Archiv der Kategorie: Das Ethno-ABC

Wie ich die Sprache Komi zu beherrschen begonnen habe

Ja, das Verb „beherrschen“ ist das richtige Wort für mein Bemühen die Sprache Komi zu lernen. Schon seit langem hatte ich einen großen Wunsch auf Komi zu sprechen. Meine Schwiegereltern kennen beide Komi, mein Mann kann Komi verstehen aber nicht sprechen.

Warum eigentlich kam ich auf solch einen Gedanken? Dazu gibt es sehr viele Gründe. Die Republik Komi ist meine kleine Heimat und ich meine, dass es sehr wichtig ist, die nationale Sprache der Republik kennen und verstehen zu können. Ich bin hier aufgewachsen und immer hörte ich außer Russisch noch Komi. Und ich fand die Sprache früher so seltsam für mein Ohr.

Ich bin im Norden der Republik geboren, in der Stadt Inta, wo es sehr wenig Komi gibt. Auf den Straßen hörte man nur immer Russisch. Aber im Radio und Fernsehen wurde sehr viel Komi gesprochen. Jetzt finde ich die Sprache sehr melodisch und weich, weil ich verstehe, dass jede Sprache ein Unikum ist, das ist die Seele des Volkes, sein Reichtum und  sein Leben. Und weil ich auch Fremdsprachen gelernt habe und jetzt Deutsch unterrichte, ist es für mich von einem großen Interesse, mal eine ganz andere Fremdsprache zu lernen. Komi ist eine finno-ugrische Sprache, und das ist eine ganz andere Sprachfamilie. Mein Russisch-Ukrainisch-Deutsches Bewusstsein gewöhnt sich sehr schwer an dieses neue Sprachsystem, aber ich bin sehr motiviert. Unsere Lehrerin, Olga Stepanova, ist eine sehr nette Frau, TV-Moderatorin, und sie spricht so schön, dass ich mich mehr und mehr in diese Sprache verliebe.

img_0052Foto: Olga Stepanova – unsere Lehererin (https://komiinform.ru/news/134488/)

Besonders schön finde ich die Lieder. Das Lied „Katschasinjas“  (zu Deutsch: Kamillen)  ist mein Lieblingslied, und ich singe es immer mit Gefühl, wenn ich irgendwo in der Natur bin. Hier könnt ihr das Lied hören:

Der bekannteste komi Dichter Ivan Kuratov hat die Komi Sprache in seinem Gedicht besungen – Komi Kyv, das heute als die Ode an die Komi Sprache gilt.

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Foto: Ivan Kratov – Komi Dichter (1839-1875)

Dank meinem Kollegen habe ich die deutsche Nachdichtung gefunden. Wer sie gemacht hat, ist leider nicht bekannt. Aber ich kann behaupten, dass die Nachdichtung die Stimmung des Gedichtes sehr gut widergibt. So viel Gefühl und Liebe gibt es in jedem Wort!

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%d1%81%d0%bb%d0%b0%d0%b9%d0%b42Die deutschen Leser haben bereits bemerkt, dass die Komi Sprache einen Buchstaben hat, der auch echt deutsch ist – ö. Der wird aber nicht so, wie im Deutschen gesprochen. Für das deutsche Ohr ist es etwas zwischen dem langen o und dem offenen langen ä (wie Mädchen). Der Buchstabe Ö hat in Syktyvkar, der Hauptstadt der Republik Komi, sein Denkmal.

img-20150506094457-195Foto: Das Ö-Denkmal (http://komi.ru/upload/iblock/53b/img-20150506094457-195.jpg)

Mein heutiger Beitrag wäre ohne allgemeine Informationen über die Komi Sprache und ihre Geschichte nicht vollständig. Die Information stammt aus dem Buch von Tatjana Schwitai „Die Komi ASSR“ (Syktyvkar, 1984). Zur Geschichte der Komi Sprache:

„Komi gehören zu den kleinen Völkern, die schon vor der Revolution eine Schriftsprache hatten. Sie entstand im 14. Jahrhundert, ihr Schöpfer ist Stefan Chrap, der später den Namen Stefan von Perm erhielt.

Das ursprüngliche Wohngebiet der Komi lag in der Gegend des Oberlaufes der Kama und der Wjatka, in dieser Gegend standen sie mit ihren nächsten Stammesverwandten, den Wotjaken, in Berührung. Dann begann die Abwanderung der Komi nach dem Norden. Nach den Angaben der russischen Geschichtsquellen findet man Komi im 11.Jahrhundert schon an der Wytschegda, gegen Ende des 14.Jahrhunderts in der Gegend der heutigen Stadt Kotlas (das Gebiet von Archangelsk).

