder in den Kuhstall, damit die Kühe viel Milch geben. Außer der Kupalniza pflückten die Jugendlichen andere Blumen. Man trocknete sie und bewahrte bis zu dem nächsten Jahr. Die Jugendlichen sammelten Blumen und sangen Lieder.

In einigen Dörfern gab es den Brauch, über das Feuer zu springen. Dem Feuer wurde dabei eine besondere reinigende Kraft zugeschrieben. Die beliebteste Attraktion des Tages war eine Bootsfahrt mit dem angezündeten Feuer. Das Feuer wurde gerade im Boot angezündet. Nach allen Feierlichkeiten wurden die Kränze ins Wasser geworfen, dabei merkte man, bleibt der Kranz auf dem Wasser, ist das eine Zeichen für Freude und Hochzeit. Wenn nicht, dann kommt etwas Schlechtes.

In unserer Zeit sind praktisch alle Bräuche erhalten geblieben. An diesem Tag werden Heilkräuter gesammelt. Nicht umsonst sagt man im Volk: „Auf Wiesen gibt es Arzneien für jede Krankheit“, „trink einen Kräuteraufguss und deine Krankheit ist dann weg“. Man glaubt, dass an diesem Tag alle Kräuter eine besondere Zaubermacht haben. Aber nach dem Fest verlieren sie diese Macht.

In der Mitternacht gehen die Menschen zum Fluss, um zu baden oder sich zu waschen. Auf solche Weise können die Leute ihre Seele vor Sünden und schlechten Gedanken reinigen.

In Prilus’je hatte man die Sitte, sich auf dem Morgentau herumzuwälzen und dabei zu flüstern: „Der Morgentau ist von 70 Kräuter, deshalb sollen 70 Krankheiten verschwinden!»

Iwan Lun aus dem Jahre 2014 (organisiert vom Reisebüro „Schuda olom“, Inga Usatschowa)