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Ust-Zilma. Die Gorka

Von alters her bezeichnet das Epitheton „krasnyj“ alles, was das russische Volk für schön, blühend, proper, hervorragend und erhaben hält. Damit mich meine deutschsprachigen Leser verstehen können, bedeutet das Wort „krasnyj“ heutzutage die Frabe „rot“. „Krasnyj“ wird in Verbindung mit einem Haus, Roggen, einem jungen Mädchen und auch einem Wort gebraucht werden. Auch der Platz im Herzen Moskaus ist „rot“. Die Bildkraft der russischen Sprache verstärkte mit diesem Begriff im Mittelalter das Verhalten der Russen zu der naiven und auch der erhabenen Schönheit. Als „krasnyj“ wurde die oberste  Gottheit der heidnischen Slawen bezeichnet – Jarilo (Sonne). Es gibt die Meinung, dass gerade ihm zu Ehren die Gorka von Ust-Zilma ihren Namen bekommen hatte – die Krasnaja Gorka.

Der 12.Juli (Petrustag), an dem das Fest gefeiert wird, ist im hohen Norden die Sommerspitze, seine Krönung, der Höhepunkt des Arbeitsjahres, denn gerade nach der Gorka begann die Heuernte. Die Heuernte war in diesem Fall das wichtigste Ereignis des Jahres, die Gewährleistung des Wohlstandes für den langen Winter. Dadurch erklärt sich das Wort „Gorka“ – der Höhepunkt, die Spitze. Es gibt auch eine andere, direkte, Bedeutung: Gorka ist ein Hügel. Stimmt, die Gorka wurde in der Mitte des 19.Jahrunderts auf einem Hügel am Ufer der Petschora gefeiert. Nach Ust-Zilma strömten mit ihren besten Waren Kaufleute aus Tschardyn, Wjatka, Mesen und Ust-Syssolsk. Das war die Zeit der Jahrmärkte. Der Rummel des Jahrmarkts zog die Menschen aus den nahe liegenden Dörfern. Es wurde ausgiebig gefeiert, mit Singen, Reigen und Tanzen. Heutzutage führt man die Gorka auf der sogenannten „Volkswiese“, einem Platz im Zentrum des Dorfes.

Wie interessant verflechten sich altertümliche und moderne Bedeutungen der Wörter miteinander, wie fest findet das moderne Leben der Ustziljoma den Anklang mit den Traditionen ihrer Vorfahren!

Foto: Wahrscheinlich die jüngste Gorka-Teilnehmerin!

Foto: Und hier wahrsheinlih die älteste.

Also, die Krasnaja Gorka – ein fesselndes, faszinierendes Spiel. Wer es einmal erlebt hat, wird noch lange unter dem Eindruck stehen. So wie ich!

Mein Tag begann früh, denn ich war sehr aufgeregt. Die Schwiegermutter meiner Gastgeberin sagte, dass sie mir das festliche Gewand für das Fest wählt. Es sollte bedeuten, dass ich eine alte Nationaltracht tragen werde. Schnell wurde die Truhe aufgemacht und ich sah die bunte Pracht. Praktisch in jeder Familie werden die Kleider für die Gorka sorgfältig aufbewahrt. Manche Kleidungsstücke sind mehr al 200 Jahre alt!!!

Es ist aber eine sehr schwere Aufgabe, die ganze „Garderobe“ zu beschreiben, aber ich versuche. Die Ustziljoma gebrauchten für die festliche Kleidung nur die besten Stoffe wie Rips, Brokat und Damast. Sie alle wurden früher nach Ust-Zima eingeführt, aus fernen Ländern, sogar aus England. Die Frauentracht besteht aus den „Ärmeln“, dem Sarafan, einem Gürtel, einer Schürze, der „Korotenjka“ und dem Plat.