Als Grundlage der komi Sprache wird die altpermjakische Sprache angesehen, deren Träger sich im ersten Jahrtausend v.u.Z. im europäischen Nordosten angesiedelt hatten, daher wohl auch der Name Stefan von Perm.

Die Christianisierung der Komi weist eigenartige Züge auf. Das Bekehrungswerk wurde von dem Bischof von Perm, Stefan dem Heiligen (um 1335-1396) geleitet, der russischen Herkunft war, aber der komi Sprache mächtig war. Durch sein kluges und tolerantes Verhalten und die Überzeugungskraft seiner mit Missionsbewusstsein erfüllten Persönlichkeit vermochte Stefan der Heilige den größten Teil der Bevölkerung des Gebietes für das Christentum zu gewinnen. er stellte für die komi Sprache ein besonderes Alphabet, das sogenannte „Abur“ oder „Anbur“ zusammen; das „Anbur“ gilt als nationale Schrift der Komi.„

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Foto: Das Anbur-Alphabet

sykt_anburFoto: Der Name von der Hauptstadt der Republik Komi wird in Anbur dargestellt (http://finugor.ru/sites/finugor.ru/files/imce/sykt_anbur.jpg)

Seit 17.-18.Jahrhundert haben die Komi das Alphabet, dass dem russischen entnommen wurde.

А а Б б В в Г г Д д Е е Ё ё
Ж ж З з И и І і Й й К к Л л
М м Н н О о Ӧ ӧ П п Р р С с
Т т У у Ф ф Х х Ц ц Ч ч Ш ш
Щ щ Ъ ъ Ы ы Ь ь Э э Ю ю Я я

Doch es gibt zwei Buchstaben, dass der komi Sprache ihre Besonderheit verleihen – i und ö. Im Kurs, wo ich Komi lerne, hat man uns gesagt, dass die Komi die Laute ф (f), х (ch), ц (ts) und ч (tsch) nicht haben. Sie werden in den russischen Entlehnungen durch andere Buchstaben und Laute ersetzt. Warum? Das ist auch sehr interessant. Unsere Lehrerin hat uns erklärt, dass es wahrscheinlich damit verbunden war, dass die Komi als Heiden vor diesen Lauten Angst hatten.

Heutzutage spricht man in der Republik Komi das Komi-Syrjänische Dialekt. Die weiteren sind – das Komi-Permjakische und das Ostpermjakische (Jazva-Dialekt). Das Komi-Syrjänische hat in der Republik weitere Dialekte. Wir erlernen aber die Hochsprache (Literatursprache).

Mein Sprachkurs dauert zwei Monate und kostet mir keine Kopeke, denn er wird jährlich von dem Ministerium für die Nationalpolitik der Republik Komi veranstaltet und erzielt damit die Popularisierung der komi Sprache unter der übrigen multinationalen Bevölkerung unserer Republik. Wir machen uns im Kurs nicht nur mit den Raffinessen der komi Sprache bekannt, sondern auch mit Sitten und Bräuchen des Volkes Komi. Und das ist für mich, wie ihr wisst, sehr interessant. Ich hoffe, dass ich doch Erfolg erziele.

Став бурсö тiянлы! – Alles Gute an alle!

 

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Das Haus des Rentierzüchters ist wie ein Kuckucksnest

… ein Komi-Sprichwort.

Der Tschum ist ein traditionelles Wohnzelt, wo die Rentierzüchter an Sommer- und Winterweideplätzen in der Tundra leben. Er besteht aus einem Gerüst aus etwa 40 Holzstangen und wird mit Rentierfellen oder mit Stoff wie Schutzplane abgedeckt. Ursprünglich diente Birkenrinde zur Abdeckung des Gerüstes. Solche Tschums wurden im Sommer errichtet und waren kleiner als das Winterzelt. Birkenrinde wurde gerollt und im Laufe eines Tages im Kassel gekocht. Danach wurden einzelne Teile schichtweise aufeinander gelegt, so dass sie sich durchkreuzten. Sie wurden zu großen Tüchern genäht. Die weiche Birkenrinde war elastisch und widerstandsfähig gegen Austrocknen. Heutzutage wird die Birkenrinde nicht mehr verwendet.

Foto: Der Tschum aus Birkenrinde – ein Exponat im ethnographischen Museum der Republik Komi

Der Tschum ist leicht transportabel. Jedesmal, wenn die Rentierzüchter den Weideplatz wechseln, bauen sie ihn ab und transportieren auf den Narty-Schlitten (den Rentierschlitten) zu dem nächsten Weideplatz.

