Meister des Jahres 2018. Die ersten Eindrücke

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An manchen Tagen sind die Säle der Museen hier in Komi leer. Die Syktywkarer sind als Mueseumsbesucher nicht gerade eifrig und fleiβig, sie werden aber auch nicht oft mit sehenswürdigen Ausstellungen verwöhnt. Das Nationale Museum der Republik Komi hat trotzdem sehr viel Sehenswertes zu bieten. Besonders gefällt mir die ethnografische Abteilung, wo die Exponate aus dem Alltag der Komi und ihrer Vorfahren ausgestellt werden.

Von Zeit zu Zeit wird die Museumsszene durch kulturelle Veranstalltungen wiederaufgelebt. Und dann strömen die Besucher in die hellen Museumsräume, um durch das Schöne inspiriert und begeistert zu werden.

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Jedes Jahr im Frühling öffnet das Nationale Museum der Republik Komi ihre Türen für ganz besondere Künstler – Handwerkkünstler. Ihre Ausstellungsstücke sind jedem Republikeinwohner bekannt, denn sie schmücken manche Wohnung und machen unser Leben bunt und gemütlich – Teppichläufer mit geometrischen Ornamenten, Salzdosen aus Wurzelholz, Zuckerbehälter aus Birkenrinde und dazu noch mit dem Muster!, anmutige Stoffpuppen, verzierte Teller und Wandbilder aus Rentierfell oder in der Patchwork-Technik. Im Museum findet die jährliche Ausstellung „Meister des Jahres“ statt. Für die Besucher ist das ein farbenprächtiges Fest, für die Handwerker das wichtigste Wettbewerb, die Anerkennung ihrer Arbeit – wer wird wohl der Beste sein? Das wird von den kompetenten Fachleuten entschieden. Wir Laien können nur mit dem offenen Mund dastehen und die Gestaltungskraft bestaunen. Aber, wo der Laie staunt, wundert sich der Fachmann)))

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Ich habe mir lange überlegt, wie ich diesen Beitrag gestalten werden. Das ist wohl eine Herkulesaufgabe, in einem Beitrag alles zusammenzufassen. So habe ich beschlossen, dass ich darüber schreibe, was auf mich einen groβen Eindruck gemacht hat. Also die Perspektive eines Laien, meine Top-Liste! Die ist zwar lang und fällt nicht mit der „Rangliste“ der Gewinner zusammen. Doch mit der Zeit schreibe ich mehr zu den anderen Ausstellungsstücken.

Nummer 1. Wandbild „Mein Norden“ von Swetlana Owerina. Und das ist wirklich – Mein Norden – so, wie ich ihn seit meiner Kindheit kenne. In der Patchwork-Technik angefertigt zeigt die farbenreiche Mosaik die vertrauten Motive meiner Heimat zu jeder Jahreszeit und es wird sofort warm im Herzen.

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Das zentrale Bild stellt den Sonnenaufgang in der Waldtundra dar. Die weiβe Pracht ist noch im Schlaf. Aber sie ist gar nicht weiβ, sie ist kalt-blau. Die Sonne geht auf, aber sie wärmt nicht. Sie ist kalt-gelb. Doch ihr Licht verwandelt die Tundra in die glitzernde kristallene Decke, wo sich bizarr und wie verwirrt ausgestickt die Tannen erheben. Die Sonne ist im Winter ein seltener Gast, guckt nur für kurze Zeit aus dem belegten grauen Himmel und verschwindet wieder. Als ich noch Schülerin war, ging ich jeden Samstag im Winter in den Wald Schi laufen. Ich war früh am Morgen aus dem Haus und beobachtete den unsicheren Auftritt der Sonne auf dem niedrigen Himmelsrand. Das Bild der aufgehenden Sonne hat sich fest in meinem Gedächtnis eingeprägt.

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Wie auch der Sonnenuntergang. Diesmal nicht mehr kalt-gelb sondern feuerrot. Und das war ein Zeichen – der nächste Tag wird ebenso kalt und windig sein. Die Stadt teilte sich dabei in der Horizontale in zwei Teilen – die dunkle, wo sich die Menschen und Autos vor Frost krochen und die rote, die die oberen Stockwerke und Dächer der Häuser so grell färbte. Wie in der Mythologie der Komi – die obere Welt und die untere Welt. Ja… Die Fenster spiegelten sich glührot, sodass man Gefühl hatte – das Haus brennt.

