Monatsarchiv: Juli 2013

Sawalinka – wo auch die Seele singt

Foto: Das Sawalinka-Denkmal

Was ist eine Sawalinka? Ursprünglich war es eine Art der Anschüttung aus Erde, die die Außenwände des Bauernhauses umlaufend gemacht wurde. Sie sollte die unteren Teile der Blockwände vor  Frost und Feuchtigkeit schützen.

Die Sawalinka wird auch aus Brettern gemacht. In einem Abstand von 30-50cm von der Hauswand wird ein Gestell errichtet, dass beplankt wird. Den leeren Raum füllt man dabei mit Span, Heu, Schlake oder Erde. Danach wird die Oberfläche des Gestells mit Brettern so belegt, dass es auch eine bequeme Bank für die Hausbewohner entsteht. Früher setzten sich die Menschen auf die Sawalinka, besprachen ihre Neuigkeiten, die Ernte, das Wetter, erholten sich von der Arbeit und sangen Lieder. Es wurde lebhaft  geschwatzt.

Wenn ich im Dorf bin, mag ich sehr mich auf die Sawalinka setzen, Kräutertee trinken und die schöne Aussicht auf den ruhig fließenden Fluss genießen. Eine richtige Entspannung für die Seele.

Für die meisten Menschen in Russland ist die Sawalinka das Symbol  der ausgiebigen Feierlichkeiten (auf einem Volksfest), wo viel Tanzen und Singen angesagt werden.

“Sawalinka” heißt das Festival der russischen Volksmusik, dass jedes Jahr  in Wylgort, dem Rayonzentrum von Syktywdin,  stattfindet. Am Festival nehmen Sängergruppen aus dem russischen europäischen Norden teil, auch die finno-ugrischen Völker sind willkommen.

In diesem Jahr hatte die Sawalinka ihr 10.Jubiläum gefeiert. Der zentrale Platz von Wylgort wurde für einen Abend zum Schauplatz der russischen Kultur und Liederkunst.

Ich möchte meinen Lesern die Bilder zeigen, wo die breite russische Seele, die bunten Farben der Nationaltrachten und die stimmungsvolle Atmosphäre des Festes am deutlichsten zum Ausdruck kommen.

Foto: Die Gastgeber haben den Teilnehmern Filzschuhe (Walenki) geschenkt. In Wylgort gibt es eine Fabrik, wo die Walenki in verschiedenen Variationen gewalkt werden.

Foto: Diese Sängergruppe hat mir besonders gefallen. Sie haben phantastische Trachten!

Foto: Alle haben getanzt und Reigen geführt. Es war schwer, auf der Bank sitzen zu bleiben.

Foto: Stimmungsvolle Tänze haben den Zuschauern besonders viel Spaβ gemacht.

Die verschiedensten Nationaltrachten wurden liebevoll und auch stolz getragen und gezeigt.

Foto: In der Mitte – die nationale Frauentracht der Tschuwaschen, rechts – der Wepsen. Beide zählen sich zu den finno-ugrischen Völkern. Sie sahen besonders exotisch und auffallend auf der Veranstaltung aus und zogen auf sich die Aufmerksamkeit der Zuschauer und Fotografen (auch meine).

Ein Tor ins Märchen

… befindet sich im südlichsten Gebiet der Republik Komi, im Rayon Prilusje. Nahe dem Rayonzentrum Objatschewo verbirgt sich im Kiefernwald eine kleine Siedlung Oshin, wo einige Dorfbewohner ihre Datschas haben. Unter etwa drei Dutzend Häuschen, die einander wie ein Ei dem anderen gleichen, fällt ein Märchenhaus sofort ins Auge, insbesondere das Spitzengewebe seiner Fassaden.

Das Märchen erwartet den Besucher schon vor dem Tor. Ein Soldat mit der Kanone und ein Bärchen mit einem Fass voll mit Honig gefüllt überwachen das Grundstück.

Als wir ans Tor geklopft haben, dachten wir jetzt bellt der Hund. Wir haben tatsächlich einen erblickt – der war aus Holz.

Das war die erste Überrschung. Dann folgte eine nach der anderen. Der Besitzer des Grundstücks – Anatolij Rubzow – empfing uns im Hof und zeigte ein bisschen verlegen seinen Märchengarten.

Das Foto: Anatolij Rubzow – der Bastler mit den goldenen Händen

Er erzählte uns über jede Figur und ihre Vorgeschichte.  Wir erkannten die von der Kindheit bekannten Gestalten aus den russischen Märchen – den Smej Gorynytsch (den Slawischen Drachen), die Froschprinzessin, den Feuervogel, das Rübchen und natürlich die Baba Jaga – die russische Hexe.

