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Das Haus des Rentierzüchters ist wie ein Kuckucksnest

… ein Komi-Sprichwort.

Der Tschum ist ein traditionelles Wohnzelt, wo die Rentierzüchter an Sommer- und Winterweideplätzen in der Tundra leben. Er besteht aus einem Gerüst aus etwa 40 Holzstangen und wird mit Rentierfellen oder mit Stoff wie Schutzplane abgedeckt. Ursprünglich diente Birkenrinde zur Abdeckung des Gerüstes. Solche Tschums wurden im Sommer errichtet und waren kleiner als das Winterzelt. Birkenrinde wurde gerollt und im Laufe eines Tages im Kassel gekocht. Danach wurden einzelne Teile schichtweise aufeinander gelegt, so dass sie sich durchkreuzten. Sie wurden zu großen Tüchern genäht. Die weiche Birkenrinde war elastisch und widerstandsfähig gegen Austrocknen. Heutzutage wird die Birkenrinde nicht mehr verwendet.

Foto: Der Tschum aus Birkenrinde – ein Exponat im ethnographischen Museum der Republik Komi

Der Tschum ist leicht transportabel. Jedesmal, wenn die Rentierzüchter den Weideplatz wechseln, bauen sie ihn ab und transportieren auf den Narty-Schlitten (den Rentierschlitten) zu dem nächsten Weideplatz.

Foto: Die Narty

Der Tschum ist konusförmig, deshalb ist er gegen Schneesturm standfest, und der Schnee häuft sich nicht auf dem Konusdach. Gewöhnlich besteht der Gerüst aus 25-40 Holzstangen, die etwa 5m lang sind. Sie werden im Voraus beschaffen, wenn die Rentierherden noch in der Taiga auf Winterquartier sind. Für die Stangen gelten gerade Kiefernstämme. Sie werden angespitzt und beim Aufbau des Tschums in den Schnee oder in die Erde gesteckt. Je mehr Holzstangen, desto geräumiger ist der Tschum.

Zwei Abdeckungen werden mit dem Fell nach außen gespannt. Sie haben auf der oberen Kante kleine “Taschen”, mit denen sie auf den Gerüst hochgezogen werden. Außendecken werden gewöhnlich aus neuen Fellen genäht und die Felle  werden dabei leicht beschnitten. Für eine Decke braucht man etwa 40 Felle. Die Abdeckungen werden von den Tschumarbeiterinnen genäht. Die Tschumarbeiterin ist eine Frau, die im Tschum den Haushalt führt. Manchmal wohnen im Tschum zwei oder meherere Familien, so fertigt jede Frau Felldecken für ihren Teil des Tschums an.

Im Zentrum des Tschums steht immer ein Ofen. Er erwärmt den Raum. Auf dem Ofen wird auch das Essen zubereitet. Die Spitze des Konusdaches bleibt meist offen. Die Wärme steigt mit dem Rauch nach oben und auf solche Weise entsorgt man den Qualm. Die Wärme hält auch die Niederschläge an. Sie verdunsten bei hohen Temperaturen und gelangen nicht in den Innerraum. Im Sommer ist es schwer, den Ofen zu transportieren und dann wird kleines Feuer gemacht, das auch die Mücken verjagt.

Gegenüber dem Eingang hängt ein kleines Regal, die sogenannte Ehrenecke des Hauses. Ursprünglich wurden darauf verschiedene Schutzamulette und Schamanenzubehör gelegt. Seitdem sich das Christentum im Land der Komi verbreitet hat, stehen dort Ikonen oder die Sachen, die den Tschumbesitzern von großem Wert sind.

Im Tschum wohnen gewöhnlich zwei Familien. Im vorderen Teil des Tschums stehen zwei niedrige hölzerne Esstische. Jede Familie hat ihren eigenen Esstisch. Wenn gegessen wird, werden die Tische in die Mitte gerückt. Geschirr und die nötigen Haushaltsgeräte werden in Kisten oder Truhen aufbewahrt. Sie dienen manchmal als Stühle. Jede Tschumarbeiterin hat ihre eigene Kiste, wohin sie ihr Nähzeug legt.

Auf den beiden Seiten des Ofens werden einpaar Bretter gelegt. Das ist der Fußboden. Die andere Bodenfläche wird mit der Flechtmatte aus Birkenzweigen und Grashalmen bedeckt. Wenn darauf noch Rentierfelle gelegt werden, dient das als Bett. Am Morgen werden die Felle wieder zusammengerollt. Als die sogenannte Wand zwischen zwei Lebensräumen dient ein Bettvorhang, der das Familienleben der beiden Ehepaare in solch einem Zweiraumtschum abschirmt. Der Vorhang ist aus buntem großgeblumtem Kattun und das ist von großer Bedeutung. In der öden Tundra ist das Leben eintönig. Die Menschen brauchen Farbe. Die Bettwäsche sind deshalb auch bunt.

Die Fellbekleidung der Rentierzüchter – die Maliza – braucht eine besondere Pflege und muss getrocknet werden. Sie werden gewöhnlich vor dem Eingang auf einem Hacken gehängt. Die Maliza ist sehr warm, so dass man darin unter Umständen auch in der Tundra im Schnee übernachten kann. Die Kindermaliza ist besonders warm, so wird um die Gesundheit der Kinder gesorgt.

Sie wird auch auf eine besondere Weise genäht – aus doppelten Fellen und es gibt nur zwei “Öffnungen”, eine, um die Maliza anzuziehn, und die andere für das Gesicht. Die Kapuze muss direkt dem Kopf anpassen, so dass es keine gewölbte Stellen gibt. Nur die Augen, die Nase und der Mund bleiben unbeschützt. Man gelangt darin unter großen Schwierigkeiten und es fällt den Kindern doppelt so schwer, diese Fellbekleidung zu tragen, deshalb weinen die Kinder oft und machen das nun sehr ungern.