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Und in der Nacht loderte die türkisblaue bis smaragdgrüne Flamme – Polarlichter. Sie schlängelten sich im sternenklaren Himmel, schillerten blau-grün und liefen weg in die Dunkle einer eiskalten Nacht.

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Diese Farbkontraste kommen mir erst jetzt klar, wenn ich schon über zwanzig Jahre in einer mehr menschenfreundlichen Umgebung wohne, im Süden der Republik. Aber sie prägen bis jetzt mein Weltbild. So ist unser Norden, rau und widersprüchlich, aber romantisch und von besonderer Anziehungskraft für die Menschen, die ihren Willen stärken wollen.

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Solche Gefühle überkamen mich, als ich dieses Wandbild gesehen habe. Bunte Stoffstücke sammelten sich zu einem Mix aus Kindererrinnerungen – Mein Norden!

Nummer 2. Wandbild „Mein Norden, dich lieb‘ ich!“ von Taissija Gulakowa. Wolle, feuchtes Walken.

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Als ich dieses Wandbild zum ersten Mal gesehen habe, wollte ich es sofort berühren. Der neue Kontrast hat mich beeindruckt – die weiche, nicht gesponnene Wolle und das einfache Motiv in Grau, dämmerig und kühl. Was ist auf dem Bild dargestellt? Ein kleines Komi-Dorf im Frühling oder im Herbst? Nur in diesen Jahreszeiten wird die Natur hier so stark vom Grau beherrscht. Doch die Streifen von zartem Blau im Himmel geben die Hoffnung – das sei der Frühling. Wahrscheinlich ein Abend. Die Kühle weht übers Dorf, der Regen rieselt – doch die Wolle ist weich und warm.

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Ich sehe hier auch viel Wasser. Das Dorf steht am Fluss. Das Eis geht bald auf und das kann für die Dorfeinwohner gefährlich sein. Die ausgefahrenen Straβen sind noch unter dem Schneematsch. Oder sind das keine Straβen – Bäche? Aus den Ufern getreten, treiben sie stürmisch das Tauwasser von den nahe liegenden Hügeln zum Fluss. Der Künstler steht oben auf dem Hügel und beobachtet das Bild. Oder bin ich das? Wie oft stehe ich so mit meiner Fotocamera und und beobachte das launische Element.

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Nummer 3. Wandbild „Der Baum des Lebens“ von Elena Lomonossowa. Der Lebensbaum ist ein bekannter Mythenmotiv bei vielen Völkern, ihre kosmische Ordnung der Welt. Was auf diesem Wandbild auffallend ist, dass die obere Welt in Form des Kopfes eines Rentiers dargestellt wird. Die breiten Hörner symbolisieren die Sonnenstrahlen. Ich finde die Ausführung sehr originell.

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Nummer 4. „Die Jagd“ von Gleb Lipatow. Holzschnitzerei. Die ist zwar ziemlich klein und verläuft sich zwischen anderen mehr auffallenden Ausstellungsstücken. Doch ihre Schönheit steckt in ihrer Bescheidenheit. Die Oberfläche ist glatt und man hat den Eindruck, dass die Figuren aus Marmor angefertigt sind. Doch das Motiv ist ganz schlicht für Marmorstein. Der Jäger hetzt den Hund auf ein Tier. Beide Figuren sind in Bewegung. Nach der entschlossenen Haltung des Jägers und danach, wie der Hund die Zähne fletscht, kann man annehmen, dass ihre Jagdbeute ein gefährliches Tier ist, vielleicht ein Bär.

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Nummer 5. „Korb für Beeren“ von Larissa Zwetkowa. Birkenrinde, Kiefernwurzeln, Hohlprägen. Ich habe mir nur einfach vorgestellt, wie schön rote Preiselbeeren in diesem Korb aussehen würden. Mit solch einem Korb wäre ich auch im Wald ganz modisch)))

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Nummer 6. „Der Glück bringende Vogel des Nordens“ von Skashutina Ekaterina. Suwel, Holzschnitzerei. Für diese Arbeit bekam die angehende Meisterin eine Sonderauszeichnung – „Lehrling des Meisters“, denn sie ist noch Studentin. Aber mit der Zukunft, denke ich! Ihre Arbeit ist eine Komposition aus drei Entenschalen. Die Ente, wie ich schon früher mehrmals geschrieben habe, ist die Urmutter der Welt in der Mythologie der Komi. Die Schalen in der Entenform haben die Väter ihren Töchtern als Aussteuer angefertigt. Nun hat Ekaterina ihren Aussteuer selbst gemacht))) Eine gute Partie!

