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Die Natur schmeckt im Frühling Birkensaft

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In diesem Frühling habe ich zum ersten Mal gesehen, wie der Birkensaft vom Baum tropft. Die zwanzigjährige Birke im Hof meiner Schwiegereltern beschenkt uns reichlich mit ihrem Lebenswasser. Die Birke hat ihre eigene Geschichte und ist der Familienbaum für drei Generationen. Der Vater meiner Schwiegermutter flochte Bündel aus Birkenzweigen für die Banja neben der Scheune. Als er gestorben war, wuchs an dem Platz, wo er immer zu sitzen pflegte, eine Birke zu einem mächtigen Baum.

Jedes Jahr füllt die Birke Behälter mit klarer Flüssigkeit, die etwas süβlich schmeckt. In diesem Jahr ist unsere Birke besonders ausgiebig.

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Mein Schwiegervater hat die Birkenrinde leicht angebohrt und drei kleine Röhrchen befestigt, durch welche der Saft abgezapfen wird.

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Ich komme von Zeit zu Zeit und koste an dem erfrischenden Getränk. Selbst die Natur gibt dieses Lebenswasser dem Menschen – der Birkensaft ist sehr gesund. Hier in Prilusije, einem Gebiet von Komi, nennt man ihn sdorow-wa – vom Wort sdorowje (Gesundheit). Im üblichen Teil der Republik Komi wird der Birkensaft sarawa genannt. Das war schon seit alten Zeiten das traditionelle Getränk der Komi. Man trinkt ihn pur, denn er wird nicht lange haltbar. Sonst entsteht durch Vergorung mit etwas Zucker ein säuerlich-süβes Getränk. Meine Schwiegermutter gibt etwas Weintrauben oder Trockenaprikosen zu. An einem sehr warmen Frühlingstag wie heute wird einem der Durst schnell gestillt.

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Die Birke spielte für die Komi-Heiden eine zentralle Rolle in der Verherung der Idolen. Es gibt eine Legende von der Launigen Birke (launig ist hier als böse und unbändig zu verstehen). Ein riesiger Baum war die Kultstätte von Komi-Zyränen an dem Fluss Wym und hatte eine magische Kraft. Um den Baum herum standen zahlreiche Idole. Die Heiden pflegten dort ihre Riten und beschenkten den Baum reichlich mit Rauchwaren. Selbst der Baum war mit bunten Bändern behängt.

Im 14. Jharhudert erschien im Komi-Land ein Missionär – Stefan von Perm (Bischof von Klein-Perm, 1547 heiligesprochen). Er wollte die Komi-Heiden zum Christentum bekehren. Um den Heiden die Kraft des christlichen Glaubens zu zeigen, wollte er die Launige Birke fällen. Ein Tag reichte nicht aus, um den Baum zu fällen. Während Stefan mit dem Axt den Baum schlug, schrie der Baum in entsätzlichen klaglichen Stimmen – “Du Stefan! Warum verjagst du uns? Das ist von alters her unser Zuhause!” Der Baum blutete mit bunten Strahlen. Aber Stefan war mit Gottes Hilfe erfüllt. Am nächsten Tag stand der Baum wieder da. Drei Tage brauchte Stefan, bis die Birke fiel. Er befahl Birkenholz und Idole zu verbrennen. Während sie brannten, hörte man Schreie und Jammergeheul. Die Birke wurde zu Asche.

An dem Platz, wo die Launige Birke wuchs, steht jetzt die Kirche zu Erzengel Michael.

Man‘-Pupu-Njor – sagenumwoben und geheimnisvoll

Die Riesen auf Wanderschaft

«Wenn man neben den Säulen steht, fühlt man, dass etwas Überirdisches einen Druck ausübt, und man fühlt sich auf einmal ganz winzig auf der Welt».   Wladimir Torlopov,2001-2010 Gouverneur der Republik Komi

 

Jahrtausende meißelte Künstler Natur im Geheimen sein Meisterstück. Sieben skurrile Felsgestalten thronen eindrucksvoll und uneinnehmbar auf dem flachen Plateau in einem verborgenen Winkel der Taiga. Das Naturwunder, das die Republik Komi vor kurzer Zeit überall in Russland bekannt machte, wartet nun auf seine Entdecker.

Die Säulen der Verwitterung, wie sie von den Wissenschaftlern genannt werden, erheben sich wie sieben Steinriesen auf dem Plateau Man‘-Pupu-Njor auf dem Territorium des Biosphärenreservats Petschora-Ilytsch im Uralgebirge. 1973 hat dieses steinerne Wunder den Status des Naturdenkmals bekommen. Aber, erst nachdem „Mansijskije Bolwany“ (die Götzen von Mansen) im Wettbewerb „Sieben Wunder Russlands“ gewonnen haben, ziehen sie die Aufmerksamkeit der Massenmedien und Touristen aus aller Welt auf sich.