Foto: Ein kleines Trachten-Abc

Das Brokathemd (die „Ärmel“) hat sehr breite Ärmel, die mit Zwickeln auf den Schultern geschmückt sind. Die Zwickelfarbe muss mit der Hemdfarbe kontrastieren. Das Hemd hat auch einen Stehkragen, der mit einem schmalen Besatzband aus Brokat dekoriert ist. Der untere Teil des Hemdes wird aus dem handgewobenen Stoff oder aus Kattun genäht.

Der Sarafan ist lang und etwas bauschig, denn er wird aus vier Stoffbahnen genäht: zwei vorne schräg zueinander, beiderseits noch einer in zwei Teilen (für jede Seite je ein keilförmiger Stoffteil), und der vierte für die Rückseite ist gerade und gefaltet. Der Sarafan hat zwei schmale Schultergurte, die von der Taille beginnen (ist etwas einem Rock ähnlich, nicht wie die üblichen russischen Sarafane).  Unten wird der Sarafan mit Franse geschmückt.

Auch die Schürze ist bauschig und gefaltet. Etwa 30cm bis zu dem unteren Rand gibt es Franse als Schmuck.

Die Korotenjka (Seelenwärmer) ist dem Sarafan ähnlich, doch viel kürzer (zu Russisch: korotkaja). Sie ist aus Brokat und wird mit Besatzband dekoriert. Sie wird auf dem Fest von jungen Mädchen und jungen verheirateten Frauen getragen. Die Schultergurte des Sarafans und der Korotenjka müssen aufeinanderliegen.

Das ganze Gewand muss gegürtet werden. Der Gürtel hat ein geometrisches Ornament, ist geflochten und spielt die Rolle eines Schutzamulettes.

Für die Kopfbedeckung gibt es mehrere Möglichkeiten. Die verheirateten Frauen tragen einen Plat (Tuch), der auf dem Kokoschnik gebunden wird. Der Kokoschnik gibt dem Plat eine Form. Er ist aus Stoff und wird mit zwei schmalen Bändern auf dem Hinterkopf befestigt. Dazu muss ich sagen, dass der Plat ziemlich hoch auf der Stirn gebunden sein muss. Die Stirn muss frei bleiben. Bei mir war es ein Problem, den Kokoschnik zu befestigen), bis die Schwiegermutter von Ksenja mir zwei kleine Hörnchen aus meinen Haaren gemacht hat. Es war so komisch, aber der Plat saß ganz fest und die Stirn war frei.

Foto: Der Kokoschnik

Der Plat ist ziemlich schwer, vielleicht deshalb er gibt der Figur eine bestimmte kerzengerade Haltung. Man hat deshalb den Eindruck, dass die Frauen von Ust-Zilma so selbstbewusst, etwas stolz und bedächtig sind. Das sind sie auch). Mit ihrem Schwebegang ziehen sie die Blicke auf sich, so graziös sind sie.

Foto: Der Plat nach jedem Geschmack.

Der Ripsplat wurde aus besonderem orientalischem Seidenstoff gemacht, in Blau-Orang, Grün-Rot oder Weiß-Rosa gehalten. Der Brokatplat ist etwas klein. Besonders teuer ist aber der konofatnyj Plat. Er wurde aus besonders dichtem Seidenstoff gemacht und mit Goldfäden bestickt. Leider kann ich das Wort „konofantyj“ nicht übersetzen. Vielleicht bezieht sich das auf die Qualität des Stoffes.

Junge Mädchen tragen den Chas – den Plat als Kopfband. Und für die Braut gibt es einen Powoinik, ein Hütlein aus altertümlichen Brokat mit Silber- und Goldfäden bestickt. Doch solche Kopfbedeckung habe ich nur bei Mädchen gesehen.

Foto: Ein Mädchen im Chas.

Foto: Ein Mädchen im Powoinik

Natürlich soll der Halsschmuck nicht fehlen. Das sind verschiedene Ketten. Früher trug man Silber- und Goldketten. Darauf wurde das massive Altgläubigerkreuz gehängt. Es wurde aber unter das Hemd versteckt und diente als Amulett. Außerdem werden heute noch große Broschen und Hemdknöpfe getragen.