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Nummer 7. „Die Bärenschale“ von Leonid Agejew. Suwel, Holzschnitzerei, Stemmentechnik. Was muss ich hier noch schreiben? Ein Kunstwerk!

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Und die Top-Liste schlieβen für heute zwei Puppen aus Bast – „Eheleute“ von Nina Makarowa. Was kann das Eheleben mit den Leuten nicht alles machen! 

Noch mehr Farben und Muster! Die Fortsetzung folgt…

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Сhristus ist auferstanden! Христос Воскресе!

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Nun wird auch in Russland das Osterfest gefeiert. In Komi ist das Fest mit Temperaturen zwischen -1°C und 1ºC, aber sonnig. Und das ist ein gutes Zeichen.

Mein Sohn hat schon früh am Morgen den Garten „beschnuppert“ und ein paar Eier gefunden. Das ist schon lange eine Tradition in unserer Familie. Ich verstehe, dass es kein russicher Osterbrauch ist, aber es bringt immer so viel Freude.

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Wir feiern das Osterfest im Elternhaus meines Mannes. Gestern haben wir ihnen geholfen Holz zu klaftern. Sie kaufen es jeden Frühling und Herbst.

Wladislaw war auch efrig dabei. So hat er die Eier gefunden, wo er gestern geholfen hat))

Heute wurden wir alle mit schönen Eiern und Kulitsch belohnt. Es hat lecker geschmeckt! Frohes Osterfest an alle, die es heute feiern! Christus ist auferstanden!

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Frohe Ostern!

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Meine lieben Leser!

Ich möchte euch vom ganzen Herzen „Frohe Ostern!“ wünschen! Ostern ist das schönste Frühlingsfest, das Fest der Nächstenliebe und des Friedens, was wir alle sehr in der letzten Zeit brauchen. Seid bitte mit Hoffnung erfüllt und findet die Zeit, einander etwas Schönes zu machen und den Bedürftigen zu helfen.

Bei mir waren die letzten zwei Wochen ziemlich stressig, so habe ich beschlossen ein bisschen Luft zu holen und „Tapeten zu wechseln“. Ich habe mich mit Meisterin Swetlana Agejewa für ein kleines Workshop in der Mesener Malerei verabredet und beschäftigte mich mehr als zwei Stunden mit dem Bemalen des Ostereis. Das könnt ihr auf dem Foto sehen, wo statt traditionellen Pferden Rentiere dargestellt werden. Ich mag sie sehr!

Swetlana ist Kindererzieherin und arbeitet im Kindergarten, doch sie widmet viel Zeit ihrem Hobby.

SONY DSCAuf dem Foto Swetlana Agejewa

Ich habe Swetlana vor einem Jahr kennen gelernt, eben auf einem Workshop im Museum. Seit dieser Zeit träumte ich von einem privaten Unterricht von ihr) Sie ist geduldig, wie jede Kindererzieherin sein muss))) und erklärt alle Einzelheiten von dieser Volkskunst. Sie deutet die Muster und ihre Symbolik in der Malerei. Das macht unsere Treffen sehr informativ. Unter anderem besprechen wir unsere tägliches Leben, wie es oft unter den Frauen der Brauch ist.

Die Arbeiten von Swetlana sehen immer sehr festlich aus, sind hübsch und anmutig. Am meisten reizt mich das Farbenspiel der Mesener Malerei – die Kombination von Schwarz und Rot.

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Besonders gefallen mir ein Kowsch mit Pferdekopf (zu deutsch: Trinkgefäβ) und der Schwan. Beide sind auf dem Foto unten. Aber sie wurden in einem anderen Stil bemalt, das auch zur Volkkunst des europäischen Norden Russlands gehört.

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Im Jahre 2016 hat Swetlana drei Tafeln ausgestellt. Das war im Wettbewerb der Handwerker „Meister des Jahres 2016“. Sie haben mir sehr gefallen, aber damals waren wir mit Swetlana noch nicht bekannt. Unter den typischen Motiven der Malerei – Pferden – sieht man auf den Tafeln Szenen aus dem Leben im Norden der Republik. Ihr seht auf den ersten zwei Rentiere im Streifen unten und im oberen Teil ein Rentiergespann und Jäger auf der Jagd in der Parma. So wiederspiegeln sich in den traditionellen Mustern die Bilder der Komi-Heimat.