Foto: Die Narty

Der Tschum ist konusförmig, deshalb ist er gegen Schneesturm standfest, und der Schnee häuft sich nicht auf dem Konusdach. Gewöhnlich besteht der Gerüst aus 25-40 Holzstangen, die etwa 5m lang sind. Sie werden im Voraus beschaffen, wenn die Rentierherden noch in der Taiga auf Winterquartier sind. Für die Stangen gelten gerade Kiefernstämme. Sie werden angespitzt und beim Aufbau des Tschums in den Schnee oder in die Erde gesteckt. Je mehr Holzstangen, desto geräumiger ist der Tschum.

Zwei Abdeckungen werden mit dem Fell nach außen gespannt. Sie haben auf der oberen Kante kleine “Taschen”, mit denen sie auf den Gerüst hochgezogen werden. Außendecken werden gewöhnlich aus neuen Fellen genäht und die Felle  werden dabei leicht beschnitten. Für eine Decke braucht man etwa 40 Felle. Die Abdeckungen werden von den Tschumarbeiterinnen genäht. Die Tschumarbeiterin ist eine Frau, die im Tschum den Haushalt führt. Manchmal wohnen im Tschum zwei oder meherere Familien, so fertigt jede Frau Felldecken für ihren Teil des Tschums an.

Im Zentrum des Tschums steht immer ein Ofen. Er erwärmt den Raum. Auf dem Ofen wird auch das Essen zubereitet. Die Spitze des Konusdaches bleibt meist offen. Die Wärme steigt mit dem Rauch nach oben und auf solche Weise entsorgt man den Qualm. Die Wärme hält auch die Niederschläge an. Sie verdunsten bei hohen Temperaturen und gelangen nicht in den Innerraum. Im Sommer ist es schwer, den Ofen zu transportieren und dann wird kleines Feuer gemacht, das auch die Mücken verjagt.

Gegenüber dem Eingang hängt ein kleines Regal, die sogenannte Ehrenecke des Hauses. Ursprünglich wurden darauf verschiedene Schutzamulette und Schamanenzubehör gelegt. Seitdem sich das Christentum im Land der Komi verbreitet hat, stehen dort Ikonen oder die Sachen, die den Tschumbesitzern von großem Wert sind.

Im Tschum wohnen gewöhnlich zwei Familien. Im vorderen Teil des Tschums stehen zwei niedrige hölzerne Esstische. Jede Familie hat ihren eigenen Esstisch. Wenn gegessen wird, werden die Tische in die Mitte gerückt. Geschirr und die nötigen Haushaltsgeräte werden in Kisten oder Truhen aufbewahrt. Sie dienen manchmal als Stühle. Jede Tschumarbeiterin hat ihre eigene Kiste, wohin sie ihr Nähzeug legt.

Auf den beiden Seiten des Ofens werden einpaar Bretter gelegt. Das ist der Fußboden. Die andere Bodenfläche wird mit der Flechtmatte aus Birkenzweigen und Grashalmen bedeckt. Wenn darauf noch Rentierfelle gelegt werden, dient das als Bett. Am Morgen werden die Felle wieder zusammengerollt. Als die sogenannte Wand zwischen zwei Lebensräumen dient ein Bettvorhang, der das Familienleben der beiden Ehepaare in solch einem Zweiraumtschum abschirmt. Der Vorhang ist aus buntem großgeblumtem Kattun und das ist von großer Bedeutung. In der öden Tundra ist das Leben eintönig. Die Menschen brauchen Farbe. Die Bettwäsche sind deshalb auch bunt.

Die Fellbekleidung der Rentierzüchter – die Maliza – braucht eine besondere Pflege und muss getrocknet werden. Sie werden gewöhnlich vor dem Eingang auf einem Hacken gehängt. Die Maliza ist sehr warm, so dass man darin unter Umständen auch in der Tundra im Schnee übernachten kann. Die Kindermaliza ist besonders warm, so wird um die Gesundheit der Kinder gesorgt.

Sie wird auch auf eine besondere Weise genäht – aus doppelten Fellen und es gibt nur zwei “Öffnungen”, eine, um die Maliza anzuziehn, und die andere für das Gesicht. Die Kapuze muss direkt dem Kopf anpassen, so dass es keine gewölbte Stellen gibt. Nur die Augen, die Nase und der Mund bleiben unbeschützt. Man gelangt darin unter großen Schwierigkeiten und es fällt den Kindern doppelt so schwer, diese Fellbekleidung zu tragen, deshalb weinen die Kinder oft und machen das nun sehr ungern.

Fotos: Die deutschen Gaststudentinnen Swetlana und Sina erleben den Frauenalltag der Tschumarbeiterinnen.

Die Frauen- und Männermaliza unterscheiden sich auch voneinander. Die Frauen tragen sie bis zu dem Boden und die Männer etwas kürzer, bis zu den Knien. Dazu haben die Männer die hüftenhohen Pimy – genannt Toboki. Meisten wird die Maliza mit einem Schutzstoff bedeckt, um das Fell vor Niederschlägen zu schützen. Obwohl die Rentierzüchter die Tiere immer dabei haben, werden sie nur in Notfällen erschlagen. So lernt man die Dinge in der Tundra schätzen und auf eine besondere Weise aufbewahren.

