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Pilzjagd. Neue Saison

Das alte Thema klingt jedes Jahr wie neu. Pilzsaison in Komi ist wieder in vollem Gang. Der Wald wird zur Mekka vieler Pilzpilger, zu denen in Komi fast jeder Republikbewohner gehört. Die Sozialnetzwerke strotzen von Pilzfotos, und jedes findet anerkennende Worte – „Wie schön!“, „O, wie niedlich!“, „Ein braver Kerl!“, „Wo sind solche Kerle nur zu finden?“. Die Trophäen werden zuerst von allen Seiten fotografiert und dann schon in den Korb gelegt.

So ist es bei mir immer.

Die stille Jagd, so wird das Pilzsammeln genannt, hat bei uns immer viele Anhänger. Still – bedeutet ohne Gewehr, ohne Lärm, aber sehr oft hört man jubelnde Ausrufe, und dann versteht man – die Jagd hat begonnen! Man geht auf die Spur, gerät in den Sucheifer und der Korb wird mit jedem Schritt schwerer. Viel glücklicher ist man, wenn man eine ganze Pilzfamilie erwischt. Die Rotkappen bilden immer so brave kinderreiche Familien.

Foto: Viktoria Pimenova

Foto:Ewgenij Tropnikov

Foto:Irina Kalinina

Foto: Eines der schönsten Fotos von Jgor Trier

Foto: Wladmir Tischenko

Die üppigen Steinpilze machen sich würdevoll. Sie fühlen sich so erhaben, dass sie fast immer allein stehen. Sie brauchen viel Platz für ihre Würde und prahlen mit ihren prächtigen Formen.

Foto: Andrej Kosinez

Foto: Valentina Sakussova

Es fällt mir immer schwer dieses Gefühl zu beschreiben, wenn man einen Pilz findet. Das ist eine Mischung von Vorfreude, Jubel, Begeisterung, Bewegtheit und schließlich Jagdfieberbefriedigung. So vergisst man jede Sorge. Die Stille des Waldes und frischer Wind verjagen aus dem Kopf jeden Kummer und man fühlt sich wie neugeboren. Waldtherapie ist das beste Mittel die Energie für den langen Winter zu tanken.

Aber ein reicher Pilzpfad kann manchen Pilzjäger in Gefahr führen. Jeden Sommer verlieren sich die Menschen im Wald. Meistens findet man selbst den Weg nach Hause. Einigen wird das Leben gerettet. Aber es gibt leider auch eine traurige Statistik.

Als ich Schülerin war, war ich sehr oft im Wald. Im Norden der Republik kann die stille Jagd zu einem Abenteuer werden, einem gefährlichen Abenteuer. So war es mir einmal auch so. Da es zu der Zeit keine Geräte außer Kompass gab, konnten wir uns nur mit seiner Hilfe orientieren.  Doch statt uns nach dem Süden zu führen, zeigte er die nördliche Richtung. Wir waren tief in der Waldtundra, praktisch ohne Essen und bald ohne Kräfte. Der sumpfige Boden machte den weiteren Weg unmöglich. Wir setzten uns auf den gefallenen Baum und plötzlich hörten wir in der Ferne eine ganz leise Zugsirene. Wir merkten uns die Richtung. Außerdem orientierten wir uns nach dem Moos an den Bäumen. Bekanntlich gibt es viel Moos an der Südseite des Baumes. Nach einigen Stunden waren wir schon am Fluss und wir sollten eine sichere Furt über den Fluss finden. Es war sehr schwer, denn es war ein Bergfluss. Wir beschlossen uns am Fluss zu rasten und zu übernachten. Wir schliefen am Feuer auf Kiefernzweigen. Als ich mich schlafen legte, warf ich einen Blick auf die Kiefer und sah eine Teufelsfigur im Anzug mit einem langen Schwanz. Am Morgen stellte es sich heraus, dass die Kiefer am Stamm eine gebrannte Stelle hatte und der Schwanz war so gut wie ein schwarzer Zweig. Schrecklich! Wir waren zwei Tage im Wald, nahe der Verzweiflung. Mein Bewusstsein machte aus jedem Baumstumpf eine Figur und ich hatte Angst verrückt zu werden. Ich dachte an meine Mutter und hoffte auf das Beste.

Nur zu Hause verstand ich, wie gefährlich unsere Lage war. Mein Körper war in lauter Mückenstichen. erschöpft fiel ich auf mein Bett und schlief bis in die Puppen. Als ich am nächsten Tag wieder die Augen aufgemacht hatte, sagte die Mutter, dass ich mehr als 24 Stunden geschlafen habe. Seit dieser Zeit bin immer vorsichtig im Wald. Wenn ich meinen Mann aus der Sicht verliere, rufe ich nach ihm. Ihm gefällt es nicht. Er will im Wald seine Ruhe genießen. Manchmal aber fotografiert er mich).