Über die Mesener Malerei gibt es ziemlich viel Information im Internet (auch auf Deutsch), ich muss nur sagen, dass sie aus dem Gebiet von Archangelsk kommt. In der Republik Komi ist die Mesener Malerei im westlichen Rayon Udora verbeitet, der an der Mesen liegt (die Mesen ist der Nebefluss von der Norddwina). Und wenn ihr euch ein bisschen aufmerksamer die Bilder ansieht, könnt ihr die typischsten Muster bemerken.

Hier sind nun Fotos, die die Handwerkkunst der Mesener Malerei in der Republik Komi präsentieren. Meisterin Oksana Baklanowa (das Gebiet Udora):

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Und noch zwei hübsche Teller dazu:

Der Teller für Pfannkuchen von Wladimir Kisseljow (das Foto unten). Das verzierte Geschirr ist Appetit erregend!

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Zwei Täfelchen von Wladimir Kisseljow:

Sergej Doronin (Udora) hat die Mesener Motive auf seine Weise interpretiert. Das sieht nicht weniger schön aus! Soviel ich verstanden habe, ich Sergej Schüler und angehender Meister, aber er hat schon bestimmt Erfolg erzielt. Die Fotos unten:

Von allen diesen Bildern entsteht bei mir auf das Mehrfachste der Wunsch, mich mit der Mesener Malerei zu beschäftigen. Und das ist nicht deswegen, dass ich Meisterin werden will, nein, für mich ist das die beste Möglichkeit, den Alltagssorgen zu entfliehen und vom Berufsstress auszusteigen. Auch diesmal, als mein Pinsel über dem Ei eifrig krabbelte, so dass ich auch nicht aufatmen konnte, war mein Kopf völlig frei von allen Gedanken, die mich so lange belastet haben. Und dazu habe ich ein Geschenk zu Ostern mit eigenen Händen gemacht.

Mein Osterei hat zwei Seiten, kein Kunststück natürlich, aber ein kleiner Erfolg.

Während ich zwei Stunden wie ein Bienchen werkelte, meisterte Swetlana in zwanzig Minuten ein hübsches Ei und das war ein Bonus für meinen Fleiβ.

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Ich schenke das Ei der Tante meines Mannes. Es ist bei uns schon immer der Brauch, dass sich alle Beljajews bei ihr am russischen Osterfest versammeln, im Elternhaus meines Schwiegervaters, wo sie noch bis jetzt lebt. In diesem Jahr fällt das Osterfest in Russland auf den 28.April, also in einer Woche.

Frohe Ostern!

Der Komi drittes Brot

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und das ist der Kohl! Das ist das letzte Gemüse auf dem Feld, was in der Komi geerntet wird. Der erste Schnee bedeckt den Boden und Kohlköpfe stecken noch im Gemüsebeet, bis sie ganz knackig werden. Sie schmecken dann vorzüglich im Salat oder in der Salzlacke gesäuert, wie die Komi es seit alters her nach einer bestimmten Technologie machen. Darüber könnt ihr in meinem früheren Beitrag lesen (Kohl essen, statt Kohl reden). Diesmal geht es über das Fest der Kohlernte Tschomyr, das ich im Oktober im naheliegenden Gebiet von Syktyvkar besucht habe. „Tschomyr“ bedeutet eigentlich aus der Sprache der Komi das Ende der Feldarbeiten und gilt hier als Erntedankfest. Ja, ich verstehe, dass ich ein bisschen spät mit dem Beitarg bin, aber die Eindrücke sind noch ganz frisch und bunt. Also los!

dsc_9441Foto: Ewgenij Kasakow

In der kleinen Dorfsiedlung Womyn im Gebiet Kortkeross ist dieses Fest eine lange Tradition, aber in diesem Jahr waren zum ersten Mal die Touristen dabei, das heiβt, 10 Stadtbewohner, die am Wochenende raus aus ihrer gewohnten Welt fliehen wollten. Für mich war es eine ausgezeichnete Sache, das Angenehme mit dem Nützlichen zu verbinden. Ich bin immer bereit neue Eindrücke zu bekommen, besonders, wenn es um Sitten und Bräuche der Region geht.

Früh am Morgen fuhren wir los. Etwa zwei Stunden Fahrt und wir waren an Ort und Stelle. Womyn ist ein kleines Dorf am Ufer der Wytschegda, das etwa 670 Bewohner zählt. Man hat auf uns gewartet, denn das ganze Programm sollte rechtzeitig beginnen und wir hatten noch ein paar Attraktionen vor dem richtigen Feiern. Das waren ein Besuch in der Dorfbeckärei, wo das Brot im russischen Ofen gebacken wird, ein Besuch beim Meister, der viele nützliche Sachen für den Bauernalltag aus Blech macht, und ein Besuch bei der Meisterin in ihrer kleinen Weberei, wo sie ganz tolle Teppichläufer aus alten T-Shirts zaubert.