Was die Männerkleidung angeht, so ist sie nicht so aufwendig). Die Männer tragen ein rotes Kossoworotka-Hemd, einen Gürtel, eine Hose und warme gestrickte Kniestrümpfe, die besonders festlich aussehen. Dazu gibt es noch einfache Schuhe aus Leder, „Sohlen“ genannt.

Foto: Der Mann in der Kossoworotka

Die Tracht von Ustziljoma ist eine heikle Angelegenheit, sie zu tragen – ist eine richtige Kunst. Hier kann vieles in Btracht gezogen werden – Stoff, Farbe, Größe, Alter und soziale Status der Frau. Einige Forscher meinen, dass die Gorka von Ust-Zilma nicht mit dem ersten Reigen beginnt, sondern zu Hause beim Anziehen. Ich hatte Glück gehabt und beobachtet, wie die Tracht angezogen wird.

Das Anziehen war für mich ziemlich anstrengend. In der Regel dauert es ein paar Stunden. Während Ksenjas Schwiegermutter an meinem Aussehen zauberte, erzählte sie mir über die Traditionen der Gorka und über die Nationaltracht. Ich fühlte mich, wie die Tochter eines Kaufmannes aus dem 19.Jahrhundert, die sich für die Brautschau schniegelt).

Glücklicherweise gab es die nötige Größe. Dann habe ich ein paar Schritte gemacht und es wurde mir klar, wie viel eine moderne Frau verliert, wenn sie heutzutage einen schmalen Rock oder eine Jeans trägt. Die Tracht gibt mehr Fraulichkeit, mehr Stolz, mehr Schönheit. Früher hat man in Russland eine schöne Frau mit einem Schwan verglichen, jetzt weiß ich warum. Wer eine solche Tracht trägt, vergisst von jeglicher alltäglichen Eile und Hektik. Ich habe mich gleich in eine andere Epoche versetzt.

SONY DSCFoto: Meine Gasgeberin Ksenja hilft ihrer Tohter Ewgenija.

Doch wir sollten uns beeilen, weil das Anziehen ziemlich lange gedauert hat. Wir kamen als der erste Reigen schon begonnen hat. Ich verpasste gerade den spektakulären Anfang der Gorka, den Zug, der weit von der Volkswiese beginnt. Die Gorka-Teilnehmer schreiten gemessen Ganges durch die Straßen dahin, singen Lieder und strömen dem Schauplatz des Festes zu. Wie die mächtige Petschora auf ihrem Lauf ihre Nebenflüsse sammelt, so sammelt die Menschenmenge mit jedem Haus mehrere Gorka-Sänger. Leider habe ich das nicht gesehen.

Langsam fließt der bunte Strom. Die Kleider rascheln und schimmern in Himmelblau, Rosa, Rot und Orange. Die bunten Trachtkapellen bewegen sich in bestimmten Reigenfiguren. Das schwere Leben der Bauern, wo sie säen, ernten, lieben, heiraten, Kinder erziehen – alles wird mit der Tanzsprache erklärt.

Die Gorka besteht aus zwei Teilen – Reigen und Tanzen. Man unterscheidet sechs Reigenfiguren. „Säulen“ symbolisieren die mächtige Petschora, wohin mehrere Flüsse münden.

Foto: Die Filgur „Säulen“

Die „Führleine“ widerspiegelt die Petschora, die sich auf ihrem Weg zum Weißen Meer schlängelt. Der „Flechtzaun“ zeugt davon, dass sich alles wiederholt und das Leben wie ein Gewebe ist. „Kreis“ und „Quadrat“ stehen für die Sonne. Zwei Reihen der Teilnehmer „Seite gegen Seite“ verkörpern Himmel und Erde, das Männliche und das Weibliche, und ihre Gegenüberstellung ist das Streben nach Vereinigung.

Foto: Die Figur „Seite gegen Seite“

Jede Figur wird von einem bestimmten Lied begleitet. Die Eingesessenen sagen, dass die Gorka diesen Figuren streng folgen soll, denn die geometrische Symbolik vereint den Menschen und das Universum zu einem Ganzen.