Die stille Jagd ist überall in Komi verschieden. Im Norden fährt man mit dem Zug, um den richtigen Wald zu erreichen. Solche Züge nennt man oft „Pilzzug“.

Foto: Wladimir Tischenko – Pilzzug

In Vorkuta ist schon Tundra und Inta (meine Heimatstadt) steht auf dem sumpfigen Boden und es gibt dort keinen richtigen Wald. Einige Pilzjäger bleiben im Wald dann für einige Tage, sammeln Pilze und verarbeiten sie sofort am Ort, trocknen oder salzen sie.

Foto: Wladimir Tischenko

Foto: Wladimir Tischenko

Foto: Wladimir Tischenko – alles sieht so appetitlich aus!

Sie leben in einem Zelt oder in einer Jagdhütte, was in der Waldtundra viel besser ist. Im Norden werden hauptsächlich Rotkappen, Reizker und Birken-Milchlinge gesammelt.

Foto: Wladimir Tischenko

Foto: Dmitrij Tribunskij – eine reiche Ernte in der Tundra

In südlichen Gebieten ist die Pilzjagd wie ein Spaziergang. Weiße Kiefernwälder sind durchsichtig und das Jagdrevier wird deshalb oft durchgewandert. Hier sammelt man Steinpilze, Pfefferlinge, Wimpernmilchlinge – lauter „adelige“ Pilze. Oft trifft man unterwegs Leute und sagt einender „Hallo!“ und wünscht eine gute Jagd. Mein Schwiegervater fühlt sich im Wald wie zu Hause. Einmal haben wir für die deutschen Studenten (das war die Sommerschule 2013 in Syktywkar) einen Ausflug in den Wald gemacht. Sie wunderten sich sehr darüber, dass er ohne GPS im Wald läuft. Angelo fragte mich: „Ludmilla, wie kann es sein? Wir stiegen aus dem Auto aus, liefen etwa 2 Stunden im Wald herum, und stehen wieder vor dem Auto?“ Unsere deutschen Gäste waren vom weißen Kiefernwald einfach begeistert. Aus ihren Trophäen haben sie Pilzpfanne gemacht.

Foto: Christopher hat einen Pilz gefunden!

Foto: Unsere Sommerschule 2013

Mein Schwiegervater ist seit seiner Kindheit ein „Waldmensch“. Ich bin kein Waldmensch, aber ich fühle mich im Wald sehr wohl (neben meinem Mann natürlich). Diesen Urlaub habe ich in Komi verbracht, und wir waren fast jeden Tag im Wald. Und die Ernte ist in diesem Jahr sehr reich sowohl an Pilze als auch an Beeren. So viele Pilze habe ich noch nie in meinem Leben gesammelt.

Foto: Andrej Doronin – lauter Pfefferlinge

Foto: Nikolai Koltschurin – voll beladen

Foto: Sergej Martynov – wohin mit den Pilzen?

Einige fotografieren ihre Ernte und machen das sehr phantasievoll!

Foto: Irina Kalinina

Foto: Inna Koreiko

Foto: Ein Lieblingsfoto von mir)

Die Ernte muss aber noch verarbeitet werden. Was macht der stolze Pilzjäger zu Hause? Ruht sich aus, genießt die Trophäen und erntet damit Lorbeeren, erzählt in übertriebener Weise über die prächtigsten Exemplare? Ach, nein! Zu Hause beginnt die ganze Arbeit: Pilze putzen, schneiden, kochen, trocknen, marinieren, braten – je nach Geschmack. Ich koche die Pilze und lege sie dann ins Gefrierfach. Dann kann ich im Winter alles daraus zubereiten, was Herz und Magen begehren. Brotaufstrich aus Pilzen ist auch lecker, hier nennt man sie „Pilzkaviar“.

Foto: Eine Pfanne mit „Pilzkaviar“

Manche Pilze geraten an den Straβenrand und werden verkauft.

Foto: Andrej Kosinez

Einige haben einen Fotoset. Das ist eine sehr wunderschöne Serie von meiner Kollegin Tatjana Karlova.

Pilzästhetik!

Und hier das leckerste Foto – Piroggen mit Pilzfüllung! Greift zu, liebe Leser!

Die meisten Fotos stammen aus dem Sozialnetzwerk „Vkontakte“ (Die Gemeinschaft „Komi – Land der Pilze“).