Wenn der Weideplatz gewechselt werden muss (dieses Umherziehen nennen die Rentierzüchter ‘kaslanije’), haben die Tschumarbeiterinnen alle Hände voll zu tun. Das bedeutet, dass das ganze Hab und Gut eingepackt werden soll. Der Tschum wird abgebaut. Felle, Holzstangen und der übrige Hausgut, der Ofen und Bretter für den Fußboden werden auf die Narty gelegt. Wenn der Umzug lange dauert, wird Kaltverpflegung zubereitet.

Fotos:Wladimir Anufrijew

Gewöhnlich legen die Rentierzüchter 25-30km am Tage zurück. Im Sommer ziehen sie in die Tundra, im Winter kehren sie nach Hause zurück. Auch die Wahl des Platzes für den Tschum ist saisonbedingt. Aber eins wird streng verboten, und zwar, den Tschum nahe der Rentierzüchtergrabstelle aufzubauen. Dies ist ein besonderes Thema im Leben der Menschen in der Tundra. Wenn der Rentierzüchter stirbt (wegen des Unfalls oder aus anderen Gründen), wird er in der Tundra begraben. Die Leiche wird auf den weichen Tundra-Boden gelegt und mit Narty-Brettern und Fellen bedeckt. Mit der Zeit ensteht an diesem Platz ein kleiner Hügel, der mit Tundra-Vegetation bewachsen wird. Die Rentierzüchter versuchen auf Tundra-Aufmarschen diese “schlechten” Stellen zu vermeiden. Auch wenn die Grabstelle von einem Tier ausgeplündert wird, ist es ein schlechtes Zeichen.

Zurück zum Thema. Im Sommer wählt man offene hügelige Stellen nahe einem Fluss oder einem See. Im Winter sucht man eher nach einem windsicheren Versteck nahe dem Wald. In allen Fällen ist es wichtig, dass es neben dem Lager genug Rentierflechte gibt. Wenn die Rentierzüchter ihren Lager verlassen, bleibt der Platz immer sauber. Das Nomadenleben lehrt die Menschen umweltfreundlich sein, denn dieses Leben hängt von der Natur ab.

Bei dem Aufbau der Tschums werden alle betätigt. Zuerst “arbeiten” die Kinder tüchtig. Sie stampfen mit ihren Füßen den Schnee, bis man den festen Boden hat. Die Frauen packen das Gut aus und die Männer bauen den Tschum auf. Jeder einzelne hat seine eigene Aufgabe. Zuerst bestimmt man den Platz für den Ofen und erst danach werden die tragenden Stangen gestellt. Wenn die Konstruktion standfest ist, werden andere Stangen hinzugefügt. Bevor der Tschum mit Fellen aufgedeckt wird, wird der Innenraum mit allem Nötigen eingerichtet. Sonst werden der Ofen und Möbelstücke in die enge “Tür” nicht hineinpassen. Als Tür dient gewöhnlich eine herabhängende Felldecke.

Die Einrichtung des Tschums ist sehr einfach. Aus Möbel gibt es nur einen Tisch und einpaar niedrige Truhen, die auch als Bänke gebraucht werden können. In diesen Truhen werden Geschirr und Lebensmittel transportiert. Es gibt auch andere Sachen, die dem Rentierzüchter von großer Bedeutung und Brauchbarkeit sind. Dazu gehören zum Beispiel die Padko oder die Tutschu.

Die Padko – ist eine Tasche aus Rentierfell für Haushaltartikel, Kleidung, Beinbekleidung und Geschirr. Sie wird aus zwei dünnen halbovalen Stücken Rentierfell und Sämischleder genäht. Rentierfellstücke bilden die Breitenseiten der Tasche und Sämischleder wird für den oberen Teil der Tasche gebraucht. Die Padko wird mit einem Mosaikornament und bunten Bändern dekoriert. Die Tutschu – ist kleiner als die Padko-Tasche und dient für die Nähzeugaufbewahrung. Sie wird besonders reichlich mit Bändern und Lederstreifen verziert. An die Tutschu werden noch andere kleine Täschchen und ein Nadelkissen befestigt.

Im Winter toben in der Tundra Schneestürme und verwehen Wege und Pfade. Der eisige Wind schlägt ins Gesicht. Im Sommer werden Tier und Mensch von Myriaden blutsaugenden Stechmücken und Bremsen verfolgt. Das Nomadenleben, das die Rentierzüchter führen, bedeutet Verzicht auf Bequemlichkeiten und auch ständigen Widerstand unerträglichen Naturbedingungen. Doch jedes Jahr packen sie ihr Hab und Gut und begeben sich auf das größte Abenteuer ihres Lebens. Der Tschum ist die einzige sichere Stelle in der Tundra, wo man sich gemütlich und geborgen fühlt.