Der zweite Teil der Gorka wird in Tanzweise ausgeführt. Im Nu verschwindet die ruhige, eintönige Bedächtigkeit, die Gesichter werden lustiger und die Bewegungen schneller. Die gesamte Heiterkeit wirkt ansteckend und schon tanzen die Zuschauer ein bisschen mit. Die Ziehharmonika keucht und spielt wie besessen.

Müde aber glücklich verlassen die Gorka-Teilnehmer das Fest. Im Sonnenuntergang sind die Farben noch säftiger, die Gesichter gerötet. Die prachtvollen Trachten werden zu Hause sorgfältig in die Truhen gelegt, um in einem Jahr in vollem Glanz zu erstrahlen.

Seltsamerweise fühlte ich mich hier nicht fremd. Ich scherzte mit Ksenja, dass meine ukrainische Natur in jeder Tracht zu erkennen ist. Doch niemand hat was bemerkt). Nur einmal hat ein Mann mich gefragt, warum ich nicht tanze. Ich antwortete, dass ich hier zu Gast bin.

Foto: Nach der Gorka. Bin müde, aber glücklich!

Ich habe einen Koffer in Ust-Zilma. Ich weiß auch, dass ich dort immer willkommen bin. Vielen Dank an Ksenija und ihre Familie, die in diesem Jahr um ein Kind größer wurde, an Ksenjas Schwiegermutter, die mit mir ihre Schätze aus der Truhe geteilt hat, und an die ausgiebige Ust-Zima, die sich auf jeden Gast freut, und nicht nur während der Gorka!

Foto: Haben uns schön gemacht! Schnell zur Gorka! Die Familie von Ksenja und ihre Schwiegermutter.

I’ll be back! Bestimmt!

 

Ust-Zilma. An der Petschora brennen Familienfeuer

In der Nacht zum 12.Juli, an dem die Gorka geführt wird, versammelt sich das ganze Dorf am Ufer der Flusses und jede Familie (bzw.Familienstamm) zündet das Gedenkfeuer an.

Ustziljoma aus der ganzen Welt strömen in ihre Heimat immer wegen des Brauchs ihrer gestorbenen Verwandten zu gedenken. Das Ufer verwandelt sich in den Schauplatz der menschlichen Gefühlen, Emotionen und des allgemeinen Brauchrausches.

Auf dem Ufer wird dunstig von hunderten Feuerstellen. Praktisch alle Häuser in Ust-Zilma sind zu dieser Zeit leer. Alle Menschen schließen sich der Tradition an, die jahrhundertealt ist. Sie heißt die Petrowschtschina (Petrusfeier).

Am Fest wird das rituelle Essen zubereitet. Jede Familie organisiert sich den Feuerplatz, auch Tische und Stühle müssen nicht fehlen, weil es bis spät in die Nacht hinein gefeiert wird.

Es wird gegessen und gesungen. Aber ohne ein Gläschen Vodka (und noch ein und dann mehr … und mehr…) geht es nicht. Und dann ist das ganze Dorf eine große Verwandschaft, und es wird nicht mehr so festlich und vertraulich, wie vor einer Stunde (nun das ist meine Meinung).

Die rituelle Mahlzeit besteht immer aus Hirsebrei, einige sagen, dass auch die Fischsuppe tradtionell ist. (Mehr zum Brauch) Heutzutage kommt auch Schaschlyk auf den Tisch, weil die Familien ziemlich groß sind und auch jeder Bekannte willkommen ist.

Jedes Jahr findet das große Motorbootrennen vor der Petrusfeier statt. Das ist eine richtige Attraktion. An diesem Tag war es sehr kalt. Nach dieser Veranstaltung fand ich sehr gemütlich sich am Feuer zu wärmen (mit einem Gläschen… schwarzen Tee).

Ich war mit der Familie meiner Gastgeberin.