Fotos: Die deutschen Gaststudentinnen Swetlana und Sina erleben den Frauenalltag der Tschumarbeiterinnen.

Die Frauen- und Männermaliza unterscheiden sich auch voneinander. Die Frauen tragen sie bis zu dem Boden und die Männer etwas kürzer, bis zu den Knien. Dazu haben die Männer die hüftenhohen Pimy – genannt Toboki. Meisten wird die Maliza mit einem Schutzstoff bedeckt, um das Fell vor Niederschlägen zu schützen. Obwohl die Rentierzüchter die Tiere immer dabei haben, werden sie nur in Notfällen erschlagen. So lernt man die Dinge in der Tundra schätzen und auf eine besondere Weise aufbewahren.

Wenn der Weideplatz gewechselt werden muss (dieses Umherziehen nennen die Rentierzüchter ‘kaslanije’), haben die Tschumarbeiterinnen alle Hände voll zu tun. Das bedeutet, dass das ganze Hab und Gut eingepackt werden soll. Der Tschum wird abgebaut. Felle, Holzstangen und der übrige Hausgut, der Ofen und Bretter für den Fußboden werden auf die Narty gelegt. Wenn der Umzug lange dauert, wird Kaltverpflegung zubereitet.

Fotos:Wladimir Anufrijew

Gewöhnlich legen die Rentierzüchter 25-30km am Tage zurück. Im Sommer ziehen sie in die Tundra, im Winter kehren sie nach Hause zurück. Auch die Wahl des Platzes für den Tschum ist saisonbedingt. Aber eins wird streng verboten, und zwar, den Tschum nahe der Rentierzüchtergrabstelle aufzubauen. Dies ist ein besonderes Thema im Leben der Menschen in der Tundra. Wenn der Rentierzüchter stirbt (wegen des Unfalls oder aus anderen Gründen), wird er in der Tundra begraben. Die Leiche wird auf den weichen Tundra-Boden gelegt und mit Narty-Brettern und Fellen bedeckt. Mit der Zeit ensteht an diesem Platz ein kleiner Hügel, der mit Tundra-Vegetation bewachsen wird. Die Rentierzüchter versuchen auf Tundra-Aufmarschen diese “schlechten” Stellen zu vermeiden. Auch wenn die Grabstelle von einem Tier ausgeplündert wird, ist es ein schlechtes Zeichen.

Zurück zum Thema. Im Sommer wählt man offene hügelige Stellen nahe einem Fluss oder einem See. Im Winter sucht man eher nach einem windsicheren Versteck nahe dem Wald. In allen Fällen ist es wichtig, dass es neben dem Lager genug Rentierflechte gibt. Wenn die Rentierzüchter ihren Lager verlassen, bleibt der Platz immer sauber. Das Nomadenleben lehrt die Menschen umweltfreundlich sein, denn dieses Leben hängt von der Natur ab.

Bei dem Aufbau der Tschums werden alle betätigt. Zuerst “arbeiten” die Kinder tüchtig. Sie stampfen mit ihren Füßen den Schnee, bis man den festen Boden hat. Die Frauen packen das Gut aus und die Männer bauen den Tschum auf. Jeder einzelne hat seine eigene Aufgabe. Zuerst bestimmt man den Platz für den Ofen und erst danach werden die tragenden Stangen gestellt. Wenn die Konstruktion standfest ist, werden andere Stangen hinzugefügt. Bevor der Tschum mit Fellen aufgedeckt wird, wird der Innenraum mit allem Nötigen eingerichtet. Sonst werden der Ofen und Möbelstücke in die enge “Tür” nicht hineinpassen. Als Tür dient gewöhnlich eine herabhängende Felldecke.

Die Einrichtung des Tschums ist sehr einfach. Aus Möbel gibt es nur einen Tisch und einpaar niedrige Truhen, die auch als Bänke gebraucht werden können. In diesen Truhen werden Geschirr und Lebensmittel transportiert. Es gibt auch andere Sachen, die dem Rentierzüchter von großer Bedeutung und Brauchbarkeit sind. Dazu gehören zum Beispiel die Padko oder die Tutschu.

Die Padko – ist eine Tasche aus Rentierfell für Haushaltartikel, Kleidung, Beinbekleidung und Geschirr. Sie wird aus zwei dünnen halbovalen Stücken Rentierfell und Sämischleder genäht. Rentierfellstücke bilden die Breitenseiten der Tasche und Sämischleder wird für den oberen Teil der Tasche gebraucht. Die Padko wird mit einem Mosaikornament und bunten Bändern dekoriert. Die Tutschu – ist kleiner als die Padko-Tasche und dient für die Nähzeugaufbewahrung. Sie wird besonders reichlich mit Bändern und Lederstreifen verziert. An die Tutschu werden noch andere kleine Täschchen und ein Nadelkissen befestigt.

Im Winter toben in der Tundra Schneestürme und verwehen Wege und Pfade. Der eisige Wind schlägt ins Gesicht. Im Sommer werden Tier und Mensch von Myriaden blutsaugenden Stechmücken und Bremsen verfolgt. Das Nomadenleben, das die Rentierzüchter führen, bedeutet Verzicht auf Bequemlichkeiten und auch ständigen Widerstand unerträglichen Naturbedingungen. Doch jedes Jahr packen sie ihr Hab und Gut und begeben sich auf das größte Abenteuer ihres Lebens. Der Tschum ist die einzige sichere Stelle in der Tundra, wo man sich gemütlich und geborgen fühlt.

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