Die Pimy sind wieder in!

In Komi herrscht grimmige, eisige Kälte. Der Frost hat das Leben in der Stadt und all das menschliche Streben nach Aktivität für eine Woche lahmgelegt. Ehe man die Tür hinter sich schließt, bekommt man den eisigen Hauch ins Gesicht und die schneidende Kälte konserviert den Gesichtsausdruck, bis man wieder ein warmes, sicheres Versteck erreicht. Die Wendung „ein gefrorenes Lächeln“ ist jetzt direkt zu verstehen. Und der Satz „als wenn das Hirn ihm friere“ ist jetzt kein Schimpfausdruck, sondern ein Zeichen des Gefroren-Sein-Grades.

Frostgerötet und vom eigenen Atem bereift eilen sich die Menschen zu/von ihren alltäglichen Sorgen. Der Frost kneift in die Wangen und die Nase. Sie werden als die ersten von scharfem Wind getroffen. An den Haltestellen sieht man tanzende Gestalten. Sie springen, stampfen mit den Füßen. Das ist kein Flashmob. Das ist der strenge Frost, der die Menschen beißt und sich seltsam bewegen lässt.

Draußen, wo alles Stein und Bein friert, ist trotz des bedrohenden Stillstands des Lebens märchenhaft schön. Den Bäumen kann der Frost nicht anhaben. Ich bin heute etwas später aus dem Haus gekommen, um ein paar Fotos zu machen. Der Reif hat die Bäume in Gewänder aus feinstem Spitzengewebe gekleidet.

Sie stehen regungslos, als ob sie Angst haben, ihre prachtvollen Sarafane zu verlieren. Plötzlich weht ein leichter Wind und die Schneeschleppe wirbelt in der Luft im Sprühregen von winzigen Kristallen.

In allen unglaublichen Mustern hat Künstler Frost die Stadt ausgemalt. Die Tannen prahlen mit ihren üppigen bereiften Zweigen. Wer hat gesagt, dass sie ewig grün sind. Jetzt sind sie eher grauhaarig. Jede einzelne Nadel ist mit Silber verziert.

Die Birke – die Schönheit von Russland – steht in ihrem schicken mit Spitzen geschmückten Sarafan.  Ihre Zweige neigen sich pflanzenhaft unter dem Druck des Reifs. Vom Herbst vergessene Gräser erleben ihre zweite Blüte. Schade man kann sie als Blumenstrauß nicht nach Hause bringen.

Drähte, Autos, Denkmäler, Zwiebeltürme der Kirchen – alles ist bereift. Ich gehe langsam durch die Straßen und bewundere diese verschneite Galerie. Von Zeit zu Zeit mache ich Fotos. Ich muss stehen bleiben, um eine gute Perspektive zu finden. Ich fühle, wie die Kälte langsam an mir hochkriecht.

Meine Finger sind erstarrt, aber die kristallene Pracht zieht mich wie ein Magnet an. Die Sonne wirft die ersten Strahlen auf die vereiste Stadt. Der Schnee glitzert in der Sonne. Ein Bild aus Kinderträumen, wo der Väterchen Frost haust, wo er in Ruhe seine Geschenke bastelt. Sein eisiger Hauch verwandelt die Welt in Märchen.

… inzwischen friere ich mich bitterlich. Wenn ich nur die Pimy anhätte! Die Pimy sind die wärmsten Winterschuhe schlechthin.

Foto: Die Pimy – Winterschuhe auf Filzsohlen aus Rentierfell. Die moderne Variante.

Ursprünglich war das (und bleibt es auch heute) die frostsicherste Beinbekleidung der Rentierzüchter. Und sie verstanden es, gegen den Frost gewappnet zu sein. Die eisige Wüste der Tundra ist keine Promenade für die Modemenschen. Das Leben dort ist eine Überlebenssache.

Foto: Wenn man diese Winterschuhe sieht, so versteht man, dass die Rentierzüchter auch das Schöne verstanden. Diese Winterschuhe heiβen die Kissy. Sie werden von den Rentierzüchtern im Bezirk von Jamal-Nenzen getragen.

Die übrige Bevölkerung der Republik hat schnell alle Vorteile dieser Schuhe aus Rentierfell erkannt und heute sind sie aus dem Leben der Menschen im Norden nicht mehr wegzudenken. Die traditionellen Pimy sehen so aus.

Foto: Die traditionellen Pimy der Rentierzüchter.