Das Plateau gehört zu den Resten der einst zusammenhängenden Gebirgskette, die sich hier vor etwa 200 Millionen Jahren erstreckte. Im Laufe der Zeit waren Wind, Niederschläge und Temperaturenwechsel an der Formung der wildromantischen Erosionsberge mit ihren malerisch-bizarren Felslandschaften beteiligt. Die vereinzelt stehenden Bergreste erreichen die Höhe von etwa 30-40m und stehen wie Soldaten Spalier. Je nach Phantasie und Vorstellungskraft des Betrachters erkennt man in den Steingötzen eine betende Frau, ein Kamel, einen Löwen oder sogar eine Sphinx. Nicht umsonst werden die Götzen mit dem Stonehenge verglichen. Das Stonehenge des Urals ist mit zahlreichen Mythen und Legenden umwoben. Seit uralten Zeiten steht dieser geheimnisvolle Ort im Mittelpunkt der mythologischen Vorstellungen der Uralvölker über die Macht der Natur. Er gilt als die heilige Kultusstelle der Mansen, für welche die steinernen Götzen Riesen, Schamanen und Idolen verkörpern.

Nach einer Legende waren diese sieben Steine einmal Riesen. Sie wanderten nach Sibirien, um das Volk der Wogulen (Mansen) zu vernichten. Als sie das Plateau bestiegen hatten, sah der Schamane den heiligen Berg der Wogulen Jalping-Njor vor sich. Er war von Entsetzen gelähmt und warf seine Schamanentrommel auf den Boden. In diesem Moment wurden der Schamane und andere Riesen zu Stein und die Trommel wuchs zu einem großen Berg, der heute den Namen Koipel trägt (aus der Sprache der Mansen „Trommel“).

Eine andere Legende berichtet über sieben mächtige Riesen, die einen kleinen Stamm der Mansen verfolgten. Beinahe hätten sie den Stamm am Bergrücken des Urals erreicht, als ein kleiner Mansen-Schamane mit dem leichenweißen Gesicht ihnen den Weg versperrt hatte. Der Schamane verwandelte die Riesen in Steine. Seit dieser Zeit musste jeder Schamane diesen heiligen Ort besuchen, um hier seine Kraft zu schöpfen. Auf diese Weise wurden die steinernen Götzen verehrt und es war streng verboten das Plateau Man‘-Pupu-Njor zu besteigen.

Die nächste Legende ist mit dem Hauptidol der Uralvölker verbunden, mit Sarni An‘ (aus der Sprache der Komi das Goldene Weib). Es war einst das mächtigste Frauenidol des Nordens – ein riesiges goldenes Weib mit einer donnerähnlichen entsetzlichen Stimme, die alles Lebendige umher töten konnte. Die Mansen erzählen, dass der Berg Koip eine versteinerte grässliche Schamanenfrau ist. Sie meinte Herrin des Urals zu sein und fasste den Mut, Sarni An‘, die den Uralbergrücken überschreiten wollte, den Weg zu versperren. Schrecklich donnerte die Stimme des goldenen Frauenidols. Die überhebliche Schamanenfrau fiel rücklings nieder und versteinerte.

Die vierte Legende kommt auch nicht zu kurz. Tief im Herzen der Taiga lebte ein mächtiger Stamm der Mansen. Die Männer waren so stark, dass sie im Zweikampf den Bären erlegen und den laufenden Hirsch einholen konnten. Im Tschum gab es immer viele Häute und Pelze, aus denen die Frauen schöne Pelzkleider nähten. Die guten Geister, die den heiligen Berg Jalping-Njоr bewohnten, halfen den Mansen. Ein weiser Häuptling Kuuschai stand an der Spitze des Stammes. Er hatte die Tochter Aim und den Sohn Pygrytschum. Die Schönheit Aims war weit über den Uralrücken hinaus bekannt. Sie war schlank wie eine Kiefer im dichten Wald und sang so schön, dass sogar Hirsche aus dem Tal von Ydshyd-Ljag auf ihr Gesang herbeiliefen.

Der Riese Torev (Bär) hörte über die Schönheit des Mädchens und forderte Kuuschai auf, ihm Aim zur Frau zu geben. Aim lachte Torev aus. Vor maßloser Wut sammelte er seine Brüder zum Heer und machte sich auf den Weg zum Berg Torre-Porre-Is, um Aim gefangen zu nehmen. Als Pygrytschum mit anderen Männern des Stammes auf der Jagd war, standen die Riesen bereits vor den Toren der steinernen Stadt. Es wurde den ganzen Tag gekämpft.

Aim bestieg den höchsten Turm des Schlosses, rief nach Pygrytschum und bat gute Geister um Hilfe. In diesem Moment blitzte und donnerte es, schwarze Wolken überzogen die ganze Stadt. Torev war außer sich vor Wut und zertrümmerte das kristallene Schloss mit seiner Streitkeule. Der Wind fing die Scherben auf und wehte sie auseinander (seit dieser Zeit lagert sich Bergkristall im Schoß des Uralgebirges).

Aim war es gelungen, in die Berge zu fliehen, doch Torev hatte sie erreicht.Fast hätte er sie gefasst, als Pygrytschum mit einem blanken Schild und einem scharfen Schwert, die ihm die Geister gegeben hatten, Torev überfiel. Die Sonne spiegelte sich auf dem Schild ab und ein Strahlenbündel schlug dem Riesen in die Augen so stark, dass er seine Schamanentrommel fallen ließ. Die Brüder Riesen beobachteten voll Schrecken, wie Torev und seine Trommel zu Stein wurden. In Panik liefen sie weg, aber sie wurden wie Torev vom Strahlenbündel überrascht. Jahrtausende sind vergangen, aber die Brüder stehen wie angewurzelt auf dem Plateau Man‘-Pupu-Njor, und nicht weit davon erhebt sich die Schamanentrommel Torevs, der Berg Koip.