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Dem Baum zur Plage, dem Menschen zur Freude

Maserknolle – die bizarre Laune der Natur

Maserknolle (russ.: kap) – ein Holzfehler, der sich als ein unförmiger Auswuchs des Baums erweist, verbirgt in sich ein Geheimnis der Natur – der Schein trügt oft. Aus Fehlern entsteht Erstaunliches! Ein erfahrener Handwerker weiß, dass dieses missgewachsene Stück kranken Holzes ein Unikat ist. Er ritzt vorsichtig die Birkenrinde an, reibt die geöffnete Stelle mit einem feuchten Lappen, wenn es keinen gibt, dann ungeduldig mit dem begeiferten Finger. So entdeckt er den Stoff, aus welchem dann ein richtiges Kunstwerk entsteht. Die lebhafte, wirbelige Textur fasziniert ihn und schon ist er im Banne der Phantasie und schöpferischer Begeisterung.

Was sieht er in diesen buckeligen Formen – eine zierliche Ente, einen spielerischen Bären, einen stolzen Elch, einen üppigen Frosch, eine behende Eidechse oder sogar einen graziösen Schwan.

Diese Darstellungsobjekte sind ziemlich oft anzutreffen. Die Handwerker halten sich fest an den Traditionen der Komi-Volkskunst, die sich im Laufe von mehreren Jahrhunderten entwickelt haben. Tiere und Vögel, als auch mythologische Gestalten reizten schon immer die Einbildungskraft der künstlerischen Naturen, abgesehen davon war es ein erfahrener Meister oder ein gewöhnlicher Bauer. Die Natur bestimmte das Weltanschauen unserer Vorfahren und fand ihre Widerspiegelung in der naiven Volkskunst.

Aus: Volkskunst der Komi. L.S.Gribowa (1984)*:

„Besonders typisch für die Komi der vergangenen Zeiten sind die Salznäpfe in Form von Enten, … darum nannte man die Salznäpfe auch generell „Utiza“ – Ente. Solch eine Ente gehörte früher zu jedem Haushalt. Es war nämlich Brauch, dass der Bauer, der die Ente eigenhändig anfertigte, sie am Hochzeitstag seiner Tochter schenkte. Die Zahl der gefertigten Enten richtete sich nach der Zahl der Töchter, die er zu verheiraten hatte. Manche Enten waren auf dem Rücken mit Entekücken versehen, die sogar in mehreren Reihen übereinander angebracht waren. Auf diese Weise wünschte man der neugegründeten Familie Wohlergehen und viele Kinder. In der Mythologie der Komi und anderer Völker der finnougrischen Gruppe war die Ente (komi: tschosh) die Urmutter der Welt: Sie legte ein Ei, das in zwei Hälften zerbrach. Aus der oberen Hälfte bildete sich der Himmel mit all seinen Gestirnen, aus der unteren bildete sich die Erde mit der Flora und Fauna. Der Nachhall dieses Glaubens an die Ente als Urmutter widerspiegelt sich in der traditionellen Verschenkung einer Ente an die Braut“.

Der Elch (komi: jora) verkörpert nach den mythologischen Vorstellungen der Komi Mannesstärke und Widerstandskraft. Die Jagd auf den Elch war gefährlicher als auf den Bären. Das bestätigt ein komi Sprichwort: „Gehst du auf Bärenjagd, halte das Krankenbett bereit, jagst du auf den Elch, dann musst du dir einen Sarg zimmern“. Der Jäger, der einen Elch geschlagen hatte, gilt als besonders geschickt. Man sagte auch, dass die Waldgeister ihm besonders geneigt waren. Im vorigen Herbst brachte mein Mann etwas Elchenfleisch aus dem Wald. Er war nicht der Jäger (ihm würde das Haselhuhn als Ideal vorschweben). Man bat ihn zu helfen, den Schlachtkörper aus dem Wald zu tragen. Fast den ganzen Winter hatten wir Elchenfleisch auf dem Tisch – im Backofen mit Möhren und Trockenaprikosen ohne Steine geschmort hat es vorzüglich geschmeckt. Manchmal habe ich geschmortes Fleisch mit Preiselbeerensauce serviert. Ja, eigentlich habe ich den Erzählfaden verloren. Zurück zum Thema!

 Der Bär (komi: osch) nahm einen besonderen Platz in der Mythologie der Komi als Sohn von Jon – eines der Demiurgen, der die obere Welt regierte. Das ist eine interessante mythologische Gestalt und verdient einen eigenen Artikel in meinem Blog.

Auch der Frosch (komi: ljaguscha) spielte in den kosmogonischen Mythen der Komi eine bedeutende Rolle als tierische Erscheinungsgestalt der Demiurgen. Nach einigen Vorstellungen besaß der Frosch eine Hexenkraft. Die anderen hielten ihn für ein Gottesgeschöpf und das Symbol der Fruchtbarkeit.