Sie sind hüftenhoch und werden in den Knien mit dicken bunten Bändern umgebunden. Der obere Teil wird mit den Bändern am Gürtel befestigt. Die Frauenpimy werden aus dem weißen Fell gemacht, jedoch dunkel längsgestreift und mit dem dunklen „Pantoffelteil“. Das unterscheidet sie von den Männerpimy. Traditionell wird für die Pimy das von Beinen der Rentiere abgezogene Fell gebraucht. Es ist kurz und besonders fest. Die vordere Seite wird mit bunten Tuchstreifen geschmückt.

Was die modernen Pimy angeht, so heißen sie eigentlich die Burki (deutsch:  Filzschaftstiefel). Von Filzschaftstiefeln haben sie nur die Form, werden aber aus Rentierfell gemacht. Heutzutage gibt es die Pumy für jeden Geschmack. Oft werden sie mit komi nationalen Ornamenten geschmückt.

Foto: Der Muster mit dem komi nationalen Ornament.

Populär sind Muster mit Rentierköpfen. Es gibt auch richtige Kunststücke, die mit Glasperlen verziert sind. Sie sind die teuersten (bis zu 27000 Rubel).

Foto: Der Schmuck aus Glasperlen sieht schick aus. Diese Pimy werden von meiner Kollegin Natalja getragen. Sie kommt aus Sisjabsk (der Rayon Ishma, wo die Rentierzüchter der Republik Komi zu Hause sind). Ja… sie ist zu beneiden.

Foto: Auch Hausschuhe aus Rentierfell werden gern getragen.

Für die „bescheidenen“ kann der Republikbewohner etwa 12000 Rubel ausgeben. Aber sie sind kaufenswert. Wenn der Frost beißt geht es nicht um Mode und Geld, sondern um Wohlgefühl und Gesundheit. Manchmal sieht man draußen eine Frau im schicken Pelzmantel und… den Pimy. Die Pimy sind bei jung und alt beliebt und sind immer gefragt!

Foto: Grigorij Piel

Dieses Foto hat mir sehr gut gefallen. Die Braut (die ehemalige Studentin der Fakultät für Fremdsprachen Tatjana Wrublewskaja) trägt die Pimy. Sie hatte ihre Hochzeit gerade bei stärkstem Frost. Jedoch wollte sie auf die Tradition nicht verzichten, in die Umgebung der Stadt zu fahren, was die meisten Brautpaaren immer machen. Sie war gegen den Frost gewappnet!

Während ich den Artikel geschrieben habe, ist drauβen viel wärmer geworden. Man hofft auf einen angenehmen Spaziergang in der Neujahrsnacht. Und doch in den Pimy. Dann kann man die ganze Nacht hindurch feiern!

Einen guten Rutsch ins Neujahr!

Schanga – das runde Sonnenbrot (2)

Traditionelles Komi-Gebäck wird in vielen Cafes und Bäckereien Syktywkars (Hauptstadt der Republik) verkauft. Meine Lieblingsbäckerei, wo ich von Zeit zu Zeit etwas zum Naschen kaufe, veranstaltet jeden Donnerstag den Tag der Komi-Küche und bietet viele leckere Dinge wie Piroggen mit Preisel- und Heidelbeeren, Fischkuchen und auch dünne Schangas mit Kartoffel an. In der Mittagspause strömen Büroangestellten vom „City“ in die Bäckerei und kaufen den Laden aus.

Heutzutage bedauern einige Kenner der nationalen Küche, dass die dünne Schanga an ihrer Qualität und dem Geschmack eingebüßt hat. Die richtige dünne Schanga kommt brav und leicht knusprig aus russischen Öfen gebacken, die heutzutage nur in Dörfern zu finden sind. Ein Essen, das Feuer und pflegliche Hand braucht.

Die Suche nach der echten dünnen Schanga führte mich zu einer netten Frau – Rosa Punegova. In ihrem Kochbuch sammelt sie sorgfältig die alten Rezepte der nationalen Komi-Küche. Sie pflegt auch die Traditionen ihres Volkes und kann vieles aus dem Brauchtum ihrer Heimat erzählen. Sie lebt in der Prilusje, im Süden der Republik.

Auf dem Foto Rosa Punegova. Sie hat mir sehr gefallen.

Das erste Treffen mit Rosa war sehr interessant. Sie hat mir über ihre Familie erzählt und viele alte Fotos gezeigt. Ich mag alte Fotos, wo die Menschen so ursprünglich und nicht verwöhnt aussehen. Ihre Blicke sind offen und unverstellt. Wie auf diesem Foto, wo ihre Urgroßeltern dargestellt sind.

Auf dem Foto die Urgroβeltern von Rosa. Rosa hält dieses Foto für ein wertvolles Familienstück.

