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Bei der Schneekönigin zu Gast

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Der Frühling steht vor der Tür, doch der gröβte Teil der Republik Komi liegt noch unter dem Schnee. Aber, dass es so rätselhaft wie auf dem Foto sein kann, konnte ich mir nicht vorstellen. Eigentlich ist mir das Motiv gut bekannt. Wo habe ich das ähnliche Bild gesehen? Und jetzt können mir die deutschen Leser zustimmen – im Harz, dem Hexetreffpunkt. Dieses Foto wurde aber nicht im Harz gemacht, sondern im Nordural, nicht weit von der Stadt Vuktyl und diese Landschaft ist nicht weniger sagenumwoben wie der Harz. Der Fotograf Sergej Fomin hat die Bergtundra zu seinem Lieblingsmotiv gemacht. Nach seiner Genehmigung veröffentliche ich seine Fotos in diesem Beitrag.

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Die Landschaft, die auf den Fotos abgebildet ist, heiβt der Tima-Is-Bergrücken. Er liegt im Nationalpark „Jugyd Wa“ in der Nähe von der Gaspipeline „Sijanije Severa“ und ist somit gut zu erreichen. Das ist ein Gebirge (550m über dem Meeresspiegel) mit sanften Abhängen, das in klimatischer Hinsicht einzigartig ist. In der Republik Komi gibt es viele einzigartige Landschaften, darunter z.B. das Plateau Manpupunjor – die steinernen Götzen der Uralvölker (Säule der Verwitterung). Aber mit Schnee bedeckte verkümmerte Vegetation, hauptsächlich aus Tannen und Birken, weist ähnliche bizarre Formen auf, ist aber nicht verteinert, sondern im Firnschnee verkrammt.

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Was macht diese Region klimatisch einzigartig? Der Bergrücken liegt weit von dem Wasserscheidenmassiv des Nordurals und bildet eine natürliche Sperre für südwestliche Winde, die hier im Winter herrschen. Er fängt die ungeheure Wucht ihres Angriffes auf. Starke Winde und hohe Feuchtigkeit kleiden die Bäume in den Panzer aus Firnschnee. Sie beugen sich unter dem Gewicht der untragbaren Last und erstarren. Dabei entstehen die Formen, die je nach Phantasie des Betrachters verschiedenen Gestalten ähneln.

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Vom Bergrücken eröffnet sich von der östlichen Seite ein wunderschöner Blick auf die Berggipfel des Nordural und von der westlichen Seite auf die unüberschaubare Taiga der Petschora-Tiefebene.

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Einer der ungewöhnlichsten Berggipfel des Ural ist der Berg Telpos-Is (1619m). Er hat zwei Gipfel. Das ist der höchste Berg des Nordural. Er war seit den uralten Zeiten der heilige Berg der Nomaden. Die Nenzen und die Mansen nannten ihn „Frauenidol“, die Komi – „Nest der Winde“. Nach einem alten Glauben haust hier Woipel – Gott des Windes und der Kälte. Er mag keinen Lärm, deshalb versuchen die Rentierzüchter ihre Rentierschlitten besonders still zu führen, wenn sie am Berg vorbei fahren, und die Jäger machen keinen Lärm im Wald, sonst wird der Windgeist auf die Täter Schneesturm loslassen.

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Der Mythos ist dadurch zu erklären, dass der Berg Telpos-Is das klimabildende Gebirge ist, und es kann vorkommen, dass hier im heiβen Sommer Schneestürme entstehen.

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„Bei der Schneekönigin zu Gast“ – so heiβt die eintägige, 10km lange Schiroute, die im Nationalpark „Jugyd Wa“ den Touristen von Januar bis April angeboten wird. Der Ausflug in die sagenumwobene Landschaft passt sehr gut Familien mit Kindern ab 14 Jahre, also wenig erfahrenen Touristen. Jetzt steht diese Route auch in meiner Wunschliste der Orte in Komi, die ich unbedingt besuchen will.