Alles hat auf mich einen großen Eindruck gemacht – besonders das Ausmaß der Freude und guter Laune. Der Brei schmeckte vorzüglich. Schaschlyk auch – das war mein Beitrag in die Familienmahlzeit. Meine Kleidung roch aber schrecklich, die Fotokamera war überfüllt und mein Kopf drehte sich von den Ereignissen des Tages Karussel.

Als der Grad der Betrunkenheit schon ziemlich überschritten war und das Ufer durch und durch verraucht, begaben wir uns nach Hause. Es war nicht mehr so interessant. Noch ein Blick auf die nächtliche Petschora.

Ust-Zilma. Ein Bummel durch das Dorf

Es ist schon wieder Zeit die Erinnerungen an Ust-Zilma zu erfrischen. Wie schon in früheren Beiträgen geschrieben wurde, ist es ein gemütliches Dorf. Die Hauptstraßen verlaufen parallel zum Fluss Petschora und, weil das Dorf hügelig liegt, ist es praktisch unmöglich, sich hier zu verlaufen.

Das Bild des Dorfes prägen üppige, kräftige Holzbauten. Es gibt ein- und zweistöckige Zweifamilienhäuser. Hauptsächlich teilen zwei Familien ein Haus in Hälften. So ist es viel besser zu überwintern. Winde sind hier sehr stark!

Manchmal sind das verwandte Menschen (Geschwister mit seinen Familien), die einem alten Familienstamm gehören. An manchen Häusern gibt es dazu Schilder mit der Information über die Familie und wie viele Jahre das Haus von dieser bewohnt wird.

Die Ustziljoma ehren ihre Vorfahren. Praktisch auf jedem Haus gibt es auch ein Schild mit dem Namen des Kriegsveteranen, der aus diesem Haus stammt. Oder wie auf dem Foto unten mit dem Namen einer Kolchosarbeiterin.

Ein Bummel durch das Dorf zeigt trotzdem ein mosaikartiges Bild. Jede Familie schmückt seine Hälfte des Hauses nach ihrem Geschmack und Vermögen. Manchmal sieht es ganz lustig aus.

Aber viel lustiger sehen halbierte Häuser, wenn die andere Hälfte aus irgendwelchen Gründen abgetragen ist.

Was noch ins Auge fällt, dass es fast in jedem Hof Fischerboote gibt. Wie Autos stehen sie oder lehnen sich an den Zaun geparkt.

Doch trotzdem ist es hier sehr malerisch.

Und man fühlt sich hier wohl.

Ust-Zilma. Die erste Bekanntschaft

Das war schon seit vielen Jahren mein Traum, das Dorf Ust-Zilma zur Zeit seines größten Festes – der Gorka von Ust-Zilma – zu besuchen. In diesem Jahr ist er endlich in Erfüllung gegangen. Lange wagte ich nicht, mich auf diese Reise nach dem Norden der Republik zu begeben, weil das Dorf ziemlich schwer zu erreichen ist. Wenn man das Geld sparen will, so fährt man mit dem Zug, dann mit dem Bus bis zu der Fähre, und dann an das andere Ufer der mächtigen Petschora. Ich habe mir diese Aufwände erspart und kaufte Flugtickets – eine Stunde und man ist an Ort und Stelle. Die Summe in 6000 Rubel für die Tickets war das Geschenk meines Mannes zum Geburtstag.

Während des Fluges konnte ich ein bisschen die Landschaften der Republik Komi beobachten, aber nur für die kurze Zeit, weil der Himmel belegt war. Das Bild, das ich gesehen habe, war atemberaubend! Besonders haben sich mir die blauen Bände der Flüsse eingeprägt, die sich in allen möglichen Vignettenbiegungen schlängelten.