Rosa ist eine gutherzige Frau. Sie hat eine Behinderung am rechten Bein und ist in ihrer Arbeitsfähigkeit entsprechend eingeschränkt.

Doch sie will sich ihrem Schicksal nicht ergeben und leitet den Dorfverein für die Menschen mit Behinderungen. Sie ist sehr aktiv. Im vorigen Sommer veranstaltete sie den Sommerlager für Menschen mit (teilweise schweren) Behinderungen aus der Republik. Sie paddelten auf der Lusa, beteiligten sich an Meisterklassen, bewunderten die reichliche südliche Natur.

Foto: In der frischen Luft schmeckt die auf dem Feuer zubereitete Suppe aus dem selbst geangelten Fisch prima!

So viel Freude liest man von den Gesichtern dieser Menschen ab. Einige waren zum ersten Mal in ihrem Leben aus dem Zuhause gereist.

Foto:  Im Sommerlager wurden auch Puppen gemacht! Wer weiβ, wie viel Mut und Ausdauer es dafür bei Menschen mit Behinderungen braucht. Viele können ihre Finger und Hände kaum bewegen!

Was mich an Rosa gewundert hat, dass sie weiche mollige Hände hat. Ich habe mir sofort vorgestellt, wie sie mit diesen Händen den Teig knetet. Sie hat aber das Backen nicht von Kindheit an gelernt. Als ihre Mutter noch am Leben war, hat Rosa niemals gebacken. Sie brauchte das nicht, sie hatte doch ihre Mutter. Aber eines Tages sagte ihr die Mutter, dass sie backen lernen muss, wie könnte dann die Tochter ihrer Mutter gedenken, wenn die sterben würde… Bald darauf verstarb sie. Rosa war niedergeschlagen. Sie dachte sehr oft an die Worte ihrer Mutter. Die südlichen Komi haben einen Brauch, der verstorbenen Verwandten gedenkt man mit Selbstgebackenem. Es wird auf dem Friedhof gegessen: gebratener Fisch und Backwaren sind ein Muss bei so einer Gedenkmahl.

Rosa begann also zu backen. Die ersten Schangas waren mit bitteren Tränen angemacht und schmeckten gar nicht. Jetzt veranstaltet die Hobby-Bäckerin Meisterkurse im Backen. Auf allen regionalen Festen sind ihre Schangas auf dünnem Boden zu kaufen. Dabei macht sie alles nach Augenmaß und nicht nach bestimmten Mengen. Sie sagt, dass die Schanga dadurch noch schmackhafter wird.

Hier ist das Rezept von Rosa.

Teig: Roggenmehl, Weizenmehl, Kefir (Sauermilch), Eier, Mayonnaise, Speisesoda, Salz, Pflanzenöl, Butter oder Margarine.

In Kefir einen halben Teelöffel Speisesode, Salz, 1-2 Eier, 2-3 Esslöffel Mayonnaise zugegeben und kräftig umrühren. Dazu etwa 2 Gläser Roggenmehl und etwa 1 Glas Weizenmehl geben. Nach und nach Pflanzenöl zugeben und den Teig kneten, bis er homogen wird und nicht an die Hände klebt. Den Teig eine halbe Stunde ruhen lassen. Aus dem Teig kleine Kugeln (25-30g) machen und ganz dünn ausrollen.

Der ausgerollte Schangaboden muss rund sein, zum Ausschneiden kann man eine Untertasse benutzen oder einen kleinen Eimer (in solchen wird bei uns oft Mayonnaise verkauft). Die Ränder dieses Eimers sind scharf und machen gute runde Formen.

Für den Belag nimmt man Kefir, Mayonnaise, Eier, Salz, Speisesoda, Gerstengrütze, Weizengrütze, Maisgrieß.

Grütze in Kefir oder Sauermilch für 12 Stunden bei Raumtemperatur einweichen so, dass die Flüssigkeit die Grütze noch mit 1cm bedeckt. Das Verhältnis der Grützenmenge zueinander ist proportional. Weizengrütze verbessert den Geschmack und Maisgrieß gibt der fertigen Backware eine goldgelbe Farbe. Nachdem die Grütze richtig Wasser bekommen hat, gibt man noch 1-2 Eier, 2-3 Esslöffel Mayonnaise, einen halben Teelöffel Speisesoda und Salz zu. Nach dem Umrühren den runden Teigboden mit der Masse bestreichen. Für jeden Boden nimmt man nicht mehr als 2 Esslöffel Masse. Die Masse muss man gleichmäßig verteilen, so dass das ganze Teigstück etwa 1 cm dick ist. Vor dem Backen wird die Oberfläche noch mit Mayonnaise bestrichen.