Vielen Dank an Sergeij Fomin für seine Freundlichkeit und tolle Fotos!

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Der Säbel und sein Herr

Foto: Jewdokia Pystina

Sablja (zu deutsch: Säbel) ist eine der schönsten Spitzen des grauhaarigen Ural. Sie erreicht die Höhe von 1497 m und gehört mit anderen malerischen Bergen und Gebieten zum Nationalpark Jugyd Wa (zu komi: klares Wasser). Ihr Name ist eine Metapher, weil ihre 14 Spitzen einer scharf gezackten Säge gleichen.

Foto: Jewdokia Pystina

Foto: Maria Siwkiw (Quelle: http://www.mountain.ru/article/article_display1.php?article_id=1266)

Die Nenzen nennen diesen Berg Sauk-Pai, was so gut wie ein scharfer Stein bedeutet. Obwohl der Berg ziemlich schwer zu erreichen ist, gibt es immer wieder Touristen, die das alpine Profil des Gipfels bewundern möchten. Vielleicht deswegen wird der Ural oft die Alpen von Petschora genannt.

Foto: Maria Siwkiw – Die alpine Landschaft des Ural (Quelle: http://www.mountain.ru/article/article_display1.php?article_id=1266)

Hier herrscht Ruhe und lautlose steinerne Stille. Im Gegensatz dazu bekommt die Tundra zu den warmen Jahreszeiten ein farbenprächtiges Gewand aus Blumen, Gräsern, Pilzen und Laubbäumen. Werfen wir einen flüchtigen Blick auf das Schaffen der Künstlerin Natur – Ausläufe von kleinen rotköpfigen Pilzen, milchblaue Blaubeeren, purpurrote Vogelbeeren, honigorange Perlen der Moltebeeren, wolkenweiße Wollgräser, wohin das Auge reicht – doch die Schönheit der Tundra ist das zärtlich weiße Windröschen, das wie ein Teppich den Bergfuss bedeckt.

Der Säbelrücken ist eines der wenigen Gebieten des Urals, wo sich das wilde Rentier wie zu Hause fühlt. Aber auch dieses stolze Tier kann die steinerne Stille nicht zerstören. Nur Bäche rauschen und strömen rasch ins Tal, wenn der Schnee zu tauen beginnt. Eigentlich ist der Schnee nur am Ende des Sommers weg, denn er wird streng bewahrt – der Hofmann-Gletscher verbirgt sich unter Säbelspitzen und ganz unten ein See, in dessen azurn-blauen Spiegel man bei sonnigem Wetter Wolken sieht, die den Sablja-Berg umweben. Wenn die Sonne scheint, glitzert das blaue Eis. Der Gletscher hat die Länge von 1 km und die Breite von 500 m. Er gehört zu den ersten Gletschern, die im Gebiet des Ural entdeckt wurden.

Foto: Maria Siwkiw (Quelle: http://www.mountain.ru/article/article_display1.php?article_id=1266)

Wenn man sich dem Gletscher nähert, so hört man tausendstimmiges Pfeifen von Ochotona. Dieses lustige kleine Nagetier fühlt sich hier sehr wohl. Aber auch Bären und Elche hausen in der naheliegenden Laubtaiga.

Der Sablja-Berg gleicht einer Burg mit Türmen und muss auch seinen Herrn haben. Fast alle Gipfel des Ural sind von Sagen und Legenden umwoben. Sablja ist auch keine Ausnahme. Der Ethnologe B.Bessonow  schrieb 1909: „Sie haben hier ihren Rübezahl, den Sablja-Herrn. Er ist grausam und erscheint manchen kühnen Köpfen, die ihn zu sehen wagen, als eine fliegende, drehende Säule. Weh dem, der lacht und an ihn nicht glaubt. Der Sablja-Geist braucht Verehrung, sonst verschwindet der Arme im Abgrund“.