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Bald kommt der Groβe Tag

An diesem Sonntag  feiert man in Russland den sogenannten Weidensonntag (zu deutsch: Palmsonntag), den Beginn der Karwoche. Die Pascha (das russische orthodoxe Osterfest, lies zweisilbig: Pas-cha) fällt in diesem Jahr auf den 5.Mai, ziemlich spät also.

Unterwegs zur Kirche begegneten wir vielen Menschen, die sich nach dem frühen Gottesdienst (er beginnt gewöhnlich um 8 Uhr) mit geweihten Weidensträuchen nach Hause zurückkehrten. Wir konnten heute leider nicht zum Gottesdienst, aber wir gingen in die Kirche später, um Kerzen aufzustellen.

Im Gotteshaus gibt es vor jeder Ikone einen Kerzenständer, auf welchen man die angezündeten Kerzen aufstellt. Auf solche Weise gedenkt man der Vertorbenen oder bittet den entsprechenden Heiligen um Wohlergehen der Verwandten und Freunde. Ich beginne immer mit einer Gedenkkerze an meinen lieben Vater und meine Großeltern. Die anderen Kerzen gehören dem Hl.Nikolaus von Myra (man nennt ihn in Russland Nikolaus der Wundertäter), dem Hl.Pantaleon (er besitzt eine besondere Heilkraft), Xenija von St.Petersburg (Närrin in Christo) und der Hl.Matrona von Moskau.

Vor der Stefan-Kathedrale, dem wichtigsten Gotteshaus aller Orthodoxen im Komi-Land, verkaufte man Weidensträuche mit Weidenkätzchen. Der Konsum, auch wenn es sich um 25-30 Rubel für einen Weidenstrauch handelt, dringt in Bereiche des Glaubens, und das gefällt mir nicht.

Wenn ich in der Kirche bin, gebe ich mein Geld nur zum karitativen Zweck aus, z.B. für den Wiederaufbau einer Kirche. Heute habe ich zwei schön verzierte Eier gekauft, welche die Kinder der Kathedrale-Sonntagsschule angefertigt haben. Das Geld bekommt dann das Frauenkloster zur Kreuzaufrichrung im Dorf Kyltowo, und die Pateneltern meiner Söhne haben schöne Geschenke zur Pascha.

In der Kirche herrschte eine fröhliche und zugleich gehemnisvolle Atmosphäre. Der dunkle Raum wurde nur vom Kerzenlicht beleuchtet, die Menschen in ihren Gedanken vertieft, besinnlich betend, Gespräche im Flüsterton – eine besondere Atmosphäre, gießt tiefen Frieden in die Seele.

Auf dem Weg nach Hause machte ich noch einige Fotos. Das Wetter war heute nicht freundlich. Aber nach einem Volksglauben muss am Weidensonntag immer die Sonne scheinen. Sie guckte von Zeit zu Zeit aus den Wolken, doch der Nordwind war erbarmungslos.

Für die Komi war die Pascha das größte kirchliche Fest des Jahres. Ydshyd lun – der große Tag – so kann man den Namen des Festes aus dem Komi ins Deutsche übersetzen. Die Komi hielten sich sehr streng an die 40-tägige Fastenzeit. Keine Feierlichkeiten wurden zugelassen. Das Brauchtum belebte sich aufs Neue gerade am Weidensonntag, der zu den 12 Großen Festen der orthodoxen Kirche gehörte.

Das Brauchtum dreht sich um Weidenzweige. Die Komi brachten sie aus dem Wald und legten neben die Ikonen. Danach hat man sich gegenseitig mit den Weidenzweigen abgeschlagen. Das sollte Gesundheit bringen. Auch das Vieh wurde mit den Zweigen abgeschlagen. Die Zweige legte man ins Kornhaus. Sie sollten es vor dem Wind schützen.

Etwas mehr bekamen die Kinder von den “Schlägen”. Die Eltern sagten dabei: “Die Weide peitscht dich, ich peitsche nicht. Unten wird die Weide Wurzel schlagen, oben werden junge Blätter sprießen”.

Wir haben auch Weidenzweige nach Hause gebracht, doch zur “Schlägerei” kam es nicht. Die Zweigen wurden zum Modell für meine ersten Pascha-Fotos in diesem Jahr.

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