Einige gebrauchen mit Sauersahne geschlagene Eier. Aber Rosa meint, dass nach dem Backen die goldgelbe Backkruste, mit der die Schanga bedeckt wird, leicht aufbricht. Sie bestreicht die gebackenen Schangas mit zerlassener Butter. Die frisch gebackene Schanga schmeckt am besten mit Milch.

Spürt ihr schon das Aroma? Ich schon.

Schanga – das runde Sonnenbrot

In der Republik Komi tritt der Winter in Macht. Mit jedem Tag gibt es mehr Schnee. Es ist frisch und frostig. In Dörfern werden die Öfen tüchtig geheizt. Der blaue Rauch steigt zum Himmel. Im Haus herrscht eine gemütliche Atmosphäre. Die Feuerzungen tanzen im Ofen und werfen tanzende Schatten auf die Wände. Ich warte auf diese Zeit, denn das bedeutet, dass ich mich vor den Ofen setze, das Feuerspiel beobachte und diese angenehme Wärme in mein Herz einfließen lasse. Das Knistern des Feuers fasziniert mich. Ich genieße die Tage im Dorf, im Elternhaus meines Mannes.

Draußen riecht es nach hunderten geheizten Öfen. Manchmal spürt die Nase das Aroma des frisch gebackenen Brotes. Nur im russischen Ofen werden die richtigen Komi-Backwaren zubereitet.

Wenn man die Landsleute fragt, welches traditionelle Komi-Gebäck sie den Gästen zum Tee anbieten würden, sagen sie, ohne lange darüber nachzudenken – die Schangas. Schanga ist eine bekannte Backspezialität aus der finno-ugrischen Welt. Auch die nördlichen Russen (im Gebiet Archangelsk und Sibirien) preisen die bescheidene runde Backware an. Man unterscheidet Schangas mit dickem und mit dünnem Boden. National geprägt ist die Schanga mit dem dünnen Boden aus Roggenmehl, weil dieses Getreide von den Komi sehr oft für die Backerzeugnisse verwendet wird. Es ist historisch bedingt, weil im Land der Komi früher nur Roggen angebaut wurde. Das Klima war für Weizen nicht günstig. Die runde Form der Schanga ist symbolisch und ist für viele Komi-Backwaren typisch. Das soll an die Sonne (komi: schondi) erinnern, die von den Komi sehr verehrt wurde.

Foto: Schanga auf dem dünnen Boden

Die Schanga ist fladenförmig. Auf den Fladen wird eine Masse gegeben. Als Belag werden Kartoffel, Pilze, Quark und Gerstengrütze verwendet.

Die üppige „dicke“ Schanga wird aus Hefeteig gemacht. Aus dem Teig werden kleine Kugeln gemacht und zu runden Fladen ausgerollt (etwa 5-7mm dick und 100mm breit). Darauf wird Belag (hauptsächlich Quark- oder Kartoffelmasse) gegeben und gleichmäßig verteilt.

Foto: Schanga auf dem dicken Boden mit Quark

Quarkmasse: Quark durch den Sieb reiben, Eier, Zucker und etwas Mehl zugeben und gut vermischen. Zum Bestreichen Eier mit Sauersahne schlagen und die Oberfläche damit bepinseln. Die fertige Schanga wird mit zerlassener Butter bestrichen. Diese Schanga wird auf komi ryska schanga genannt.

Kartoffelmasse wird aus gekochten Kartoffeln und Milch gemacht. Zum Bestreichen werden auch mit Sauersahne geschlagene Eier verwendet. Nach dem Backen werden die Schangas ebenso mit zerlassener Butter bestrichen. Manchmal gibt man in die Kartoffelmasse gebratene Pilze zu. So schmeckt die Schangas  noch besser! Die Komi nennen das kartupelja schanga.

Foto von Polina Romanowa: Die Schangas warten im Ofen

Foto von Polina Romanowa: Frisch aus dem Ofen. Bald wird es mit Milch vorzüglich schmecken.

Foto von Polina Romanowa: Diese gutherzige Frau heiβt Jekaterina Murawjowa. Sie lebt im Dorf Yb (im Rayon Syktywdin). Die Schangas hat sie aus Ziegenmilch gebacken.

Im nächsten Artikel berichte ich über die Schangas auf dem dünnen Boden.

Die Fortsetzung folgt…

Stroganina

Stroganina (nenzisch: Aibartsch) ist eine Zukost aus feingefrorenem Rentierfleisch – die eigenartige Spezialität der Rentierzüchter im Norden der Republik. Stroganina wird in dünnen Stäbchen geschnitten, aber in kleinen Portionen, um die vorzeitige Entfrostung zu vermeiden. Es wird roheingefroren aufgetragen. Für die Verstärkung des Geschmacks dieser Speise muss man sie in die besondere Masse eintunken – Mackanina – die sogenannte Marinade aus Salz und schwarzem Pfeffer.