Der Meister mit seinem Blecharsenal) hat für uns auch den Tisch gedeckt – Pfannkuchen aus Kohl, gesalzene Gurken, Wareniki mit Kartoffelfüllung, hausgeräucherter Hecht und eine Flasche scharfen Pfefferwodka – im Dorf versteht man was von der Gastfreundlichkeit! Nun den Wodka trinke ich am Morgen nicht))) (wie halt überhaupt), aber zu hausgeräuchertem Hecht konnte ich nicht nein sagen. Der zerging einfach auf der Zunge! Der Meister ist auch ein geschickter Fischer, wie fast alle Männer im Dorf. Auf einem Foto könnt ihr einen Plastikkorb mit Löchern sehen, das ist eine Fischfalle – „Schnauze“, so wird sie genannt.

Von auβen ist die Dorfbäckerei ein altes unansehnliches Gebäude, auch das Innere ist nicht so sehr modernisiert, nur ein paar Maschinen für Teigkneten. Alles andere ist so, wie vor vielen Jahren. Und das Brot! Ja, das Brot ist so knusprig, üppig und fluffig, dass man es einfach auf einen Sitz essen kann, was wir alle sofort gemacht haben. Ein frisch gebackenes Brotlaib wurde von uns barbarisch in Stücke zerrissen und sofort verschluckt (wir haben nicht einmal gefrühstückt). Ich habe später zwei „Brotziegel“ für eine Familienmahlzeit gekauft und sie waren noch im Laufe der Woche ganz frisch und weich. So schmeckt mir das Brot in der Stadt seit dieser Zeit nicht so lecker)

Von der Bäckerei machten wir uns auf den Weg zur Weberin, aber nicht zu Fuβ sondern in einem Pferdegespann. So konnten wir uns ein bisschen im Dorf umsehen. Die Werkstatt war ganz klein. Fast den ganzen Platz nahm der alte Webstuhl aus Holz ein, auf den ist die Meisterin besonders stolz, denn sie hat ihn von seiner Groβmutter geerbt. Die Meisterin arbeitet in ihrer Wekstatt seit dem ersten Tag des Frühlings bis zum letzten Tag des Herbstes, denn der Raum wird nicht geheizt. Und wenn man sich vorstellt, dass es im Sommer im Dorf genug Arbeit gibt, so wundert man sich über den Sommeralltag der Frau. Das Schiffchen gleitet flink und so entstehen einfache Motive, die für die Komi-Webkunst kennzeichnet sind. Solche Teppichläufer sind in der Stadt sehr gefragt, weil sie sehr originell sind und der Wohnung eine nationale Note verleihen. Auβerdem ist der Fuβboden im Winter dadurch nicht sehr kalt.

Als wir von unserer Dorfrundfahrt zurück waren, sahen wir auf dem Platz vor dem Dorfclub dampfende Samovare und Kochkessel.

Foto: Ihr fragt, wozu liegen Zapfen im Korb? Damit werden die Samoware geheizt. Das gibt dem Tee ein einzigartiges Aroma. In der frischen, kühlen Luft ist der Tee aus dem Samowar ein richtiger Seelenwärmer. Aber es gab auch die anderen Seelenwärmer)) So zum Beispiel, der Sur – ein süβliches und sehr leckeres (muss ich gestehen) Maischengetränk. Als Ausgangsprodukt gebrauchen die Komi Weizen oder Roggen, dann ist der Sur besonders berauschend. Ansonsten kann das Alkoholgehalt bis zu 10 % betragen. Also, die beste Laune wurde auf dem Fest angesagt.

Der Sur wurde einfach so aus einer groβen Flasche eingeschänkt. Die Form der Flasche ist allen Russen aus der sowjetischen Zeit bekannt. Darin wurde der Samogon aufbewahrt. Die Flasche stand auf dem Tisch, und jeder, der durstig war und eine rote Nase vor Kälte bekommen hatte, konnte ihn probieren und weiter laufen. Der Sur wird im industiellen Umfang nicht hergestellt, so kann man ihn nur im Privathaushalt probieren oder zu ganz besonderen festlichen Anlässen. Ich muss sagen, ich war ein Stammgast an diesem Tischchen))) Davon zeugt auch ein gemeinsames Foto mit einer sehr netten Frau.

dsc_9310Das Foto: Ewgenij Kasakow.