Nicht nur Tiere werden aus Maserknollen angefertigt. Es kann auch eine Schale sein. Kleine Löffel und Salznäpfe wirken ebenso dekorativ.

Sein Spitzengewebe der Textur verdankt Maserknollen den „übergewachsenen“ schlafenden Knospen (auch Augen genannt). Die Maserung hat dann einen besonders dekorativen Effekt und wirkt einfach verblüffend. Sie erinnert an Malachit, Karneol oder Serpentinit.

Man unterscheidet noch eine Art der Wuchsanomalie – die Verwachsung, die eine bescheidene aber nicht weniger ausgeprägte Holzmaserung erweist. Der wellige Faserverlauf führt zu sanften pommelé, geperlten, geflammten und geriegelten Texturen. Es wird oft auch mit der Textur des Bernsteins verglichen. Aus diesem Holz werden ebenso erstaunliche Gegenstände gemacht.

In Russland wird diese Wucherung als swil’ oder suwel’ bezeichnet. Es entsteht oft, wenn der Baum verletzt wird. Dann beginnt sich die Wunde zu verwachsen, wird kugelförmig oder kann völlig den Stamm umringen. Ich bin leider im deutschen Äquivalent des Begriffs nicht sicher, deshalb, wenn ein Fachmann meinen Blog einmal besuchen wird, dann bitte ich ihn um seine fachmännische Hilfe – wie könnte diese Art des Holzfehlers heißen? Oder ist das Wort „Verwachsung“ korrekt? Ja…, in diesen Dingen bin ich ein blutiger Laie.

Wenn man Erzeugnisse aus Maserknollen und verwachsenem Holz betrachtet, spürt man die Wärme, die sie ausstrahlen. Das wird durch ihre Textur und eine besondere Verarbeitungsart erzielt. Wenn die Bearbeitungstechnologie richtig eingehalten wird, bekommen die Stücke gelbe, rosabraune oder ockerbraune Farben, die warmes Licht sprühen.

Maserknollen (aller Art) sind launisch wie Frauen und brauchen von den Handwerkern (meistens Männern) Aufmerksamkeit, Geduld, Ausdauer und lassen sich nur für viel Geld verkaufen. Je ausgeprägt ist die Maserung, desto erschreckend höher sind die Preise. Das Erzeugnis aus Maserknolle ist ein Geschenk für den Zaren. Viele Politiker, die die Republik besuchten, haben diese Kunstwerke geschenkt bekommen. W.Putin, B.Jelzin, W.Tschernomyrdin bewunderten die Arbeit der Komi-Handwerker.

Ich wollte mal einen kleinen Löffel aus Maserknolle kaufen. Als ich mich nach dem Preis (1000!!! Rubel) erkundigt hatte, dachte ich: „Mensch! Ist der Löffel aus Gold?“ Ich fragte den Meister, warum das Stück so teuer ist. Er hat mir seine Hände gezeigt – Wunde auf Wunde – und erzählt, wie es schwer ist, den Stoff zu verarbeiten. Zuerst wird Holz ausgewählt, dabei handelt es sich um eine stundenlange „Jagd“ in der Taiga. Die Maserknolle wird mit etwas Stammholz vom Baum abgeschnitten. Die Rinde wird vorsichtig entfernt. Dort, wo die Maserknolle ins Stammholz übergeht, wird eine Figur mit dem Hohlbeitel geschnitzt, und aus der Kugel entsteht die Schale.

Die Figur muss mit der Schale eine harmonische Komposition bilden, wo die Linien sanft ineinanderfließen. Nachdem der Rohling getrocknet worden ist, werden die Wände der Schale dünner gemacht. Danach folgt das Schleifen zuerst mit dem dicken und dann mit immer feiner werdendem Schleifpapier. Dann wird das Erzeugnis gebeizt. Die Beizfarbe muss den Hauptakzent auf die Holzmaserung legen. Nach der Trocknung wird es noch einmal mit dem feinsten Schleifpapier geschliffen. Und letztendlich kommt die Wachsung: Die Schale wird geölt und getrocknet, und wieder geölt und getrocknet, bis die Oberfläche seidenmatt wird.

So vergehen mehrere Tage in mühevoller Arbeit. So entsteht ein Kunstwerk. Es hat den Geruch der Taiga und die Wärme der spärlichen nördlichen Sonne eingesaugt und ist eine Augenweide. Ich kann meine Augen von diesen sanften Formen und wirbeliger Textur nicht abwenden und bewundere den Reichtum der Volkskunst der Komi. Es gibt noch so vieles zu entdecken. Wir machen das zusammen!

*aus: Volkskunst der Komi. L.S.Gribowa, Oberassistentin der Fachrichtung Ethnographie am Institut für Sprache, Literatur und Geschichte der Komi-Filiale der Akademie der Wissenschaften der UdSSR, Doktor der historischen Wissenschaften, 1984