Foto: Der dreiköpfige Drache

Foto: Die Froschprinzessin

Das Foto: Das Rübchen

Das Foto: Die Baba Jaga

Auch europäische Märchenfiguren fanden sich Seite an Seite: Pinocchio, der gestiefelte Kater, der Phönix. Wir beobachteten dieses Wunder aus Holz mit offenem Mund (und das ist keine Metapher).

Jede Figur hat etwas besonderes an sich – ihren eigenen Charakter, Gesichtsausdruck, manchmal auch eine merkwürdige Haltung. Meine Schwiegermutter sagte, alles habe hier seine Seele.

Das Foto: Das Mädchen mit dem Rentier (muss ich mich jetzt an das Märchen „Die Schneekönigin“ erinnern?).

Bevor der Meister etwas zu basteln beginnt, studiert er gründlich jedes Märchen. Vor einigen Jahren war er gezwungen wegen einer Krankheit sein Dasein im Rollstuhl zu führen. Er begann zu basteln. Das Gebastelte wurde liebevoll in verschiedensten Farben verziert. Ich meine, er wollte seine eigene Welt schaffen, wo er sich wohl fühlen konnte – eine Phantasiewelt.

Und das hat geholfen! Jetzt merkt man an ihm nicht, dass seine Beine vor kurzer Zeit gelähmt worden waren, nur vielleicht, dass er ein bisschen beim Gehen hinkt.

Anatolij macht alles mit und nach dem Gefühl – ein Mann, der nicht einmal Kunst und Baugeschichte studiert hat. Das Freilichtmuseum beherbert alles mögliche. Gestalten aus verschiedenen Epochen und Kulturen sind hier auf Schritt und Tritt zu treffen. Russische Kirchen in Miniatur stehen im Gras nahe dem Gemüsebeet.

Ein Tor mit Meeresmotiven führt in die afrikanische Welt.

Die Frau von Anatolij erholte sich vor einigen Jahren in Ägypten. Die Fotos mit Landschaften und Sehenswürdigkeiten Ägyptens haben Anatolij zum Schaffen inspiriert. So weiden auf dem Feld auch exotische Tiere.

Gebäude verdienen näheres Betrachten. Der Brunnen lädt freundlich den Durstigen ein, kaltes Wasser im Schatten zu trinken. Beim genaueren Hinsehen erkennt man Seeräuber, Schwäne, Undinen und Neptunfiguren.

In der Nähe sieht man einen Fischer, der den Fisch am Schwanz hält. Ist es ein Goldfisch aus dem Märchen von A.Puschkin, dass drei Wünsche erfüllen kann? Oder ist es ein Hecht, der dem Faulpelz Jemelja verhalf die Zarentochter zu heiraten zu einem reichen Zarewitsch zu werden? Vielleicht ist es auch ein geschickter Komi-Fischer.

Das Foto: Der Brunnen

Einige Schritte weiter steht eine Gartenlaube. Sie sieht nicht weniger einladend aus. Ich kann mir nur vorstellen, wie es angenehm ist, in der Abendkühle den Samowar zu heizen und Kräutertee zu trinken.

Die weißen durchsichtigen Gardinen bilden einen schönen Kontrast zu dem Spitzenschmuck aus Holz.

Das Haus sieht am schönsten aus.

Die hellen Farben, geschnitzte Details, Figürchen auf dem Dach machen das Haus zu dem Anziehungspunkt des Märchengartens. Und wieder steht ein Soldat an der Eingangstür, doch jetzt hat er zwei Gehilfen – den Tiger und den Löwen.

Das Haus hat mich am meisten beeindruckt. Ich dachte, ist es möglich in solch einer feinen Ausführung diese luftigen Muster aus Holz zu machen? Und die Farben! Ein richtiger Terem! Der Terem ist der alte russiche Typ der Wohnhäuser mit dem prachtvoll geschnitzten Holzschmuck! Ursprünglich war es das obere Geschoss eines Einfamilienhauses – ein Raum für die Frauen. Heutzutage gebraucht man das Wort “Terem” für ein prachtvolles Haus.

Der Meister Anatolij lächelt nur. Er hat immer alle Hände voll zu tun: schnitzen, verzieren, färben, renovieren, die Farbe erfrischen. Für den Besuch seines Museums nimmt er kein Geld. Die Eintrittskarte ist eine Dose Farbe (Braun ist immer gefragt). Wir haben zwei Dosen gekauft: Blau und Grün.

Jetzt, wenn ich den Beitrag mache, erinnere ich mich an diesen Besuch in allen Einzelheiten. Und es bleibt immer das Gefühl, dass ich für eine kurze Zeit in meine Kindheit zurückgekehrt bin.