Wie man sagt „Krieg ist Krieg und das Mittagessen muss rechtzeitig kommen“))) Also wurden wir zu einer schlichten Mahlzeit eingeladen. Auf dem Foto sieht man, woraus sie bestand. Ucha (die Fischsuppe aus Hecht) wurde im Eimer auf dem Feuer gekocht. Kartoffeln wurden im Schmortopf im russischen Ofen gebacken. Dazu gab es noch frischen Kohlsalat, hausgesalzene Gurken (die waren besonders köstlich) und süβe Moltebeeren – eine wahre Delikatesse!

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Nach dem Essen begann die Feier! In Kesseln brodelte das Wasser mit Kohl.

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Auf der Bühne wurde getanzt, gesungen und gescherzt.

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Und danach wurden Reigen geführt und auf eine spielerische Weise wählte man Mannschaften aus Zuschauern. Wozu? Für eine „Kohlschlacht“!

Foto rechts unten: Ewgenij Kasakow.

Jeder hat ein Instrument bekommen und das andere nötige Zubehör. Ich war auch keine Ausnahme). Auf dem Foto seht ihr die Instrumente, mit welchen Kohl ganz fein zerhackt wird, in erster Linie für Einsäuern.

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Die Schlacht begann. Die Kohlköpfe wurden zu einem Salat hingerichtet))). Ich war sehr eifrig dabei.

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Auf der Slideshow könnt ihr die Kleinigkeiten sehen.

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Während die einigen frischen Kohlsalat zubereiteten, sorgten die anderen für eine warme Kohlmahlzeit. Den Kohl „löffelte“ man aus den Kesseln und servierte mit Pflanzenöl, Dill und Petersilie auf dem Plastiktellerchen.

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Auch für die fleiβige Fotografin wurde etwas abgefallen (bin ich richtig mit dem Ausdruck?)). Und es hat himmlisch geschmeckt!

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Auf dem Fest drehte sich alles um den Kohl – eine richtige Kohlästhetik!

Von viel Luft, Essen und Sur wurden wir, die Touristen, total begeistert. Aber das war nicht das Ende! Wir wurden in den Club zu einem Konzert eingeladen. Und die ganze Schar von angeheiterten Zuschauern strömte in den Club. Die Tische im Vorraum bogen sich unter den Produkten der hiesigen Farmer (wie sie in Russland genannt werden). Milch frisch von Kuh, Quark, Käse, Trinksahne, Butter – alles wurde in wenigen Minuten von uns gekauft. Der Preis überraschte – fast doppelt so wenig wie in der Stadt. Und für Bio-Produkte aus der Landwirtschaft wird in der Stadt ein Heidengeld gezahlt. So habe ich Käse, Quark und Trinksahne gekauft. An demselben Abend blieb davon zu Hause nichts übrig. Meine Männer haben tüchtig genascht). Ich habe mir die Trinksahne unter den Nagel gerissen))). Es war ein Hochgenuss, von Zeit zu Zeit die leckere Flüβigkeit aus dem Fläschchen einfach so zu schlürfen. Vergeblich suchte ich später in Bioläden den ähnlichen Geschmack.

SONY DSCFoto: Milch kaufbereit.

Der Zuschauerraum des Clubs war voll und das Konzert war super! Obwohl es meistens auf Komi gesprochen und gesungen wurde, war das russischsprachige Publikum sehr dankbar.

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Auf der Rückfahrt habe ich mir ernst überlegt, wir schön es wäre, im Dorf zu leben – frische Luft, Natur, Bio-Produkte und offene Menschen. Aber ehrlich gesagt, kostet diese Idylle auch manchem arbeitsamen Menschen viel Kräfte. Im Dorf gibt es heutzutage sehr wenig Arbeitsplätze und die Löhne sind niedrig. Ohne einen Bauernhof mit Nutztieren und Gemüsebeeten wäre das Leben im Dorf noch schwieriger. So haben fast alle einen kleinen Bauernhaushalt und haben dadurch noch etwas mehr zu essen. Umso mehr wundert man sich, wie diese Menschen feiern können! Ohne Umstände, in bescheidenen Volkstrachten freuen sie sich auf jede Gelegenheit, den monotonen, schweren Alltag bunt zu machen und die anderen mit ihrer Glückseligkeit anzustecken.