Das Dorf aber lag in etwa düsterer Stimmung. Es war kalt und windig. Der Wind kann hier sehr heftig sein, weil Ust-Zilma an der Petschora liegt. Meine Gastgeberin – Ksenija (meine ehemalige Studentin und zur Zeit Deutschlehrerin und Schulleiterin an der hiesigen Schule) hat mich beruhigt, dass am Tage der Gorka (am 12.Juli) immer die Sonne scheint. Ksenjas Familie hat mich sehr freundlich empfangen und sorgte für mein Wohlfühlen. Die Tochter Shenja – ein sehr nettes Mädchen – war meine Fremdenführerin. Sie hat mir alles gezeigt und etwas aus der Geschichte erzählt. Später haben wir mit ihr viele Spaziergänge unternommen, weil ihre Mutter mit dem kleinen Sohn Slawik viel Zeit verbrachte.

Foto: Die Familie meiner Gastgeber in der nationalen Tracht der Ustziljoma

Ich habe erfahren, dass der Gründer des Dorfes ein Nowgoroder Iwaschka Dmitriew Lastka war. 1542 hat er die Zarenurkunde bekommen, dass ihm Teile des Petschora-Landes zur Nutzung übergeben wurden. Später kamen viele Nowgoroder Familien und auch die Bewohner der Becken der Flüsse Mesenj und Pinega nach Ust-Zilma ihr Gewerbeglück zu finden. Schon in der damaligen Zeit war die Petschora durch ihren roten Fisch, den Lachs, bekannt. Man hatte vierzehn Tonjas (die Tonja ist ein Archaismus aus der russischen Sprache und bedeutet die Stelle, die man gewerblich nutzt, um Fische zu fangen). Heute ist der Lachsfang nur dann möglich, wenn man seine „Tonja“ pachtet.  Dazu haben nicht alle die nötige Summe. Ich fand es auch sehr merkwürdig, dass im Laden mit dem Namen „Petschora-Fisch“ der norwegische Lachs verkauft wird. Die Ust-Zilmaer, richtiger wäre die Bevölkerung die Ustziljoma zu nennen, behaupten, dass der Petschora-Lachs viel zarter und fleischiger als ihr norwegischer „Artgenosse“ ist.

Foto: Die Petschora

Seit dem 17.Jahrhundert beginnt ein neues Kapitel in der Geschichte des Dorfes, als mehrere Altgläubige von der kirchlichen Nikon-Reform nach Ust-Zilma geflohen waren. Die Altgläubigen wurden unter Todesgefahr verfolgt und fanden Zuflucht in dem weiten Dickicht des Komi-Landes. Hier haben sie sich eingelebt und brachten ihr Glauben und Traditionen somit auch die Gorka den Urbewohnern bei. So kann man schlussfolgern, dass Ust-Zilma ein russisches Dorf ist. Hier wird kaum Komi gesprochen. Das Volk, das hier lebt, ist eine ethnische und kulturelle Mischung aus den nördlichen russischen Völkern. Sie haben sich von der nördlichen Komi-Bevölkerung (vor allem den Ishemzen) und Nenzen zurückgezogen und pflegen ihre Bräuche bis zur heutigen Zeit so, wie sie sich von mehreren Jahrhunderten in den Petschora-Boden eingewurzelt haben. Die Altgläubigen haben jetzt ihr eigenes Gotteshaus, wo auf altslawisch gebetet wird.

Die Völkerschaft, die jetzt in Ust-Zilma und Umgebung zu Hause ist, nennt sich Ustziljoma. Das sind sehr offene, gastfreundliche und bodenständige Menschen. Ihre Lebenskraft liegt in ihren Traditionen, die sie tadellos und demütig pflegen. Sie sind stolz auf ihre Gorka und freuen sich immer, wenn die Gäste aus der ganzen Welt nach Ust-Zilma kommen.

Foto: Slawik – der Sohn von Ksenija – versucht eine Partnerin für die Gorka zu finden.

Die Ustziljoma haben eine sehr interessante Mundart. Einige Dialektismen hören sich für das russische Ohr merkwürdig aber so nett auf die altrussische Art, wenn man versteht, wie sie gebildet werden. Schade, dass die deutsche Sprache diese philologischen Raffinessen nicht übergeben kann. Mir hat es aber den meisten Spaß gemacht, den Wortschatz von der Ustziljoma einzuüben.