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Die Lapti aus Kohlblättern (eigentlich russische Schuhe aus Bast oder Birkenrinde) sind für mich auf diesem Fest das Symbol der russischen Lebensfreude und Aufgewecktheit.

Aus Komi mit Liebe!

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2019!

Meine lieben Leser,

alles Gute zum Neujahr! Ich wünsche euch ein erflogreiches und erignisvolles Jahr voll von neuen Eindrücken und Ideen! Und ein hübsches, fettes Schweinchen!!!

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„Schanga-Fest“ – wo sich am meisten der Magen freut!

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Für zwei Tage wurde der Ethnopark im Dorf Yb zum Mekka der finno-ugrischen Gastronomie. Hier trafen sich die Köche, die zu ihrem Schwerpunkt die nationalen Küchen der finno-ugrischen Welt machen. Die Gäste aus Finnland, Ungarn, Karelien, und Mari El verwöhnten die Festbesucher mit ihren Appetit erregenden Spezialitäten. Ich weiβ nicht, wie die anderen, ich habe mich auf das Festival auf nüchternen Magen begeben.

Fünf groβe Zelte luden die Besucher zu einer prächtigen Mahlzeit ein. Die erste Station meiner gastronomischen Tournee galt der finnischen Küche, denn hier zauberte der Chef-Koch Jyrki Tsutsunen (auf dem Foto).

SONY DSCEin sehr netter Mensch! Und was er zubereitet hat, war für den russishen Magen eine Exotik) Ich meine die Sauce aus Nesseln und Creme aus Nadeln (ich denke, ich habe bis jetzt noch den Geschmack des Tannenbaums in meinem Mund))) Aber es hat super geschmeckt!

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Auf dem Foto seht ihr die Sauce aus Nesseln. Die konnte man in einem Butterbrot probieren, das mit Renkefleisch belegt wurde. Die Renke ist ein fleischiger Fisch aus dem Norden der Republik Komi und ist sehr köstlich, besonders gesalzen (auf dem Foto unten).

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Die Spezialität von Jyrki war jedoch die Sahnesuppe aus Lachs. Aber 400 Rubel für das Tellerchen konnte ich mir leider nicht leisten. So habe ich nun das Butterbrot und eine Teigtasche mit Eiercreme probiert. Es war lecker! So sah meine bescheidene Mahlzeit aus))

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Ein bisschen später habe ich das finnische Zelt wieder besucht und diesmal mit dem Ziel den Preiselbeerenbrei mit Creme aus Nadeln zu probieren)

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Das ganze gastronomische Abenteuer mit neuen Genüssen erinnerte mich an etwas ganz gut Bekanntes. Ja! Das war der Geschmack der Natur, des Waldes! So schmeckt das Handvoll Preiselbeeren, die ich auf der Pilzjagd von Zeit zu Zeit sammle, um den Hunger im Wald etwas zu stillen. So riecht es am Ufer des Flusses, wenn wir während unserer Paddeltour etwas Nadelzweige ins Feuer legen, um die Mücken zu verjagen. Das ist der Geschmack der Heimat!

Als zweites besuchte ich das Komi-Zelt. Ich wollte nur einfach fotografieren, aber als ich dieses kulinarische Farbenspiel gesehen habe, lief mir das Wasser im Munde zusammen.

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Ja, die nationale Küche kann auch ästhetisch sein! Alles schlicht – Rentierfleisch, Pilze, Katroffel und Preiselbeeren, aber wie es aufgetischt wurde! Also ich habe mir Frikadellen aus Rentierfleisch auf dem Kartoffelfladen und Kartoffelsalat mit Pilzpotpourri bestellt.

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Als ich das Bestellte bekommen habe, erinnerte ich mich auf das Lied von Udo Lindenberg – „“0-Rhesus-Negativ“ – da verzog er sein Gesicht und meinte: „So’n Mist  ausgerechnet diese Sorte vertrag‘ ich nicht!“ Was war da im Glässchen? Sicher nicht das Blut – Preiselbeerensauce))

SONY DSCFoto: Kartoffelsalat mit Pilzen

Nach solch einer üppigen Mahlzeit viel es mir schon ziemlich schwer, die anderen Küchen kennen zu lernen))) So musste ich mich nur mit Fotos zufriedengeben. Dazu eine Galerie.

Im Park herrschte eine fröhliche Atmosphäre, nach dem Ptinzip – erst das Essen, dann das Spiel) Ich erinnerte mich sofort an den Spruch, den ich noch als Studentin gelernt habe – „Nach dem Essen sollst du ruh’n, oder tausend Schritte tun“. So habe ich beides gemacht!

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Eine Chill-out-Zone auf Komi-Art lud zum Verweilen ein. Schönes Wetter und gutes Essen – das ist das Rezept des perfekten Wochenendes. Nach einer kurzen Entspannung ging ich weiter auf die Foto-Safari durch den Park.

Das Fest dauerte zwei Tage und laut der Statistik wurde dort 150 L der fisnnischen Fischsuppe, 10 L Schwarzkohlsuppe, 30 kg von ungarischem Gulasch und 1300 Schangas gegessen. Und noch vieles mehr, was mir sehr schwer fällt aus dem Russischen ins Deutsche zu übersetzen)))

Rentiere sind schon weit weg in der Tundra… und der Sommer kommt und kommt nicht

Während mancher Europäer schon richtig die Sonne genieβt, frieren wir hier in Komi beim Schnee, Wind und Regen. Meine lieben Tulpen und Narzissen warten vergeblich auf die Sonne. Jeder Hobby-Gärtner klagt über die Unernte in diesem Jahr und hält den Boden pflanzenbereit. Aber… das liebe Wetter hat sein Spiel im Auge.

Ich habe meine Mutter angerufen, fröhlich mit ihr geplappert))) nun wie ist das Wetter, hab ich gefragt? – Frisch, es schneit, aber doch frisch))) – Es war am 4.Juni!

So denke ich, bin ich nicht spät mit dem zweiten Teil des Beitrags zum Rentierfest. Und meine Erinnerungen an das Fest sind noch frisch, wie halt das Wetter im Juni))))

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Nun waren die meisten Ereignisse des Festes vorbei und die Zuschauer haben endlich die Möglichkeit bekommen die Tiere zu streicheln. Besonders glücklich waren die Kinder, doch auch die Erwachsenen fanden den gröβten Spaβ, dem Tier sein Fellchen hinter den Ohren zu streichen.

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Ich war auch keine Ausnahme!

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Panem et circenses! Brot und Zirkusspiele! Ja, wir haben genug gesehen, nun meldete sich der Hunger. Die Gastronomie des Festes war gerade nicht variativ, aber sehr lecker – Rentierfleisch als Snacks geräuchert oder als Schaschlyk gegrillt. Die Snacks zum Bier sind Spezialitäten aus Inta und Vorkuta. Doch Bier trinkt man beim Frost nicht)) Das kaufen die Gäste des Festes eher als Souvenirs.

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Doch Schaschlyck war super! Obwohl das Fleisch selbst für solche Gerichte normalerweise nich geeignet ist, weil es fettarm ist. Man hat uns erklärt, dass das Fleisch zuerst geschmort wurde und dann schon gegrillt.

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Mit schwarzem Brot schmeckte das Fleisch himmlisch! Und eine Tasse herzhafter Brühe machte uns wieder munter. Die Brühe bekam man einfach aus der Teekanne) Natürlich konnte man auch Tee oder Kaffee kaufen, aber die Brühe was das Richtige für das Moment, um die Seele von innen zu wärmen!

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Aus Inta habe ich leckere Souvenirs auch mitgebracht: vor allem rohes Fleisch, denn in Syktyvkar kann man diese Köstlichkeit nicht kaufen (ich meine frisch nach dem Schlachten). Hier kann man nur Wurst und Snacks bekommen und für höhere Preise. Die Fotos zeigen das leckere Angebot.

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Genug gesättigt machten wir uns auf den Weg zu Abenteuern) Die Zuschauer konnten für 100 Rubel eine Runde auf den Rentierschlitten machen. Wir waren auch dabei.

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Nach allen Ereignissen des wunderschönen Tages war unsere kleine Gesellschaft ziemlich müde, noch ein gemeinsames Foto und wir gingen nach Hause.

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Wie schön wäre ein Heimfahrt so wie auf dem Foto!!! Aber wir gingen zu Fuβ auf den Wegen, wo im Sommer nur Fluss und Sumpf liegen. Und wir sprachen über das Leben, wie es den Frauen interessant sein kann.

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Zu Hause fiel ich auf das Sofa, meine Wangen glühten vor Frost, Sonne und Wind und mein Herz bebte vor Freude. Doch ich musste wieder nach Syktyvkar und meine Mutter war etwas traurig…

Als Erinnerung an diese Zeit hängt nun an der Wand ein Andenken – ein Stück Horn, und das gibt Hoffnung auf neue Eindrücke und Erlebnisse!

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